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Medizin:Warum ältere Menschen nach Operationen oft geistig abbauen

Um das Delir nach Operationen oder schweren Krankheiten zu vermeiden, ist Nähe zu festen Bezugspersonen wichtig - und Bewegung.

(Foto: imago stock&people/Imago Stock&People)

Nach schweren Erkrankungen sind viele Patienten verwirrt, apathisch oder aggressiv. Dabei kann das Gehirn Schaden nehmen.

Von Astrid Viciano

Wer kennt sie nicht, jene Geschichten, in denen das Leben plötzlich den falschen Kurs einschlägt. Da ist der Vater nach seiner Operation nicht mehr der Alte, die Mutter findet nach ihrem Klinikaufenthalt den Weg nach Hause nicht mehr. Was früher nur traurig zur Kenntnis genommen wurde, wird inzwischen intensiv erforscht: wann und warum Patienten nach ihrer Zeit im Krankenhaus geistig abbauen - nach einem operativen Eingriff etwa oder einer schweren Erkrankung wie Covid-19.

Zunächst können sich manche Menschen nach einer OP schwer konzentrieren und sind verwirrt, ängstlich und reizbar, haben manchmal sogar Wahnvorstellungen. Vor allem Patienten älter als 65 Jahre leiden an diesem sogenannten Delir. Auch wenn es meist nur Stunden bis Tage andauert, kann es für die Betroffenen langfristige Folgen haben, wie eine aktuelle Meta-Analyse im Fachblatt JAMA Neurology ergab: Nach einem Delir haben die Patienten ein 2,3-fach erhöhtes Risiko, geistig abzubauen, so berichtet es ein Team um den medizinischen Psychologen Terry Goldberg der Columbia University in New York.

Ein Delir erhöht das Risiko für kognitive Einschränkungen - warum, ist noch unklar

"Die aufwendige Analyse bestätigt eindrücklich, dass ein Delir das Risiko für kognitive Einschränkungen dauerhaft erhöht", sagt Simone Gurlit, Leitende Ärztin der Abteilung für perioperative Altersmedizin am St.-Franziskus-Hospital in Münster. Immerhin erkranken nach einer Operation Schätzungen zufolge etwa zehn bis 20 Prozent der älteren Patienten an einem Delir, nach dem Aufenthalt auf einer Intensivstation sogar zwischen 50 und 80 Prozent.

Goldberg und Kollegen untersuchten in ihrer Studie vor allem auch, ob das Delir den geistigen Abbau tatsächlich auslöst. Oder ob die kognitiven Defizite nach einem Delir nur zum ersten Mal auffallen, aber schon vorher bestanden. Um der Antwort näherzukommen, hatte der Psychologe zunächst Studien an Menschen ausgewertet, die bereits kognitive Defizite aufwiesen. Tatsächlich bauten sie nach einem Delir geistig schneller ab als vorher. Und Menschen, die vor der gefürchteten Komplikation geistig völlig fit waren, klagten später über Probleme mit Gedächtnis oder Konzentration. "Ein Delir ist womöglich ein unabhängiger Risikofaktor für den Abbau kognitiver Fähigkeiten", vermuten die Studienautoren daher - wohl wissend, dass sie anhand der analysierten Beobachtungsstudien keinen kausalen Zusammenhang nachweisen können.

Noch haben Mediziner nicht im Detail erforscht, wie ein Delir im Gehirn entsteht. Klar ist jedoch, dass zwei Botenstoffe aus dem Gleichgewicht geraten: Es mangelt an Acetylcholin, Dopamin gibt es dagegen im Überfluss. Auch kommt es zu einer Entzündungsreaktion im Gehirn. "Dennoch wissen wir nicht genau, ob das Delir den geistigen Abbau auf diesem Wege auslöst", sagt Gurlit.

So könnte es zum Beispiel sein, dass die Patienten wegen des Delirs nach einer Hüftoperation keine Rehabilitation machen können. Manche der Betroffenen werden nämlich unruhig und ungeduldig und reagieren aggressiv. "Mit ihnen ist in der Klinik schwer umzugehen", sagt die Medizinerin. Die meisten der Betroffenen sind dagegen stark verlangsamt. "Dann liegen die Patienten nach einer Operation apathisch im Bett, statt frühzeitig wieder auf die Beine zu kommen", sagt Gurlit. Daher können sie nicht so schnell in ihr gewohntes Umfeld zurückkehren, nicht die üblichen Kontakte pflegen, ihren Alltagsaktivitäten nachgehen. "Das trägt vermutlich wesentlich dazu bei, dass sie geistig abbauen", vermutet die Ärztin.

Was aber keinesfalls bedeutet, dass ältere Menschen jegliche Klinikaufenthalte meiden sollten. "Die Patienten sollten nur darauf achten, dass es unter den richtigen Bedingungen stattfindet", sagt die Medizinerin. Dafür prüft Gurlit nach Ankunft der Patienten deren kognitive Leistungsfähigkeit, untersucht auch, wie gebrechlich sie sind - ob sie soziale Kontakte haben, ob sie gut genährt sind, ob sie kürzlich einschneidende Erlebnisse durchgemacht haben, wie etwa den Verlust von Partner oder Partnerin.

"Wenn ein Patient bereits geistige Defizite hat und gebrechlich ist, beugen wir gezielt einem Delir vor", sagt sie. So versucht sie, beruhigende Medikamente wegzulassen, auch erhalten ältere Patienten keine Schlafmittel wie etwa Benzodiazepine, die das Risiko für ein Delir erhöhen. Wenn möglich, vermeiden die Chirurgen ihrer Klinik zudem eine Vollnarkose, sie operieren etwa einen Schenkelhalsbruch mithilfe einer Teilnarkose über das Rückenmark.

Vor allem aber hat Gurlit eigens Altenpflegerinnen eingestellt, die Risikopatienten als feste Bezugsperson bei allen Untersuchungen bis zur möglichen Operation in der Klinik begleiten. Das soll den Betroffenen die Angst nehmen, in der fremden Umgebung Sicherheit geben - und damit das Risiko für ein Delir reduzieren. Normalerweise.

Aktuell allerdings muss die Medizinerin samt Pflegepersonal wegen des Coronavirus den Kontakt zu den Patienten auf das Nötigste beschränken. "Das belastet uns sehr", sagt Gurlit. Statt einer Vertrauensperson müssen die ohnehin gefährdeten Patienten in der fremden Klinikumgebung allein mit Ärzten und Pflegepersonal zurechtkommen, die sich alle hinter Schutzmasken verstecken. Immerhin hat die Ärztin durchgesetzt, dass die Angehörigen die Patienten weiterhin besuchen können. Damit die Betroffenen weniger gestresst sind und so hoffentlich bald in ihr gewohntes Leben zurückkehren können.

© SZ/weis
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