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Archäologie:Forscher entschlüsseln antike Wundermaschine

Mechanismus von Antikythera; Forscher entschlüsseln antike Wundermaschine von Antikythera

Nur ein Drittel des "Mechanismus von Antikythera" ist noch erhalten.

(Foto: Tony Freeth)

Der "Mechanismus von Antikythera" war eine archäologische Sensation - und seit über 100 Jahren ein Rätsel: Was konnte die Maschine, die 2000 Jahre lang auf dem Meeresgrund lag? Die Antwort verblüfft.

Von Rainer Kayser (dpa)

Es war ein archäologischer Zufallsfund: Im Jahr 1900 stießen Schwammtaucher vor der zwischen der Peloponnes und Kreta gelegenen griechischen Insel Antikythera auf ein römisches Schiffswrack. Auf der Basis von Münzfunden ließ sich der Untergang des Schiffs auf den Zeitraum zwischen den Jahren 70 und 60 vor Christus datieren. Unter den zahlreichen Objekten, die von Tauchern im Laufe der Zeit aus dem Wrack geborgen wurden, war ein stark korrodierter Messingklumpen, eingebettet in die Reste eines Holzkastens, sowie zahlreiche offenbar dazugehörige Bruchstücke.

Erste Untersuchungen in den Folgejahren deuten darauf hin, dass es sich bei dem Messingklumpen um die Überreste einer überraschend komplexen feinmechanischen Apparatur handelt - einer Art antiker Rechenmaschine. In den 1950er Jahren zeigen Röntgenuntersuchungen im Inneren des Messingklumpens Zahnräder und mechanische Bauteile, sowie zahlreiche eingravierte Inschriften. Und es zeigt sich, dass der Mechanismus sogar noch älter ist: Er stammt offenbar bereits aus dem späten 2. Jahrhundert vor Christus.

Damit wurde der "Mechanismus von Antikythera" endgültig zur archäologischen Sensation: Der Apparat besitzt ein feinmechanisches Niveau, das man weder den Alten Griechen noch den Römern zugetraut hatte - und das in Europa erst anderthalb Jahrtausende später wieder erreicht wurde.

Aber wie genau hat die Rechenmaschine funktioniert - und was konnte sie alles anzeigen? Auf diese Fragen gab es bislang keine vollständigen Antworten. Viele Forscher sahen in dem Mechanismus lediglich eine Art astronomischer Uhr zur Nachbildung der Bewegung von Sonne und Mond, die unter anderem zur Vorhersage von Sonnen- und Mondfinsternissen diente.

Andere Wissenschaftler waren jedoch davon überzeugt, dass der Mechanismus eine Art analoger "kosmischer Computer" war, der sogar die scheinbare Bewegung der in der Antike bekannten Planeten am Himmel korrekt wiedergeben konnte. Doch ein großer Teil der Rechenmaschine war verloren gegangen - nur etwa ein Drittel hat das Schiffsunglück und die Jahrtausende auf dem Meeresgrund überstanden.

Wissenschaftler mussten also versuchen, aus diesem Drittel und den darin enthaltenen Inschriften den gesamten Apparat zu rekonstruieren. Dabei sind nun Tony Freeth vom University College London und seine Kollegen offenbar erfolgreich gewesen - wobei sie bei der Interpretation der Inschriften das bekannte astronomische Wissen der Antike einfließen ließen.

Ausgangspunkt der Analyse waren 2005 aufgenommene Röntgenbilder, die weitere Inschriften auf der Rückseite des Mechanismus zeigen. Außerdem halfen den Forschern zwei Zahlen auf die Sprünge, die sich auf der Vorderseite fanden: 462 und 442. Mit diesen Zahlen ließ sich, so fanden Freeth und seine Kollegen heraus, mithilfe von Zahnrädern die Bewegung der Planeten Venus und Saturn relativ zur Erde darstellen.

Ausgehend von dieser Erkenntnis gelang es den Forschern, ein vollständiges Modell des Mechanismus von Antikythera zu rekonstruieren. Und zu zeigen, dass es tatsächlich die Bewegung nicht nur von Sonne und Mond, sondern auch der fünf in der Antike bekannten Planeten mit hoher Genauigkeit wiedergibt.

Es handele sich um das Werk eines Genies, schreiben die Forscher: "Es kombiniert die Zyklen der babylonischen Astronomie, die Mathematik von Platos Akademie und die astronomischen Theorien der alten Griechen miteinander." Als nächstes müsse man zeigen, dass sich das rekonstruierte Modell tatsächlich mit den in der Antike bekannten handwerklichen Verfahren herstellen lasse.

© SZ
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