Archäologie:Diadem der Macht

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Archäologie: Ein silbernes Diadem aus dem Grab von La Almoloya.

Ein silbernes Diadem aus dem Grab von La Almoloya.

(Foto: Arqueoecologia Social Mediterrània Research Group, Universitat Autònoma de Barcelona)

Archäologen haben in einem 4000 Jahre alten Grab eines Paares in Südspanien prächtige Beigaben entdeckt. Den Kopfschmuck trug die Frau. Hatten Frauen in der Bronzezeit vielleicht deutlich mehr Macht als bisher angenommen?

Von Peter Strigl

Ohrringe mit eingehängten Spiralen, Armbänder und auf dem Kopf ein Diadem mit einem großen Oval auf der Stirn, alles aus Silber gefertigt. Derart geschmückt fanden Archäologen der Autonomen Universität Barcelona 2014 das Skelett einer Frau aus der Bronzezeit im spanischen La Almoloya. Die Frau war zusammen mit einem Mann in einem großen Krug bestattet. Was die Entdecker bereits damals überraschte: Das Gros der Grabbeigaben war der Frau zuzuordnen. Insbesondere das Diadem lässt die Forscher folgern, dass die Frau von herausragender Stellung gewesen sein muss. Wie eine Krone könne es als weithin sichtbares Zeichen von Macht gelten.

Das widerspricht dem gängigen Klischee der von Männern dominierten Vorgeschichte. Das Diadem ist jedoch das sechste seiner Art - und alle wurden auf den Köpfen von Frauen gefunden. In einem Artikel im Fachmagazin Antiquity diskutieren die Forscher aus Barcelona und der beteiligten Max-Planck-Institute für Menschheitsgeschichte in Jena und für ethnologische Forschung in Halle, was das über die Rolle der Frau in der El-Argar-Kultur aussagen könnte, der das Paar angehörte.

Archäologie: Goldene Ohrringe aus dem Grab von La Almoloya - sie gehörten vermutlich dem beigesetzten Mann.

Goldene Ohrringe aus dem Grab von La Almoloya - sie gehörten vermutlich dem beigesetzten Mann.

(Foto: Arqueoecologia Social Mediterrània Research Group, Universitat Autònoma de Barcelona)

Die hoch entwickelte Kultur im Südosten der iberischen Halbinsel erstreckte sich zwischen 2200 und etwa 1500 vor Christus auf einem Gebiet der Größe Belgiens. Das Paar lebte im 17. Jahrhundert vor Christus, wie Genanalysen ergaben. Damit konnten ihnen die Forscher außerdem ein Kind zuordnen, dessen Überreste bereits früher gefunden wurden.

War der Mann für die Durchsetzung zuständig, während seine Partnerin die Regierungsgeschäfte führte?

Das prachtvolle Grab liegt inmitten eines großen Gebäudekomplexes, der als politisches Machtzentrum gedient haben könnte. Darauf lässt nicht nur ein 130 Quadratmeter großer Versammlungssaal schließen, sondern auch die zahlreichen Werkzeuge und Gefäße in den anderen Räumen. Für damalige Verhältnisse müsse man von einer Art "Palast" sprechen, so die Forscher. Das im großen Saal bestattete Paar wären demnach die Herrscher; die Menschen wurden damals in Krügen oder Steinkisten in ihren Häusern beigesetzt.

Die El-Argar-Kultur war vermutlich eine extrem hierarchische Gesellschaft, an deren Spitze eine wohlhabende Elite wie das Paar aus La Almoloya stand. In dem Grab lagen insgesamt 230 Gramm Silber. Das entspricht 938 Tageslöhnen für einen Arbeiter im damaligen Babylon. Dass das Gewicht der gefundenen Silberspiralen ziemlich genau einem babylonischen Schekel (8,33 Gramm) entspricht, könnte darauf hindeuten, dass es bereits Handelsbeziehungen mit diesem weit entfernten Großreich gab.

Archäologie: Kupferspitze mit Griff aus Silber.

Kupferspitze mit Griff aus Silber.

(Foto: Arqueoecologia Social Mediterrània Research Group, Universitat Autònoma de Barcelona)

Während das Gros der Schmuckstücke der Frau zugeordnet werden kann, sind dem Mann ein Schwert und ein Dolch beigelegt. Das lässt die Wissenschaftler vermuten, dass die Frau womöglich die Amtsgeschäfte der Regierung führte, während es dem Mann oblag, die Entscheidungen anschließend in die Tat umzusetzen. Auch die "ideologische Legitimation" der Herrschaft könnte in weiblichen Händen gelegen haben. So oder so würde es die bisher angenommene Rollenverteilung in der Vorgeschichte infrage stellen.

Philipp Stockhammer, Professor für ur- und frühgeschichtliche Archäologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hält die Schlüsse des Teams aus Katalonien und Deutschland jedoch für zu weitreichend: "Es handelt sich hier zweifellos um ein mächtiges Herrscherpaar", so Stockhammer. "Aber wer die Macht hatte, lässt sich nicht sagen." Für ebenso falsch hält er jedoch die umgekehrte These, die Macht dem Mann zuzusprechen. "Als Archäologen wissen wir nicht, wer, wann, wo, in welcher Situation das Sagen hatte."

Solche Aussagen ließen sich erst für Kulturen treffen, die schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben, so Stockhammer. Unter diesen Schriftkulturen finden sich auch in der Frühgeschichte unzweifelhafte Beweise für mächtige Frauen an der Spitze, etwa Nofretete, die gemeinsam mit ihrem Gemahl Echnaton über das Ägypten des 14. Jahrhunderts vor Christus herrschte.

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