Linguistik-Forschung Das Geheimnis des Stammelns

Stimmlage, Wortwahl und Mimik: Ein einfaches Gespräch zwischen zwei Menschen besteht aus einem komplizierten Regelwerk. Forscher haben nun die Funktionen des "äh" und "hm" unseres alltäglichen Sprachgebrauchs ergründet - und nebenbei herausgefunden, warum Margaret Thatcher nie verstanden wurde.

Von Katrin Blawat

Die meisten seiner Gäste hatte Fernsehmoderator Denis Tuohy im Griff. Sie antworteten, wenn sie gefragt wurden, und schwiegen, wenn der Talkmaster redete. Nur mit Margaret Thatcher klappte das nicht. In Interviews fiel Tuohy der damaligen Premierministerin immer wieder ins Wort. Seinen Kollegen ging es ähnlich. Waren das missglückte Versuche, die "Eiserne Lady" zu beeindrucken?, fragten sich drei Psychologen um Geoffrey Beattie von der University of Sheffield danach in einer Studie mit dem Titel "Warum wird Mrs Thatcher so oft unterbrochen?" im Fachmagazin Nature. Oder konnten die Moderatoren vielleicht schlicht nicht erkennen, wann Thatcher zu reden aufhören würde?

Ob zwei Freunde telefonieren, der Nachbar über das Wetter redet oder Kollegen Gerüchte austauschen - stets gehorchen solche alltäglichen Wortwechsel einem komplizierten Regelwerk.

(Foto: plainpicture/Fancy Images)

Dass tatsächlich letzteres die vielen Missverständnisse verursachte, zeigten die Analysen der Psychologen. Offenbar vermittelte nichts an Thatchers Stimmlage, Betonung, Wortwahl oder Mimik ihrem Gegenüber eindeutig, ob sie im nächsten Moment mit ihrer Antwort zum Ende kommen oder noch einmal ausholen würde.

Die Thatcher-Interviews zeigten Millionen Fernsehzuschauern, was unbemerkt bleibt, wenn Gespräche reibungslos verlaufen. Ob zwei Freunde telefonieren, der Nachbar über das Wetter redet oder Kollegen Gerüchte austauschen - stets gehorchen solche alltäglichen Wortwechsel einem komplizierten Regelwerk. Es steht in keinem Duden, macht reibungslose Gespräche aber erst möglich, seien sie inhaltlich noch so banal, grammatikalisch voller Fehler und stilistisch verstümmelt. Derzeit finden Forscher des Max-Planck-Instituts (MPI) für Psycholinguistik im niederländischen Nimwegen Hinweise dafür, dass diese Regeln möglicherweise sogar über verschiedene Kulturen hinweg gelten.

Eine ideale Unterhaltung kommt ohne Gesprächslücken und Überschneidungen aus", sagt MPI-Forscher Nick Enfield. "Natürlich entstehen trotzdem Pausen in einer Unterhaltung - aber die erfüllen dann eine Funktion." Dass ein komplexes Geflecht ungeschriebener Regeln eine kurze Unterhaltung auf dem Büroflur steuern soll, erscheint zunächst überraschend, besteht doch mancher Wortwechsel vor allem aus einer Aneinanderreihung von "äh", "hm" und anderem Gestotter. "Wenn wir solche Gespräche zu Papier bringen, wirkt es so, als enthielten sie eine Menge Müll", sagt der Linguist Peter Auer, einer der Direktoren des Freiburg Institute for Advanced Studies. "Dabei passiert nichts zufällig."

Das belegen zum Beispiel Untersuchungen des Linguisten Charles Goodwin von der University of California. Er zeigt, dass es nicht unbedingt an Unsicherheit liegt, wenn ein Sprecher sich selbst unterbricht, zum Beispiel mit einem eingestreuten "äh". Stattdessen kann er dieses Verhalten auch als Taktik einsetzen, um Aufmerksamkeit einzufordern. In Goodwins Analysen richtete der Zuhörer seinen Blick - und damit auch seine Konzentration - erst dann auf den Sprecher, nachdem dieser sich selbst unterbrochen und neu angesetzt hatte. War der Blickkontakt zwischen den beiden Gesprächspartnern erst einmal hergestellt, beendete der Sprecher seine Aussage ohne weitere Unterbrechungen. Auch das vermeintlich konfuse Einschieben eines zweiten Gedankens in einen noch gar nicht zu Ende formulierten ersten kann seinen Zweck erfüllen. "Der Zuhörer ist dann schon darauf vorbereitet, dass der abgebrochene erste Gedanke noch auf der Agenda steht und später wieder aufgenommen wird", sagt Auer.