Artenschutz Warum Laubbläser gefährlich sind

Nicht nur auf Wegen, auch unter Bäumen und auf Wiesen wird das Laub zusammengeblasen. Wie hier in Hamburg auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

(Foto: dpa)

Im Herbst dröhnen wieder die Maschinen und bedrohen den Lebensraum von Tieren, Kleinlebewesen werden geradezu geschreddert. Umweltschützer Magnus Wessel erklärt, was die "Arbeitsplatzvernichter" anrichten.

Interview von Thomas Hummel

Herbstzeit ist Laubbläser-Zeit. Hausmeister und Gärtner werfen ihre Geräte an und blasen die Blätter zusammen. Die Kritik daran ist seit Jahren vielfältig: Enormer Lärm, Aufwirbelung von Feinstaub, Dreck bis zu pulverisiertem Hundekot. Dazu zerstört die Arbeit den Lebensraum vieler Tierarten. Magnus Wessel, 42, Leiter Naturschutzpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), erklärt die Auswirkungen der Laubarbeiten auf die Natur und warum der Mensch das eigentlich macht.

SZ: Herr Wessel, die Zahl der Insekten und Vögel geht in Deutschland stark zurück, der Igel ist bedroht. Welchen Anteil daran hat die systematische Laubbläserei?

Magnus Wessel: Das ist noch nie ausgerechnet worden. Was feststeht: Herumliegendes Laub bietet Unterschlupf und Nahrung für die am Boden lebenden Kleintiere wie Würmer, Insekten, Spinnen und Kleinsäuger. Fehlt das, wird das Leben für Nützlinge wie Regenwürmer und Co. schwerer. Zudem werden bei der Arbeit mit Laubbläsern und -saugern kleine Lebewesen praktisch geschreddert. Sie überleben den Transport durch den heftigen Luftstrom nicht, wir reden hier von über 220 Stundenkilometer. Und wo keine Insekten oder Würmer sind, sind bald auch keine Vögel mehr.

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Welchen Stellenwert hat die Laubbläserei im Gesamtproblem Artenschutz?

Im Vergleich zu einer Herbizid-Dusche über einem Feld oder der Versiegelung der Städte und Landschaften durch Straßen und Bauwerke ist das ein eher kleines Thema. Eines aber, das uns direkt vor Augen führt, wie stark der Mensch den Lebensraum der Tiere beschneidet. Für einige Arten kann es der letzte Schubs über die Klippe sein. Klassisches Beispiel ist der Igel. Der findet in einem gesäuberten und zubetonierten Garten keinen Unterschlupf im Winter. Das führt dazu, dass die Tiere nicht gut in den Winter kommen und entweder von Menschen aufgesammelt werden oder einfach sterben.

Warum räumt der Mensch eigentlich das Laub weg?

Auf Wegen hauptsächlich aus Haftungsgründen. Als Haus- oder Parkbesitzer ist man zivilrechtlich verantwortlich, wenn jemand auf dem Laub ausrutscht und sich den Knöchel bricht. Im öffentlichen Recht ist das inzwischen potenziell flexibler, denn im Bundesnaturschutzgesetz gibt es seit 2009 einen Passus, der für naturtypische Gefahren die Haftung ausschließt. Die Waldbesitzer etwa wollten nicht mehr dafür geradestehen, wenn jemand beim Spaziergang im Sturm zufällig von einem herabfallenden Ast getroffen wird. Gerade für öffentliche Parks könnte hier in punkto Laub eine Chance liegen. Bislang allerdings gehen alle auf Nummer sicher.

Weshalb in den Stadtparks alles Laub von den Wiesen und unter den Sträuchern heraus geblasen wird?

Das hat auch mit dem ästhetischen Empfinden der Menschen zu tun. Hier eine Chance für mehr Artenvielfalt zu geben, hieße zu erkennen, dass höheres Gras oder ein Laubhaufen etwas Schönes sind. Wer aber einen 'Englischen Rasen' haben will, der kann natürlich kein Laub gebrauchen. Generell kritisieren wir den Einsatz der Blasmaschinen in öffentlichen Parks, weil sich Städte wie etwa Nürnberg zum Schutz der biologischen Vielfalt verpflichtet haben. Diese könnten mit sinnvollem Umgang mit Herbstlaub bei ihren kommunalen Grünflächen und der Schulung des eigenen Personals beginnen. Allerdings lagern viele Kommunen die Laubarbeit an Fremdfirmen aus. Aufgrund der Ausschreibungsregeln wird dann meistens der billigste Anbieter genommen, dessen oft ungeschulte Mitarbeiter gar nicht wissen, was sie da tun.

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Einige Kommunen appellieren an Bürger, die Laubbläser möglichst selten zu nutzen. Warum setzen sie das nicht auf den eigenen Flächen besser um?

Firmen oder Stadtverwaltungen setzen die Dinger hauptsächlich ein, weil sie dadurch Personal einsparen. Das sind kleine Arbeitsplatzvernichter. Das gleiche Ergebnis bekommt man ja auch mit Besen und Harke. Doch das kostet mehr Zeit und man benötigt mehr Mitarbeiter. Die Auswirkungen auf die Natur wären dafür wesentlich sanfter.

Ermüdet es Sie, dass der langjährige Kampf von Naturschutzverbänden gegen die Laubbläser kaum Wirkung entfaltet?

Das Problem der Lärmbelästigung hat immerhin regional zu Reglementierungen geführt. Meistens durch engagierte Gemeinderäte oder Privatinitiativen. Jetzt tendieren viele Käufer zu Elektrogeräten, die viel leiser sind. Das Thema Ermüdung gibt es für einen Naturschützer ohnehin nicht, als BUND sind wir lange Kämpfe für die gute Sache gewöhnt. Der Beschluss zum Atomausstieg hat sich 40 Jahre hingezogen.

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