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Nationaler Waldgipfel:Auf dem Holzweg?

Borkenkäfer wüten im Sauerland

Immicke in Nordrhein-Westfalen: Wo einst Fichten standen, sind nur noch ein paar Laubbäume übrig.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Um Klimaneutralität zu erreichen, spielen die Wälder eine Schlüsselrolle. Allerdings wird ihre Leistung dabei womöglich überschätzt.

Von Benjamin von Brackel

An einem heißen Tag schreitet Marc Hanewinkel einen Schotterweg im Rheinwald von Hartheim im Südwesten Deutschlands ab. Nach wenigen Metern öffnet sich rechterhand eine Freifläche von der Größe von 13 Fußballfeldern mit Buschvegetation und ein paar einzelnen Bäumen wie einer einsamen Kiefer. Grillen zirpen, es riecht nach wildem Thymian. "Das war alles mal gesunder Kiefernwald", sagt der Professor für Forstökonomie und Forstplanung an der Universität Freiburg. "Der ist in den letzten fünf Jahren abgestorben."

Über Jahrhunderte konnte die Kiefer an diesem trockenheißen Ort überleben. Dann kamen die Dürrejahre 2018 und 2019 mit Temperaturen bis zu 40 Grad Celsius und gaben ihr den Rest. Überall auf der Rheinebene bis hinauf nach Frankfurt sind Kiefern abgestorben und haben Grassteppen hinterlassen. Genauso erging es der Fichte im Harz, im Erzgebirge oder im Sauerland.

Der Hartheimer Rheinwald ist ein Extrembeispiel, aber Orte wie dieser zeigen, wie anfällig Baumarten gegenüber den Folgen des Klimawandels sein können. Und wie übertrieben womöglich die Erwartungen sind, die gerade auf dem Wald lasten: Laut neuem Klimaschutzgesetz will Deutschland bis 2045 klimaneutral werden. Sektoren wie die Landwirtschaft oder Industrie dürfen dann zwar noch 35 Millionen Tonnen CO₂ ausstoßen, allerdings muss die gleiche Menge an Kohlenstoff durch sogenannte natürliche Senken wie Moore, Grasland und eben Wälder wieder aufgenommen werden. Inwiefern der Wald diese Rolle erfüllen kann, wird auch Thema auf dem Nationalen Waldgipfel am Mittwoch sein, zu dem Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner eingeladen hat.

Drei Prozent der derzeitigen Gesamtemissionen sollen durch natürliche Senken ausgeglichen werden. "Das klingt nicht viel, ist es aber", sagt Ulrike Döring vom Umweltbundesamt. In der Bilanz erreichen nämlich die natürlichen Kohlenstoffsenken heute nicht diesen Zielwert. Und ob sich die Leistung der Wälder, die derzeit die größte Kohlenstoffsenke in Deutschland bilden, auf dem derzeitigen Level aufrechterhalten lässt, bezweifeln Experten.

Viele Fichten und Kiefern kommen jetzt in ein erntereifes Alter

Das liegt auch am Alter vieler Wälder: Ein Großteil des Fichten- und Kiefernwalds in Deutschland wurde nach dem zweiten Weltkrieg gepflanzt, um billiges Bauholz für den Wiederaufbau zu haben. Inzwischen sind viele dieser Bäume über 70 Jahre alt. "Wir haben einen relativ hohen Anteil von Nadelholzbeständen, die in ein Alter kommen, in dem sie für die Nutzung interessant werden", sagt Andreas Bolte, Leiter des Thünen-Instituts für Waldökosysteme in Eberswalde. "Wenn diese Bäume geerntet werden, können sie keinen Kohlenstoff mehr zusätzlich binden."

Deshalb wird darüber debattiert, einen Teil der Fichten noch ein, zwei Jahrzehnte stehen zu lassen. Allerdings haben Borkenkäfer und andere Schädlinge die Waldbesitzer dazu gezwungen, an vielen Orten die Hölzer schon jetzt einzuschlagen. Von einer "ungünstigen Situation" spricht Bolte. "Wenn uns die mittelalten Bäume fehlen, dann dämpft das die Senkenleistung."

Dürrejahre, Käfer und Holzeinschläge haben den Wald womöglich bereits in eine Kohlenstoffquelle verwandelt. Mit anderen Worten: Es wird mehr Holz eingeschlagen oder geht verloren als neues hinzu wächst. Genau weiß man das allerdings erst 2024 - wenn der neue Waldzustandsbericht vorliegt.

"Die Senken sind da, aber man muss sie reaktivieren", sagt Döring. Also Moore wiedervernässen und Wälder aufforsten. "Das ist keine technische Lösung, die man mal ansetzt und dann wird das CO₂ gebunden, sondern ein langfristiger Prozess."

Das Problem: Viele Bäume speichern erst nach ein paar Jahrzehnten relevante Mengen an Kohlenstoff. Und die zukünftigen Klimafolgen dürften das Waldwachstum deutlich beeinträchtigen, wie der Hartheimer Rheinwald zeigt. Dort, wo vor ein paar Jahren noch ein Kiefernwald stand, streift Marc Hanewinkel durch die Gräser, an jungen Bäumen vorbei, die ihm bis zum Kinn reichen und in Reihen gepflanzt sind, versehen mit Metallschellen und in grüne Röhren verpackt, die sie vor Rehen schützen sollen: Spitzahorn, Linde, Baumhasel, Esche, Flatterulme, Grauerle. Es ist ein aufwendiges Experiment mit ungewissem Ausgang: Welche Arten halten den Klimawandel überhaupt noch aus? Der Forstökonom blickt auf ein paar Nussbäume. "Die sterben von oben nach unten ab." Dann nimmt er eine Reihe Spitzahorne in den Blick, von denen nur noch die Stängel stehen. "Alle kaputt." Und schließlich zwirbelt er ein Ulmenblatt liebevoll in den Händen. "Die werden auch nicht alt."

An weniger extremen Orten ist es leichter, die wichtigste Kohlenstoffsenke des Landes zu pflegen. So kann man Buchenwälder erhalten, damit die Bäume bis ins hohe Alter wachsen und Kohlenstoff speichern. Oder Fichten- und Kiefernwälder mit Laubbäumen wie Buchen unterbauen, damit es nach Ausfällen keine Kahlflächen gibt. "Wir müssen diese labilen Wälder noch schneller in stabile Wälder umbauen", sagt Christian Ammer, Professor für Waldbau und Waldökonomie an der Universität Göttingen. "Aber das ist leichter gesagt als getan."

© SZ
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