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Klimawandel:Warum die Klimakrise Sibirien besonders hart trifft

38 Grad Celsius wurden in der arktischen Stadt Werchojansk gemessen.

(Foto: Olga Burtseva/AP)

Seit Monaten ist es im Norden Sibiriens viel zu warm, die Brände weiten sich aus. Der Grund könnte ein noch unbekannter Prozess sein.

Die beispiellose Hitzewelle in der sibirischen Arktis hält an, die in der Region wütenden Brände weiten sich aus - und noch ist längst nicht geklärt, was das Phänomen zu bedeuten hat. Schon seit Ende vergangenen Jahres ist es in Sibirien viel wärmer als sonst, im Westen der Region waren es laut einer Analyse des europäischen Klimadienstes Copernicus von Dezember bis Mai rund fünf Grad mehr als normal. Und der Juni brachte neue Rekorde innerhalb des Polarkreises, etwa kürzlich die Temperatur von 38 Grad Celsius in Werchojansk. Nie zuvor war es so weit nördlich so heiß.

Mal liegt das Zentrum der Anomalie etwas weiter westlich, mal wandert es nach Osten - Werchojansk etwa liegt in der Republik Sacha (Jakutien) in Russlands fernem Nordosten. Aber im Großen und Ganzen setzt sich fort, was schon in den vergangenen Monaten zu beobachten war: Hartnäckige Hochdrucksysteme heizen den Norden Sibiriens auf wie nie zuvor. Und gerade jetzt, um die Sonnenwende herum, hat die Sonne bei klarem Himmel von früh bis spät Gelegenheit, Sibirien zu erwärmen.

Weil das Meereis schmilz, fehlen kühlende, reflektierende Oberflächen

Enorme Temperaturschwankungen sind in Sibirien nicht unüblich. Aber dass es über einen so langen Zeitraum und eine so große Fläche so heiß bleibt, ist sehr auffällig. Zwar ist bekannt, dass sich die gesamte Arktis seit den 70er-Jahren rund dreimal schneller erwärmt als der Rest der Erde. Doch auch in den vergangenen besonders warmen Jahren haben Hitzeperioden schon öfter Sibirien getroffen, insbesondere in der ersten Jahreshälfte. Warum gerade diese Region, zu dieser Jahreszeit?

"Wir verstehen das noch nicht", sagt Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Es gebe verschiedene Erklärungsansätze: Die große Landmasse des eurasischen Kontinents etwa, die sich generell stark erwärmt. Oder die Wellen, die der durch den Klimawandel schwächelnde Jetstream schlägt, der Höhenwind rund um die Arktis. Das kann dazu führen, dass Hochs oder Tiefs länger über einer Region festsitzen.

Auch der Rückgang des Meereises dürfte eine Rolle spielen, schließlich verstärkt er die Erwärmung, indem er kühlende, reflektierende Eisflächen durch dunkles Wasser ersetzt, die viel Sonnenwärme aufnehmen. Und das Eis schrumpft in enormem Tempo: In der Laptewsee nördlich von Zentralsibirien befindet sich die Eisbedeckung nach Daten des National Snow and Ice Data Center in den USA derzeit im freien Fall.

Womöglich findet gerade ein unbekannter Prozess zwischen Erde und Atmosphäre statt

Aber keiner dieser Erklärungsansätze, sagt Levermann, scheine in diesem Fall so richtig zu greifen, das macht die Hitzeperiode für ihn verblüffend und beunruhigend. "Möglicherweise stehen wir vor dem Übergang in ein neues atmosphärisches Zirkulationsmuster", sagt er. "Wenn der Jetstream instabil wird und die Arktis nicht mehr von den gemäßigten Breiten abschirmt, müssen wir mit noch mehr Wetterextremen rechnen." Vielleicht ist demnach ein noch nicht verstandener Prozess zwischen den Vorgängen an der Erdoberfläche und in der Atmosphäre im Gang, der das Klima der Region nachhaltig verändert, mit unabsehbaren Folgen.

Dabei sind schon die unmittelbaren Folgen unangenehm: Das vergangene Jahr brachte eine extrem aktive Brandsaison auch in der Arktis, in diesem Jahr sei die Aktivität mittlerweile vergleichbar und liege deutlich über dem Mittel der Jahre von 2003 bis 2018, schreibt Mark Parrington vom Copernicus-Klimadienst auf Twitter. Einige der Brände könnten im Torfboden überwintert haben und als sogenannte Zombie-Feuer neu ausgebrochen sein. Viele dürften jedoch vom Vorjahr unabhängig entstanden sein.

© SZ/cat
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