bedeckt München

Treibhausgasneutralität:Dreisprung für ein sauberes Klima

Schornsteine an der Shell Rheinland Raffinerie in Godorf. Köln, 06.05.2019 *** Chimneys at the Shell Rheinland refinery

Deutschland setzt sich für das Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2050 in Europa ein.

(Foto: Christoph Hardt/imago images/Future Image)

Eine Studie rechnet vor, wie Deutschland bis 2050 seine Klimabilanz auf null drücken kann. Würde der Umbau bei Energie und Verkehr beschleunigt, ginge das sogar ohne Verzicht.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Die Reise sollte Abstand schaffen zu den Jahren in Berlin, doch sie endete vor Australiens Buschfeuern. Fast zwei Jahre war Rainer Baake, einst Umwelt-Staatssekretär des Grünen Jürgen Trittin, dann Chef der Umwelthilfe, Gründungsdirektor des Thinktanks Agora Energiewende und schließlich Energie-Staatssekretär bei Sigmar Gabriel (SPD), auf Weltreise. Doch nach Buschfeuern und vorzeitiger Rückkehr aus Australien gründete er abermals eine Denkfabrik: die Stiftung Klimaneutralität.

Die politische Karriere des Begriffs "Klimaneutralität" ist noch relativ jung, auch in Deutschland. Erst im vorigen Jahr hatte Kanzlerin Angela Merkel bei einem Sondergipfel der Vereinten Nationen versprochen, Deutschland wolle bis 205o klimaneutral sein. "Deutschland setzt sich deshalb mit den meisten Mitgliedsstaaten für das Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2050 in Europa ein", heißt es auch im Klimaschutzprogramm der Bundesregierung. Bloß: Wie geht das?

Im Zentrum stehen erneuerbare Energien

Einen ersten, groben Plan dafür hat Baakes neue Stiftung nun am Donnerstag vorgelegt, die Botschaft ist einfach: Netto null bei den Emissionen ist machbar, wenn man das Ziel nur rasch anpackt. Und wenn man es energisch genug angeht, kann es sogar zum Modernisierungsprojekt für das ganze Land werden. "Die Technologien sind alle vorhanden", sagt Patrick Graichen, Baakes Nachfolger an der Spitze der Agora Energiewende. Der Thinktank war zusammen mit seiner Schwester Agora Verkehrswende ebenfalls an der Studie beteiligt, mit der Öko-Institut, Prognos und Wuppertal-Institut beauftragt waren. Zwar habe die Bundesregierung die Klimaneutralität beschlossen, sagt Graichen, "aber sie hat keinen Plan dafür".

Im Zentrum des Vorschlags stehen die erneuerbaren Energien. So sollen vermehrt Autos und Heizungen auf Strom laufen, und das schon in dieser Dekade. 14 Millionen Elektroautos müssten bis 2030 Verbrenner ersetzen - und damit deutlich mehr als jene zehn Millionen, die derzeit die Bundesregierung anpeilt. In sechs Millionen Häusern müssten fossile Heizungen durch Wärmepumpen ersetzt werden. Und die letzten Kohlekraftwerke müssten schon 2030 vom Netz gehen - und nicht erst spätestens 2038, wie es das Gesetz zum Kohleausstieg vorsieht. "Die vor uns liegenden zehn Jahre werden entscheidend sein", sagt Baake.

Klimaneutralität in drei Schritten

Ein guter Plan braucht auch ein gutes Narrativ, eine Erzählung. Und die verheißt in diesem Fall: Klimaneutralität in drei Schritten - scheinbar ganz einfach. Für die wichtige Dekade bis 2030 müsse Deutschland, Schritt eins, sein Klimaziel anheben, von derzeit minus 55 Prozent auf dann minus 65 Prozent, immer verglichen mit dem Basisjahr 1990. Im zweiten Schritt, nach 2030, müssten alle fossilen Prozesse gegen klimaneutrale ausgetauscht werden, ob im Verkehr, in der Industrie, in der Stromerzeugung oder in Gebäuden - bis hin zu einer Treibhausgasminderung um 95 Prozent. Im Umfang der verbleibenden fünf Prozent - sie könnten etwa in der Landwirtschaft noch anfallen, oder in der Erzeugung von Zement - müssten dann Emissionen abgeschieden und gespeichert werden. Dieses Carbon Capture and Storage, kurz CCS, wäre Schritt drei. Aber eben nur für die unvermeidbaren Emissionen.

In der Stromerzeugung lässt sich der Umbau noch verhältnismäßig leicht durchbuchstabieren. So müssten an Land bis 2030 Windräder mit einer Kapazität von 80 Gigawatt stehen - die Bundesregierung plant in einem Entwurf für das Ökostrom-Gesetz EEG gerade mit 71 Gigawatt. Zur See müssten bis dahin 20 Gigawatt entstanden sein, geplant sind nach geltender Rechtslage 15. Und an Solarenergie bräuchte es 150 Gigawatt bis 2030 - 50 Gigawatt mehr als bisher geplant. Ob diese Aufstockung gelinge, sagt Baake, "hängt davon ab, wann man anfängt". Will sagen: am besten gleich.

Schwieriger wird es beim Verkehr, wo Motoren und Turbinen immer noch auf Benzin und Diesel, Kerosin und Schweröl laufen. "Wir haben null Emissionsreduktion in den vergangenen 30 Jahren", sagt Agora-Verkehrswende-Chef Christian Hochfeld. "Und wir müssen auf null Emissionen in den nächsten 30 Jahren." Dazu reiche es nicht, einfach bestehende Fahrzeuge auf emissionsfreie Antriebe umzurüsten. "Die Energiewende allein wird es nicht stemmen", sagt Hochfeld. Nötig sei eine Mobilitätswende, mit einer Verdoppelung des öffentlichen Personenverkehrs und deutlich mehr Gütertransport auf der Schiene.

Wasserstoff für die Energiewende

Dabei werden auch Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe eine Rolle spielen, das aber vor allem im Flugverkehr oder in Schiffen, nur teilweise im Güterverkehr auf der Straße. Wasserstoff, sagt Baake, sei der "Champagner" der Energiewende. "Wir werden ihn nur in den Bereichen einsetzen können, wo wir keine Alternative haben." Dazu dürften auch einige Industrieprozesse zählen, etwa in der Stahlindustrie: Dort kann Wasserstoff den Koks ersetzen. Und wird dieser Wasserstoff aus erneuerbarem Strom erzeugt, sogar völlig klimaneutral. Per Elektrolyse geht das, überschüssiger Ökostrom ließe sich so als Wasserstoff speichern.

Schon vorige Woche hatten die "Fridays for future" eine ähnliche Studie vorgelegt, sie widmete sich der Frage, ob sich die Erderwärmung bei 1,5 Grad plus stabilisieren und Deutschland einen entsprechenden Beitrag dazu leisten kann. Nötig wäre dafür die Treibhausgasneutralität schon bis 2035. Dies sei zwar aus technischer und ökonomischer Sicht "extrem anspruchsvoll", grundsätzlich aber möglich.

Die neue Studie streicht nun noch stärker die ökonomischen Chancen heraus, auch das ein Teil des Narrativs. "Die Studie setzt explizit nicht auf Verzicht als notwendige Voraussetzung für Klimaneutralität", heißt es darin; und nicht von ungefähr spenden die Grünen am Donnerstag den lautesten Applaus. In der Studie darf die Wohnfläche pro Kopf weiter steigen, die Mobilität ist nicht eingeschränkt, aktuelle Ernährungstrends werden fortgeschrieben und die Industrie bleibt im Land. Sogar 1,3 Prozent durchschnittliches Wachstum kalkuliert sie ein. Soll schließlich keiner Angst bekommen vor einer Zukunft ohne Klimakrise.

© SZ
Mehr Naturkatastrophen wegen des Klimawandels

MeinungKlimawandel
:Die Corona-Pandemie hat gezeigt, was möglich ist

Schon ein Bruchteil der Corona-Hilfen könnte reichen, um das Zwei-Grad-Ziel im Kampf gegen den Klimawandel in greifbare Nähe zu rücken. Warum die Politik in der einen Krise die andere nicht vergessen darf.

Kommentar von Julian Rodemann

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite