Klimaforschung:Sedimentproben geben Auskunft wie Jahresringe an Bäumen

Hurrikan ´Harvey"

Der Klimawandel verstärkt Hurrikans.

(Foto: dpa)

Die auf diese Weise gewonnenen Erdwürste, je zwei Meter lang und zehn Zentimeter breit, dienen den Forschern dazu, das Klima von früher zu analysieren. In diesen Sedimentproben wechseln sich hellere und dunklere Schichten ab, wie bei Jahresringen von Bäumen, und so ähnlich kann man sie auch betrachten. Breite Ringe zeigen wachstumsfördernde Einflüsse, enge Ringe wachstumsmindernde. In den Sedimenten kann eine dunkle Schicht durch Kohlenstoff oder einen Vulkanausbruch entstanden sein, die sich vor hundert oder tausend Jahren niedergeschlagen haben. Sie markiert dann auch den Zeitpunkt, den die Forscher diesem Abschnitt zuordnen können .

Dass Proben aus Seen besonders aufschlussreich sind, liegt daran, dass sie wenig kontaminiert werden. Auf dem Erdboden wurden die Stoffe verweht, verwischt, umgegraben, zugebaut von einem der Hotels am Mondsee, vor dem heute die Tretboote treiben. Aber was damals auf den Grund des Sees sank, wurde konserviert, komprimiert und von weiteren Schichten zugedeckt. Deswegen sind die Proben von Seeböden so interessant, sie sind alt, rein, sauber abgelagert und werden zu Ton. Es werden auch an Land Proben genommen, in Bergen, an Flüssen, im Meer oder in den Eisregionen der Erde, wo die Bohrerkentnisse bis zu 1,8 Millionen Jahre zurückreichen können. Aber sie sind entweder weniger aussagekräftig oder, etwa im Fall von Meeresbohrungen, sehr teuer. Ein Tag auf einem Forschungsschiff kostet mit allem Drum und Dran etwa so viel wie das Floß: eine Million Euro.

Klima unter Wasser

Laub, Pollen, atmosphärische Teilchen, Lebewesen, industrielle Verschmutzung - alles, was über Jahrzehnte in einem See landet, schwebt zu Boden und wird zu Ton. Von einer Plattform aus kann man einen Bohrkopf auf den Grund schicken, wo er Sedimentproben nimmt (Abbildung unten, aus dem Bodensee), in denen sich die Ablagerungen den Jahren zuordnen lassen, in denen sie sich gesetzt haben.

Populär wurde die historische Klimaforschung erst in den vergangenen drei Jahrzehnten. Seit den 1990er-Jahren haben sich einige nationale Forschungsgruppen etabliert, die international kooperieren, alleine schon der Kosten wegen. Über das Wetter zu sprechen galt mal als letzter Ausweg in einer hoffnungslos verödeten Konversation. Das war freilich, bevor Klimawandel und eine drohende Heißzeit zu drängenden gesellschaftlichen und politischen Themen wurden. Hurrikan Michael vor Florida, Überschwemmungen auf Mallorca, El Niño, das sind schlagzeilenträchtige Ereignisse.

Auch schon vor dem Rekordsommer 2018 in Deutschland, der allerdings, so würde ein Klimaforscher gleich einschränken, nicht der heißeste war, sondern nur der drittheißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnung, also seit 1864. Im tatsächlichen Rekordjahr 2003 kamen hierzulande mehr als 20 000 Menschen ums Leben, so hat es die Münchner Rückversicherung errechnet. Bereits Anfang 2000 hatte das Unternehmen gewarnt, dass die Häufigkeit von Naturkatastrophen seit den 1960er-Jahren zunehme. Anlass war der 26. Dezember 1999, als der Orkan Lothar viele Heimreisende nach dem Weihnachtsfest festsetzte.

Allerdings spiegeln solche Warnungen nicht nur den realen Zuwachs an Naturereignissen wider, sondern auch "zunehmende Wertedichten, steigendes Sicherheitsbedürfnis und wahrnehmungspsychologische Effekte", wie Rüdiger Glaser in seinem Buch "Klimageschichte Mitteleuropas" schreibt. Sorgen um den Verlust des eigenen Wohlstands mischen sich mit Zukunftsängsten. Die häufigste Frage, die laut Rüdiger Glaser zunehmend sorgenvoll an die Klimaforschung gestellt wird: Gab es das jemals schon? Max Frisch schrieb dazu: "Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen."

Die standardisierte Klimamessung begann in Europa erst Mitte des 19. Jahrhunderts, ein Zwinkern, erdgeschichtlich betrachtet. Davor gab es vor allem schriftliche Aufzeichnungen, die sehr von den Lebensumständen des Aufzeichnenden abhingen und die im Grunde nur das Wetter beschrieben. Ziel von Paläoklimatologen ist es nun, eine möglichst lückenlose Klimastatistik zu gewinnen, die so weit zurückreicht wie irgendwie möglich. Lange Zeit hatten Forscher eine unmittelbar drohende neue Eiszeit und eine globale Abkühlung angekündigt, weil die Entdeckungen der Jahre 1950 bis 1960 darauf hindeuteten. Heute ist man schlauer, auch dank der Paläoklimatologen und der Modelle, die sie erstellt haben.

Das Dilemma der Klimaforschung: Wenn man abwartet, bis die Modelle genau genug sind, ist es zu spät für Gegenmaßnahmen. Daher auch die kassandrischen Warnungen des Weltklimarates. Wenn die Erderhitzung so weitergeht, werden wir in Europa Siedlungsbewegungen erwarten können, gegen die sich die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen in den vergangenen Jahren wie eine Kennenlern-Runde in der Schule angefühlt haben wird. Und es werden wohl nicht nur die Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern kommen, in denen man keine Lebensmittel mehr anbauen kann, sondern auch solche aus Ländern, deren Küsten dann unter Wasser stehen.

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