Klima und Wetterbericht Und nun zum Klimawandel

Der ZDF-Wettermoderator Özden Terli mit den "Warming Stripes" für Deutschland am Ende des Heute Journals am 18. Juli 2018. Jeder Streifen zeigt die Durchschnittstemperatur eines Jahres an.

(Foto: Screenshot ZDF-Heute Journal)
  • Immer mehr Wettermoderatoren thematisieren den Klimawandel bei ihren täglichen Auftritten.
  • Der Wetterbericht sei eine unterschätzte Kommunikationsplattform, meinen auch viele Wissenschaftler.
  • Der Großteil der Zuschauer reagiert aufgeschlossen, aber ein Teil goutiert die neue Linie nicht.
Von Christopher Schrader

Dieses Bild, das hat ihn schon gejuckt. "Das hat es noch nie so gegeben, das muss man den Leuten doch zeigen", sagt Karsten Schwanke. Vor seinem inneren Auge entwirft der Meteorologe 40 bis 50 Sekunden für den Wetterbericht nach den Tagesthemen, den er im Wechsel mit Kollegen moderiert: Erst hätte er das Bild gezeigt, zehn Sekunden lang vielleicht, damit die Zuschauer es aufnehmen können, und dazu zwei, drei Sätze gesprochen: Sie sehen hier die Nordküste Grönlands, aufgenommen von einem Satelliten aus dem All. In dieser Region wird das Meereis normalerweise dicht zusammen geschoben. Doch zurzeit ist das anders.

"Ich blicke morgens auf die Karten und sehe, da stimmt was nicht", sagt der Wetterexperte

Dann wäre hinter ihm vielleicht ein Bild vom Forschungsschiff Polarstern erschienen: Darum sind hier noch nicht einmal Eisbrecher hingekommen - doch jetzt ist hier ein Loch. Die Polarstern ist gerade in der Gegend und hat Kurs darauf genommen. Denn auch die Wissenschaftler waren völlig überrascht. Sie haben gedacht, das sich in dieser Gegend das Meereis am längsten halten kann. Zum Abschluss dann vielleicht eine Grafik, wie wegen des Klimawandels die Eisbedeckung der Arktis immer weiter zurückgeht. Und dann der Übergang zur Wetterlage in Deutschland und den Aussichten für morgen.

Dieser Beitrag ist weder produziert noch gesendet worden. Aber Schwanke wird andere Gelegenheiten finden, den Klimawandel in den abendlichen Wetterbericht einzuflechten, so wie er es zum Beispiel Mitte August mit einem Rückblick auf den Juli getan hat. "Wenn sich etwas derart deutlich anbietet, ist das doch eine sehr gute Gelegenheit für den Blick über den Tellerrand. Und die Veränderungen am Nordpol oder bei den Durchschnittstemperaturen, das ist doch eindeutig größer als morgen, also wichtiger als irgendwelche Hintergrundinformationen über die aktuelle Wetterlage oder die Aussichten für die kommenden Tage."

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Mit dieser Haltung ist Schwanke nicht allein. Sein Kollege Özden Terli beim ZDF hat fast so etwas wie ein Markenzeichen daraus gemacht und greift das Thema Klimawandel häufig auf. "Wir sehen schon sehr viele Ungereimtheiten im Wetter, vor allem wenn der Jetstream wieder sehr weit mäandert und Hoch- oder Tiefdruckgebiete über uns festhält", sagt er. Dass es wie in diesem Sommer die ganze Nordhalbkugel auf einmal betraf, sei einmalig gewesen. "Ich blicke morgens auf die Karten und sehe, da stimmt was nicht. Wie kann ich es denn dann rechtfertigen, nicht über das Klima zu reden?"

Insgesamt ist es aber eine neue Entwicklung, dass der Klimawandel im Wetterbericht thematisiert wird. Früher hätten die meisten Meteorologen auf eine klare Trennung zwischen Wetter und Klima gepocht, auch Karsten Schwanke sagt, er habe am Anfang seiner Karriere vor 20 Jahren noch so gedacht. "Der Kommunikationskanal Wetterbericht ist von der Kommunikationsforschung lange unterschätzt worden", sagt Inge Niedek, Vorsitzende der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft und Leiterin des internationalen Verbandes der Wettermoderatoren IABM. Sie hat bis 2015 verantwortlich in der ZDF-Wetterredaktion Berichte für Nachrichten- und Magazinsendungen präsentiert. "Aber das ist eine gute Plattform, um die Zuschauer darüber zu informieren, was der Klimawandel bewirkt - die sollten wir nutzen. Leute, die das fachliche Hintergrundwissen haben und das verständlich vermitteln können, die werden wir noch mehr brauchen."

Ein Kommunikationsforscher, der den Wetterbericht früh als Plattform entdeckt hat, ist Ed Maibach von der George Mason University in Fairfax bei Washington DC. "Wettermoderatoren können viele Menschen erreichen, sie sind allabendlich in den Wohnzimmern als vertrauenswürdige Stimmen willkommen", sagt er. Die Moderatoren der örtlichen Fernsehsender könnten daher Barrieren in der aufgeheizten amerikanischen Debatte durchbrechen, wo Informationen oder Miss-Informationen zum Klimawandel strikt nach Parteipräferenz aufgenommen werden. Der Wetterbericht ist von dieser Zäsur noch ausgenommen, auch wenn der Karikaturist David Sipress sich im New Yorker neulich ausmalte, wie Fernsehsender erst das Wetter für Demokraten, dann das Wetter für Republikaner präsentieren könnten.

Maibach hat unter anderem zusammen mit Heidi Cullen von der Organisation Climate Central das Programm Climate Matters gestartet und wendet sich damit gezielt an Wettermoderatoren lokaler Stationen. Er ermutigt sie, kurze Hintergrundinformationen über Durchschnittstemperaturen, Brutbedingungen für Mücken, die Zunahme der Waldbrände oder den Rückgang der Regenmengen in ihre Berichte aufzunehmen. "Zehn Sekunden, mehr braucht man dazu gar nicht", sagt Maibach. "Es ist sogar besser, es kurz zu halten, und lieber öfter neue Informationen zu präsentieren."