Klimaforschung Das Wetter von gestern

  • Die Klimamodelle, die Forscher aus ihren Messpunkten konstruieren, sprengen schnell den Vorstellungsrahmen von Normalmenschen. Noch viel verwirrender wird es, wenn Experten versuchen, das Klima der Vorzeit zu rekonstruieren.
  • So wie der klassische Paläontologe alte Knochen ausbuddelt und versucht, daraus etwas über die vergangenheit zu lernen, so will der Paläoklimatologe die erdgeschichtlichen Ereignisse aus den Spuren entschlüsseln, die diese Prozesse hinterlassen haben.
  • Das Dilemma der Klimaforschung: Wenn man abwartet, bis die Modelle genau genug sind, ist es zu spät für Gegenmaßnahmen.
Von David Pfeifer

Es wird heißer auf der Erde, so viel steht fest, der vergangene Sommer ließ es ahnen. Den meisten Menschen wird er natürlich als besonders schön in Erinnerung bleiben. Abende auf dem Balkon, endlose Tage am See. Der etwas weniger sorglose Teil der Erdbevölkerung vermutet, dass es bald vorbei sein wird mit der Menschheit. Und dazwischen stehen die Paläoklimatologen.

Richard Niederreiter gibt im Dienst der historischen Klimaforschung Gas. Sein Motorschlauchboot reckt die Schnauze aus dem Wasser des Mondsees, nahe Salzburg. Niederreiter, ein erklärfreudiger, etwa 60-Jähriger in Arbeitskleidung, hat ein Floß aus Alu-Teilen gebaut, das nun in der Mitte des Mondsees verankert liegt. Vom Ufer aus kann man es kaum erkennen, die bewachsenen Felsen, die dahinter aufragen, schieben sich spektakulär ins Blickfeld.

Es geht allerdings sowieso nicht um das, was man an der Oberfläche sieht: Am Grund des Sees liegt eine Plattform, von der aus Niederreiter und seine Mitarbeiter einen Bohrkopf in den Boden treiben. Etwa eine Millionen Euro Etat hat das Alu-Floß verschlungen, das Niederreiters Firma geplant, konstruiert und gebaut hat. Es ist ein Prototyp, erst wenn das Floß in Serie gehen wird, wenn es, in drei Container zerlegt, relativ einfach an seinen Einsatzort transportiert und dort aufgebaut werden kann, könnte sich der Aufwand rechnen. Aber warum bastelt man einen millionenteuren Alu-Baukasten, der Matsch fördert? Niederreiter erklärt sehr überzeugt: "Das meiste, was wir über Klima wissen, wissen wir aus Unterwasserbohrungen."

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Wetter ist nur die Zustandsbeschreibung in kurzfristigen Auswirkungen: Regen, Schnee, Sonnenschein, das, was man auf dem Smartphone prüft, bevor man sich auf's Fahrrad schwingt. Als Klima wird der Zustand des gesamten Systems über einen langen Zeitraum bezeichnet. Das Zusammenspiel von Atmosphäre, Biosphäre, allen Lebewesen und Pflanzen, Wasser, Gestein oder Erde. Und natürlich den Eismassen, die den Planeten teilweise bedecken.

Wetter beschreibt einen momentanen Zustand. Unter Klima versteht man das Zusammenspiel vieler Komponenten über lange Zeit

Alles hängt mit allem zusammen, die Komponenten beeinflussen sich gegenseitig, tauschen sich aus, seit dem Beginn der Zeit. Die Sonne heizt Steine und Erde auf, das Meer bewegt sich, Wasser verdunstet, gelangt in die Atmosphäre, es kommt zu chemischen Umwandlungen von Sonnenstrahlen in Pflanzenwachstum, Laub fällt zu Boden, wo es vermodert, Staub legt sich ab und so weiter. So wie der klassische Paläontologe alte Knochen ausbuddelt und versucht, daraus Leben und Aussterben der Dinosaurier zu begreifen, so will der Paläoklimatologe die erdgeschichtlichen Ereignisse aus den Spuren entschlüsseln, die diese Prozesse hinterlassen haben.

Die Klimamodelle, die daraus entstehen, sprengen schnell den Vorstellungsrahmen von Normalmenschen, so wie man sich die Ausdehnung des Universums kaum vorstellen kann. Die Modelle werden an Computern erstellt und mit jeder Erkenntnis komplexer. Alleine die Tatsache, dass die Menschheit bereits seit etwa 300 000 Jahren existiert, und nicht erst seit 200 000 Jahren, wie man noch vor wenigen Jahren dachte, verändert alle Rechenmodelle, einfach weil der Mensch ein so entscheidender Faktor geworden ist. Eine ganze Gattung von Sachbuch-Bestsellern beschäftigt sich in jüngerer Zeit mit dem sogenannten Anthropozän, also dem Zeitalter, in dem der Mensch entscheidenden Einfluss auf die Geologie, Biologie und Atmosphäre des Planeten genommen hat, der ihn beherbergt.

Richard Niedereiter legt mit dem Motorboot am Floß an und vertäut es mit geübten Handgriffen. Hier sieht es aus wie in einer schwimmenden Werkstatt. Über einem Loch in der Floßmitte wankt zentral der Seilzug, der etwa 50 Meter tief durchs Wasser führt und auf dem Seeboden aufsetzt. Den daran hängenden Bohrkopf haben Niederreiter und Kollegen bislang 34 Meter tief in die Erde getrieben und Proben genommen. Sie ziehen die Bohrproben mit der Winde hoch, beschriften sie und schicken sie nach Braunschweig, an das Institut für Geosysteme und Bioindikation.