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Römischer Imperator:"Augustus war ein Meister der Eigen-PR"

Büste von Kaiser Augustus

(Foto: odg)

Altertumsforscher Karl Galinsky erklärt, weshalb sowohl Diktaturen, als auch Demokratien Symbole des mächtigen Herrschers übernommen haben - und was ihn mit Barack Obama verbindet.

Interview von Oliver Das Gupta

Prof. Karl Galinsky ist Spezialist für die augusteische Epoche der römischen Geschichte. Der 1943 in Straßburg geborene Philologe wuchs im Elsass und in Deutschland auf. 1966 promovierte er an der Princeton University in den USA. Galinsky lehrt Altertumskunde an der University of Texas. In deutscher Sprache erschien sein Buch "Augustus. Sein Leben als Kaiser" (Zabern, ISBN 978-3-8053-4677-1).

SZ: Herr Galinsky, ich werde unser Gespräch mitschneiden. Ist das okay?

Karl Galinsky: Kein Problem, das macht die NSA ja auch. Immerhin gibt es so ein Back-up, falls Ihre Aufnahme verloren gehen sollte. Gott sei Dank hat Augustus nicht mehr darunter zu leiden.

Stimmt, der starb ja am 19. August des Jahres 14. Welche Eigenschaften machten ihn zu einer prägenden Gestalt der Weltgeschichte?

Augustus war weitsichtig, zielstrebig und unglaublich zäh. Im persönlichen Umgang ähnelte er eher dem Strategen Barack Obama als dem Menschenfischer Bill Clinton. Er kam mit den Leuten schon gut aus, aber man wusste nie genau, woran man bei ihm ist. Einer der späteren Kaiser namens Julian verglich Augustus mit einem Chamäleon.

Augustus war ein kränkliches Kind. Warum hat Julius Cäsar ausgerechnet ihn adoptiert und als Erben eingesetzt?

Vielleicht sah Cäsar damals einfach mehr von den Fähigkeiten, als wir das heute tun. Es ist unglaublich, wie Augustus sich im Alter von 18 Jahren aufmacht, um die Macht zu erringen. Augustus mag von fragiler körperlicher Konstitution gewesen sein, doch das scheint ihn in seiner Durchsetzungsfähigkeit eher gestärkt zu haben.

Dieses Durchsetzen bedeutete, dass seine Rivalen um die Macht starben. War Augustus mehr grausam als genial?

Darüber lässt sich streiten. Wenn man sich das erste Jahrzehnt seiner politischen Karriere ansieht, überwiegt die Gewalt. Da tobte ein furchtbarer Bürgerkrieg, in dem es normal war, keine Gefangenen zu machen.

Am Ende des Bürgerkrieges war Augustus ein Alleinherrscher, der sich auf die Armee stützte - ähnlich wie sein Adoptivvater Julius Cäsar. Doch anders als Cäsar schaffte Augustus den friedlichen Übergang zum weithin verehrten Herrscher. Wie konnte ihm das gelingen?

Cäsar herrschte als Militärmachthaber, missachtete Verfassung und Traditionen der römischen Republik. Sein Hauptfehler war, sich zum Diktator auf Lebenszeit küren zu lassen. Einen Monat später wurde Cäsar von Leuten ermordet, die naiv annahmen, die Republik so zu retten. Augustus stützte sich im Hintergrund auch auf die Armee, aber er vermied Cäsars Fehler. Er implementierte im alten republikanischen System eine Monarchie. Aber er machte sich weder zum König noch zum Kaiser. Senat und Konsuln ließ er weiterexistieren, aber setzte sich darüber als "Princeps", als den "Ersten". Das klang nach einem sanften Wahrer der Republik und nicht mehr nach Bürgerkrieg. Augustus verpasste sich ein neues Label - ein genialer Zug.

Im Jahr 30 vor Christi Geburt hat sich Augustus neu erfunden. Dann begann eine lange und für die Römer erfolgreiche Zeit - oder war das augusteische Zeitalter gar nicht so toll?

Augustus hat das vom Bürgerkrieg zerrüttete Reich stabil gemacht und das Kaisertum erfunden. Doch die Verklärung der Regierungszeit zur goldenen Ära haben wir unter anderem Kunsthistorikern zu verdanken. Augustus selbst war ein Meister der Eigen-PR, seinen Tod und die Trauerfeierlichkeiten inszenierte er beispielsweise im Detail. Aber im Hinblick auf die Staatsgeschäfte- und aufgaben wollte er zu Lebzeiten Stillstand und allzu große Beschönigungen vermeiden. Sein Motto war sinngemäß: Es gibt noch viel tun, weitere Herausforderungen warten. Wir müssen weiter machen!

Vor welchen Problemen stand Augustus?

Die Befriedung des Reiches nach dem Bürgerkrieg, der Kampf gegen Hungersnöte und Überschwemmungen. Dazu gab es Aufstände, etwa einer in Pannonien (Provinz, die aus dem heutigen Ungarn, Teilen von Ostösterreich und Ex-Jugoslawien bestand; Anm. d. Red.), der erst nach drei Jahren niedergeschlagen werden konnte. Wäre die vernichtende römische Niederlage gegen die Germanen unter Arminius (auch Hermann der Cherusker genannt) im Jahre 9 nach Christus schon früher passiert, dann hätte das die Herrschaft Augustus' gefährdet.

Augustus war nicht nur Herrscher, sondern auch oberster Priester. Wie kommt es, dass sich das Christentum immer wieder auf diesen Heiden bezogen hat?

Die Überlegung von christlicher Seite war offenkundig: Wenn Gott seinen Sohn auf die Welt schickt, dann doch in einem Zeitalter, in dem ein besonders großartiger, wirkmächtiger Herrscher regiert. Während seiner Ägide herrschte im Römischen Reich religiöse Toleranz, es gab einen regelrechten Supermarkt der Religionen. Die Römer waren damals keine kulturellen Imperialisten, ihre Feldzüge keine Religionskriege. Die Christenverfolgungen kamen erst später.

Augustus starb im Alter von 76 - anders als so viele römische Herrscher vor und nach ihm friedlich. Trachtete ihm niemand nach dem Leben?

Zumindest gab es keine Verschwörer, die mächtig genug waren, Augustus ernsthaft zu gefährden. Opfer eines Anschlages hätte er leicht werden können. Er verschanzte sich nicht in seinen Palästen, sondern war ein Kaiser zum Anfassen, der in Rom auch in Vierteln auftauchte, wo es dreckig und gefährlich war. Er ließ sich sogar von Bürgern zum Essen einladen. Rivalen, die ihm wirklich gefährlich werden konnte, hatte er ja schon zuvor aus dem Weg geräumt.

Welcher Politiker der Neuzeit eiferte Augustus nach?

In den dreißiger Jahren wurde der italienische Machthaber Benito Mussolini mit Augustus verglichen. Es gibt Parallelen: Die Erlangung der Macht durch Gewalt, die Übernahme des bisherigen politischen Systems in seine Diktatur. Und zum 2000. Geburtstag von Augustus im Jahre 1937 stellte er bewusst einen Bezug her vom römischen Reich zum damaligen Italien.

Außerdem übernahm Mussolini die rituellen Äxte der Römer, die "Fasces", und nannte seine rechtsextreme Bewegung "Faschisten".

Das stimmt. Allerdings war Mussolinis Italien nicht das einzige Land, das die Äxte als staatliches Symbol übernahm. Es gibt auch einen demokratischen Staat, der die Ritualwaffen als Zeichen übernahm und sich somit in die Tradition der römischen Republik stellte: Die Vereinigten Staaten von Amerika. Schauen Sie sich die Wappen des US-Senats und der Streitkräfte an. Und drehen Sie mal den Dime, die amerikanische 10-Cent-Münze, um. Dort sehen sie Fasces.

© Süddeutsche.de/chrb

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