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Interview zur Bürgerbeteiligung:"Eine zu 100 Prozent erneuerbare Versorgung ist möglich"

Kleinwasserkraftanlage in St. Genix von Green City Energy

Kleinwasserkraftanlage in St. Genix von Green City Energy

(Foto: Green City Energy)

Kommt denn so am Ende genug Energie zusammen, um ein Industrieland wie Deutschland sicher und klimafreundlich mit Strom und Wärme zu versorgen?

In einer Studie des Fraunhofer-Instituts für solare Energiesysteme in Freiburg heißt es klipp und klar: Eine zu 100 Prozent erneuerbare Versorgung Deutschlands ist möglich - ohne jeden Import, nur aus eigenen Quellen. Und zwar aus dezentralen Anlagen und inklusive Heizung und Mobilität. Dafür brauchen wir allerdings noch viele neue Solaranlagen und Windkraftwerke. Die installierte Leistung aus Windkraft etwa müsste verfünffacht werden. Am Ende würden 80 bis 90 Prozent der Energie in kleinen Strukturen erzeugt, der Rest in Großstrukturen wie Offshore-Windparks und Geothermiekraftwerken. Dafür braucht es nach wie vor auch die Finanzkraft großer Unternehmen. Ganz arbeitslos werden die Konzerne also vermutlich nicht.

Was haben Sie eigentlich gegen die Energieriesen?

Große Konzerne denken und agieren in großen Strukturen. Sie haben kein Interesse an vielen kleinen Anlagen, die viel Arbeit machen, aber im Vergleich zu Atom- oder Kohlekraftwerken wenig Gewinn abwerfen. Die kleinteilige Welt von Windrädern, Solarkollektoren und Biogasanlagen passt nicht in ihr Geschäft.

Aber man kann sich doch als einfacher Bürger auch an einem Energiekonzern beteiligen, etwa indem man Aktien kauft.

Im Prinzip schon. Doch Kleinaktionäre haben nichts zu melden. Meist bestimmen institutionelle Investoren die Geschäftspolitik. Außerdem macht es schon einen Unterschied, wenn ich über einen Solarfonds oder eine Genossenschaft selbst an einem Ökokraftwerk vor meiner Haustür beteiligt bin: Ich bekomme dann nicht nur eine in Euro und Cent messbare Rendite, sondern bin aktiver Unterstützer und damit Teil der Energiewende. Das trägt wesentlich zur Akzeptanz von Ökokraftwerken bei. Die Bürger sehen dann, dass sie sich nicht nur mit den Nachteilen der Energieerzeugung herumschlagen müssen, sondern auch etwas davon haben. Vom Klimaschutz, der allen nutzt, ganz abgesehen.

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    Der Text stammt aus der März-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation. Mehr aktuelle Themen aus dem Heft 3/2014 auf natur.de...

Immer mehr Bürger gehen mittlerweile zur Eigenversorgung über...

Das ist in der Tat schon ein Selbstläufer. Die Leute kaufen sich eine Fotovoltaikanlage, montieren sie aufs Dach oder schrauben sie ans Balkongeländer, und los geht's. Diese "Guerilla-Fotovoltaik" ist nicht mehr aufzuhalten. Ich glaube, die Konzerne haben am meisten Angst vor der solaren Eigenproduktion, weil jede selbst produzierte Kilowattstunde nicht mehr aus dem Netz bezogen werden muss. Dadurch wird das Geschäft der Konzerne fundamental in Frage gestellt.

Aber wenn die Sonne nicht scheint, zapfen die Selbstversorger doch wieder den Strom aus der Steckdose...

...darüber wird bei der Reform des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) zu reden sein. Also über die Frage, wie Eigenversorger an den Netzkosten angemessen beteiligt werden können, welche Kraftwerke im Hintergrund für den Fall der Fälle noch bereitstehen müssen und wer das bezahlt. Umgekehrt darf es nicht sein, dass ein sinkender Börsenpreis dazu führt, dass die EEG-Umlage, die alle Stromkunden zahlen, immer weiter steigt. Dieser Konstruktionsfehler des EEG muss behoben werden. Schließlich sollten regionale Tarifzonen für Windstrom eingeführt werden. Windräder an der Küste genauso zu fördern wie im Binnenland, hat keinen Sinn

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer will offenbar gar keine neuen Windkraftwerke mehr in Bayern. Er will, dass künftig der gesetzliche Mindestabstand zwischen Siedlungen und Windrädern nicht mehr 800, sondern 2000 Meter beträgt. Damit könnte fast keine der bereits geplanten Anlagen gebaut werden.

Ich halte es für fraglich, ob die Regelung in dieser Extremform kommen wird. Es ist ja auch absurd: Warum muss ein Windrad zwei Kilometer Abstand zu einem Eigenheim oder einem Bauernhof haben, ein Atomkraftwerk aber nur 800 Meter?

Haben Sie Verständnis dafür, dass immer mehr Bürger eine Verschandelung ihrer Heimat beklagen unter dem Motto: Verspiegelt, verspargelt, vermaist, verdrahtet?

Eine unsichtbare Energiewende gibt es nicht, außer vielleicht hier, bei unserem Praterkraftwerk. Ich glaube, dass sich die Menschen an neue Landschaftsbilder gewöhnen werden. Alle Umfragen zeigen: Die Bürger wollen die dezentrale Energiewende. Und sie wollen auch Windräder, allerdings nicht an jedem Ort. Die Ausweisung von Vorrang- und Ausschlussgebieten für Windkraftnutzung ist ein guter Weg, um Wildwuchs zu verhindern. Dafür gibt es hier in Bayern klare Regeln. Was spricht etwa gegen einen Windpark an einer Autobahn, wo die Landschaft ja schon ästhetisch beeinträchtigt ist? Übrigens kommt eine neue Studie zu dem Ergebnis, dass möglicherweise gar nicht mehr so viele neue Standorte für Windmühlen gebraucht werden, wenn man daran geht, die alten, schwächeren Generatoren konsequent durch neue, leistungsfähigere zu ersetzen.

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