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Raubtiere:Die Kleinen fressen die Großen

Eine Gottesanbeterin auf der Jagd nach einer Eidechse.

(Foto: Alamy / Razvan Cornel Constantin/mauritius images / Alamy / Razva)

Insekten und Spinnen jagen Wirbeltiere wie Vögel, Frösche oder Eidechsen und kehren damit die gewohnten Hierarchien in der Natur um.

Von Tina Baier

Das Raubtier schleicht sich von hinten an. Plötzlich springt es los und verbeißt sich im Rücken seines Opfers, das noch versucht zu fliehen und den Angreifer irgendwie abzuschütteln. Vergeblich. Eine Stunde später sind nur noch der Kopf und die Extremitäten übrig.

Die spektakuläre Jagdszene spielt sich nicht in der Serengeti ab, sondern am Ufer eines Teichs irgendwo in Europa. Das Raubtier ist ein grünlich schimmernder Käfer der Gattung Epomis, das Opfer ein Frosch, der mindestens viermal so groß ist wie das Insekt.

Die Larve gibt vor, leichte Beute zu sein - dann schlägt sie zu

Noch frappierender ist der Größenunterschied, wenn die zwei Zentimeter großen Larven des Käfers auf Amphibienjagd gehen. Aus Sicht des ahnungslosen Opfers scheint das Insekt - das nicht wegläuft und auch noch verführerisch mit den Antennen wackelt - ein leicht zu erbeutender Leckerbissen zu sein. Doch wenn der Frosch zuschlagen will und seine klebrige Zunge hervorschnellen lässt, weicht die Larve geschickt aus, springt auf den Kopf des Amphibiums und beißt zu. Dann beginnt sie genüsslich zu schlürfen.

Der Käfer Epomis stellt die gängige Vorstellung auf den Kopf, dass in der Natur große Tiere kleine fressen. Und dass Insekten in dieser Hierarchie als Nahrungsgrundlage für Wirbeltiere wie Amphibien, Reptilien, Vögel und Säuger sehr weit unten stehen. "Dass Arthropoden Wirbeltiere fressen und nicht umgekehrt, kommt viel häufiger vor, als die meisten denken", sagt Jose Valdez, Biologe am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig.

Valdez hat monatelang Hunderte von wissenschaftlichen Veröffentlichungen nach Beispielen durchforstet, in denen Insekten, Spinnentiere und andere Gliederfüßer Wirbeltiere fressen und nicht umgekehrt. Das Ergebnis hat er vor Kurzem im Wissenschaftsjournal Global Ecology and Biogeography veröffentlicht. Mehr als 1300 Fälle hat er dokumentiert und in einer Datenbank festgehalten.

Das Raubtier hat es auf den Kopf seines Opfers abgesehen

Relativ häufig scheint es demnach vorzukommen, dass Gottesanbeterinnen Vögel im Flug fangen und fressen. Ihre häufigsten Opfer sind Kolibris, es gibt aber auch Berichte über Grasmücken, Honigfresser, Fliegenschnäpper und Rotkehlchen. In den meisten Fällen verbeißen sich die Insekten als erstes in den Kopf ihrer Opfer und fressen das Gehirn. Aus den USA gibt es mehrere Berichte, wonach Gottesanbeterinnen manchmal auf Nektarspendern sitzen, die Menschen für die Vögel aufgehängt haben, und dort auf ihre Opfer warten.

Gottesanbeterinnen können extrem gut sehen, sie sind die einzigen Insekten, die ihren Kopf drehen und zurückstarren, wenn ein Mensch sie anschaut. Auch auf der Jagd verlassen sie sich vor allem auf ihre Augen. Auf diese Weise erbeuten sie nicht nur Vögel sondern auch andere Wirbeltiere. "Eines der beeindruckendsten Videos, die ich je gesehen habe, ist das einer Gottesanbeterin, die einen Gecko mit ihren Vorderbeinen festhält und frisst", sagt Valdez.

Seine Untersuchung zeigt, dass solche und ähnliche Szenen keine Einzelfälle sind und sich an den verschiedensten Orten der Welt abspielen. Die Beispiele, die der Biologe zusammengetragen hat, stammen aus 89 Ländern. Die Raubtiere aus dem Stamm der Gliederfüßer (Arthropoden) kommen aus 83 verschiedenen Familien, ihre Wirbeltier-Opfer aus 163 Familien. Am häufigsten werden der Untersuchung zufolge Amphibien gefressen, bevorzugter Leckerbissen sind Frösche. Auch Eidechsen sind beliebt.

Spinnen, die keine Insekten sind, aber ebenfalls zum Stamm der Gliederfüßer gehören, fressen der Datenbank zufolge die meisten Wirbeltiere. "Dabei haben sie unterschiedliche Vorlieben", sagt Valdez. Giftige Wanderspinnen bauen keine Netze, sondern machen nachts Jagd auf Frösche. Spinnen aus der Gattung Echte Witwen halten sich gerne in Häusern auf und fangen Nagetiere und Eidechsen, die ebenfalls in der Nähe des Menschen leben. Und manche Radnetzspinnen weben derart große und stabile Netze, dass sich darin Fledermäuse und Vögel verfangen. Viele dieser Beispiele beruhen auf Beobachtungen des Biologen Martin Nyffeler von der Schweizer Universität Basel, der als einer der ersten dokumentiert hat, dass Spinnen nicht nur Insekten fangen.

"Räuber-Beute-Beziehungen spielen in beinahe allen Ökosystemen eine wichtige Rolle", sagt Valdez. Raubtiere sorgen unter anderem dafür, dass bestimmte Arten nicht überhandnehmen, und prägen nicht selten das Aussehen ganzer Landschaften. Der Biologe vermutet, dass nicht nur Wölfe, Löwen und Bären großen ökologischen Einfluss haben, sondern möglicherweise auch die Raubtiere unter den Insekten und Spinnen. Allerdings lasse sich deren Rolle in der Natur nur schwer erforschen. Allein herauszufinden, was diese Tiere überhaupt fressen, ist extrem schwierig.

Valdez ist von dem Thema fasziniert, seit er sich als Doktorand an der australischen University of Newcastle mit dem Schutz gefährdeter Amphibien beschäftigt hat. Er arbeitete damals an einem Projekt, in dem vom Aussterben bedrohte Arten in Aquarien vermehrt werden sollten. Doch irgendetwas stimmte nicht, viele Kaulquappen entwickelten sich nicht richtig. Als Valdez eines Tages wieder einmal nachschaute, wie es seinen Schützlingen ging, sah er plötzlich eine ganze Gruppe Wasserkäfer, die sich auf seine Kaulquappen stürzten und sie auffraßen. Nachdem er die Käfer entfernt hatte, gediehen die anderen Tiere plötzlich.

"Ich habe in der wissenschaftlichen Literatur nach weiteren Beispielen gesucht, in denen Insekten Wirbeltiere fressen, aber kaum etwas gefunden", sagt Valdez. "Gleichzeitig gab es im Internet unzählige Videos von Gottesanbeterinnen, die Eidechsen fressen, oder Wasserinsekten, die Schlangen und sogar Schildkröten verschlangen." Da beschloss Valdez, das Phänomen wissenschaftlich zu untersuchen, und begann mit der Arbeit an seiner Datenbank. Das Ergebnis zeigt, dass oben und unten in den Hierarchien der Natur weniger klar festgelegt ist, als die meisten Menschen glauben.

© SZ
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