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Ornithologie:Über das Vogelliebevirus

Auch Vögel haben richtige, würdevolle Gesichter und vor allem Persönlichkeit. Das zeigt der der Hamburger Fotograf Tom Krausz in seinem neuen Bildband "Aves-Vögel. Charakterköpfe" (Dölling und Galitz, 32 Euro) vor, begleitet von Texten von Elke Heidenreich und Urs Heinz Aerni.

Wenige Tiere faszinieren die Menschen so sehr wie Vögel, bestimmt weil sie fliegen können, aber auch weil sie Persönlichkeit haben. Eine Liebeserklärung.

Von Text: Hans Gasser; Fotos: Thomas Krausz

Er hieß Moritz und er war nicht immer nett zu mir. Als mein Vater ihn in einem Karton brachte, groß wie ein kleines Huhn und noch fast ohne Federn, dafür bereits mit einem angsteinflößenden Schnabel, da war klar: Ich musste den Kolkraben großziehen. Und ich wollte es auch. Damals, als Zehnjähriger, lernte ich: Ein Vogel wächst unglaublich schnell. Nach wenigen Wochen hatte er ein blauschwarzes Federkleid und seine finale Größe. Die war dann doch überraschend.

Auf alten Fotos ist zu sehen, wie ich Moritz auf dem Falkner-Lederhandschuh trage. Das Tier wirkt mit seiner Körperlänge von über einem halben Meter und einer Spannweite von fast 130 Zentimetern halb so groß wie der hagere Bub, der ich war. Es war natürlich eine völlige Fehleinschätzung meines Vaters, dass wir einen Kolkraben so dressieren würden können, wie die vielen Falken und Greifvögel, die er (und ich) vorher schon hatten. Denn Rabenvögel gehören nach den Primaten zu den intelligentesten Tieren der Welt. Das wusste ich damals aber noch nicht. Aber ich spürte es, manchmal schmerzhaft: Wenn der Vogel einen schlechten Tag hatte und ich ihn mangels Kraft nicht weit genug vom Körper weghalten konnte, bekam ich einen scharfen Schnabelhieb ins Gesicht. Das blutete gerne mal. Es konnte mich aber nicht von meiner Begeisterung für ihn und insgesamt für Vögel abbringen.

Freunde hatten Hofhunde, Katzen oder Hamster, ich hatte immer Vögel: hübsch gezeichnete Buntfalken, kaum größer als eine Drossel, Turmfalken, einen Luggerfalken namens Leyla. Und eben Moritz. Der machte viele sehr lustige Dinge, wenn ich ihn frei fliegen ließ. Waren die Fenster zum Lüften geöffnet, flog er ins Zimmer meiner Schwestern und holte glitzernde Dosen und Schmuck heraus. War Onkel Fritz zu Besuch, gegen den der Rabe eine Antipathie hegte (die auf Gegenseitigkeit beruhte), kam es manchmal zu filmreifen Begebenheiten: Der Onkel stand im Garten mit Baskenmütze auf. Moritz, der irgendwo auf den Bäumen herumsaß, flog die erste Attacke und holte des Onkels Baskenmütze vom Kopf. Beim zweiten Angriff setzte er sich auf den Kopf und hackte mit dem Schnabel drauf, bis ihn Onkel Fritz fluchend abschütteln konnte.

Das Schauen nach den Vögeln ist so selbstverständlich wie für andere das Musikhören

Heute, 35 Jahre später, ist meine Begeisterung für Vögel immer noch da, sie hat sich aber gewandelt. Schon lange besitze ich keine Vögel mehr. Stattdessen ist ihre Beobachtung in der Natur in den Vordergrund gerückt. Immer habe ich ein kleines Fernglas dabei und auf dem Handy als App das Standardwerk installiert, den Vogelführer von Lars Svensson und Peter J. Grant. Egal ob auf dem Weg zur Arbeit oder auf Reisen, das Schauen nach den Vögeln gehört für mich so selbstverständlich dazu, wie für andere das Musikhören. Ein Trupp Gänsesäger auf der Mangfall. Eine Wasseramsel, die in den eiskalten Bach taucht. Libellen jagende Baumfalken über dem Moor. Ein Bartgeier in den Alpen, der in großer Höhe über den Kinderskilift zieht und mich alles drumherum vergessen lässt, sogar die eigenen Kinder.

Manche Freunde halten mich deshalb für ballaballa, andere nur für ein wenig schrullig. Das stört mich aber nicht, denn es ist eben eine Leidenschaft, im Übrigen eine, die ich mit Millionen anderen Menschen teile. Woher sie kommt, kann ich bei mir selbst ganz gut herleiten. Was genau sie ausmacht, ist schon schwieriger zu sagen. Jagdtrieb ohne Gewehr? Vielleicht. Zumindest ist man beim Beobachten sehr fokussiert, kann wunderbar abschalten. Sammelleidenschaft? Bedingt. Klar ist es schön, eine neue Art zu sehen. Aber erstens kommt das selten vor, außer man ist auf anderen Kontinenten. Zweitens führe ich keine Listen, auf denen neue Arten abgehakt werden.

Was ist es also, das Vögel so interessant macht? Allein die Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) in Großbritannien hat 1,1 Millionen Mitglieder. Nabu und Bund in Deutschland haben zusammen 1,2 Millionen. Natürlich werden nicht alle davon permanent mit dem Fernglas durch die Gegend laufen, aber ein großer Teil hat zumindest ein Interesse an der Welt der Vögel und deren Schutz. Warum?

Da ist zum einen ihre Vielfalt. Unter den knapp 10 000 bekannten Arten weltweit existiert eine große Farben- und Formenvielfalt. Vom Kondor, der mit drei Metern Spannweite über die Anden segelt und nach Aas sucht, über den Wanderfalken, der andere Vögel im mehr als 300 Stundenkilometer schnellen Sturzflug erbeutet, bis hin zum knallbunten Bienenfresser, der genau tut, was sein Name besagt - sie alle haben sich durch die Evolution an bestimmte Lebensräume angepasst, in denen sie ihr Futter und ihre Brutmöglichkeiten finden. Und die meisten von ihnen können etwas, wofür wir Menschen sie bewundern: aus eigener Kraft fliegen. Auch da gibt es vielfältigste Ausprägungen, vom flugfaulen Fasan bis zu bewundernswürdigen Hochleistungsfliegern wie dem Mauersegler, der von Europa ins südliche Afrika fliegt und fast sein ganzes Leben in der Luft verbringt - Schlafen eingeschlossen.

Sie sind fast überall, ob auf der Hochsee, in den Wüsten oder in Tschernobyl

Das alles macht einen großen Teil ihrer Faszination aus. Aber letztlich bieten Vögel, die, abgesehen von Mikroben, wohl die weltweit am weitesten verbreitete Tierklasse sind, vor allem einen einfachen Zugang zur Natur und ihrem Verständnis. Sie sind fast überall, ob auf der Hochsee, in den Wüsten oder in den Ruinen Tschernobyls. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen, der sich auch einen Namen als Vogelschützer gemacht hat, beschreibt es in seinem Essayband "Das Ende vom Ende der Welt" so: "Ein Grund, warum Wildvögel wichtig sind - uns wichtig sein sollten - ist der, dass sie unsere letzte, beste Verbindung zu einer natürlichen Welt darstellen, die ansonsten im Schwinden begriffen ist."

Das trifft genau den Aspekt, der mir erst langsam und in den letzten Jahren immer deutlicher bewusst wurde: Vögel sind neben all ihrer Anmut und Faszination ein sehr guter Indikator für den Zustand der Natur und unseren Umgang mit ihr. Der augenfälligste Beweis ereignet sich seit etwa drei Jahrzehnten direkt vor unseren Haustüren: Laut dem Senckenberg Forschungszentrum für Biodiversität ist der Bestand an Vögeln in der deutschen Agrarlandschaft in den vergangenen 25 Jahren um 35 Prozent zurückgegangen. Kiebitze, Rebhühner, Feldlerchen zählen zu den Arten, die früher überall in der Agrarlandschaft vorkamen, heute in Deutschland aber äußerst selten und sogar vom Aussterben bedroht sind. Hinzu kommen sogenannte Allerweltsarten wie Stare oder Feldsperlinge, deren Bestände drastisch zurückgegangen sind.

Dass ein Starenschwarm zurzeit in der Stadt Wiesbaden Rast macht und dort Autos und einen Spielplatz mit seinem Kot überzieht, weswegen man verzweifelt versucht, die Singvögel mit Pyrotechnik zu vergrämen, zeigt exemplarisch den Grund des Vogelrückgangs. Die immer intensivere Landwirtschaft mit ihren großflächigen Monokulturen, dem Einsatz von Herbiziden und Insektiziden führt dazu, dass Vögel wenig geeignetes Futter wie Samen von Ackerwildkräutern und Insekten zur Brutaufzucht finden. Auch geeignete Plätze für ihre Nester in Hecken oder selten gemähten Wiesen sind rar, Bäume zum Schlafen ebenfalls.

Paradoxerweise ist deshalb die Artenvielfalt in Großstädten mit ihren Parks und Hausgärten heute meist viel größer als in der Agrarlandschaft. Für Vogelbeobachter wie mich ist das auch ein Vorteil. Wanderfalken, die an Kirchtürmen und Müllverbrennungsanlagen nisten und wegen der vielen Stadttauben in Saus und Braus leben; Habichte und Waldkäuze in den großen Parks; Nachtigallen an den buschbewachsenen Bahndämmen und pinke Gimpel am Futterhäuschen.

Apropos Futterhäuschen. Seit ich ein Haus mit Garten bewohne, hat sich meine Vogelleidenschaft ein zweites Mal verändert, hin zum Schutz und zur Habitatverbesserung. Nachdem ich das Buch von Peter Berthold "Unsere Vögel" gelesen hatte, begann ich damit, den kleinen Garten so vogelfreundlich wie möglich umzugestalten. Berthold ist einer der renommiertesten Ornithologen in Europa. Er arbeitet unermüdlich an einem neuen Konzept des Natur- und Vogelschutzes. Statt großer, zusammenhängender Naturschutzgebiete forciert er eine Kette von kleinen Biotopen im ganzen Land, die nur so weit entfernt voneinander sind, dass Vögel über Monokulturen hinweg von einem zum anderen fliegen können. Berthold überredet Bauern, ihm nutzloses Land zu verkaufen und lässt dort mit Stiftungsgeldern Teiche bauen, die innerhalb kürzester Zeit zu artenreichen Biotopen werden.

Für einen Teich ist in meinem Garten am Stadtrand kein Platz. Nach Anleitung von Berthold habe ich aber ein Futterhäuschen gebaut, fast so groß wie ein Adlerhorst, und füttere die Wildvögel vom Herbst bis in den Sommer hinein. Zusätzlich habe ich Beerensträucher gepflanzt und nektarreiche Blumen gesät, Nistkästen aufgehängt. Es ist schön zu sehen, wie viele Schmetterlinge, Schwebfliegen und Bienenarten seither in den Garten kommen.

Jede Katze, die den Garten betritt, wird sofort mit einem Schuhwurf verjagt

Doch bei den Vogelarten ist der Erfolg bisher nicht gerade durchschlagend, obwohl ich jede Katze, die unseren Garten betritt, sofort mit einem Schuhwurf verjage. (Laut Berthold töten herumstreunende Hauskatzen in Deutschland bis zu 30 Millionen Wildvögel pro Jahr, etwa gleich viel wie die ganzen Vogelfänger rund ums Mittelmeer.) Zu unserem Vogelhaus kommen im Wesentlichen immer nur dieselben fünf, sechs Arten. Vielleicht liegt es daran, dass wir von Äckern umgeben sind, mit wenig Hecken und alten Bäumen.

Dennoch finde ich dieses Schutzkonzept der kleinen Schritte überzeugend. Man muss zwar darauf dringen, dass sich die Agrarpolitik fundamental ändert, hin zur Förderung nicht von Masse, sondern von naturverträglichem Wirtschaften. Aber als Einzelner hat man das nicht in der Hand, seine unmittelbare Umgebung jedoch schon. Jonathan Franzen hat sich viel Kritik zugezogen, als er vorschlug, angesichts des in vollem Gang befindlichen Artensterbens nicht alle Ressourcen in die Bekämpfung des seiner Meinung nach ohnehin schon unumkehrbaren Klimawandels zu stecken, sondern auch einiges in den Erhalt der Artenvielfalt durch den Schutz von intakten Lebensräumen. Darüber lohnt es sich, nachzudenken.

Wenn ich heute im Gebirge unterwegs bin, zusammen mit meinem Achtjährigen, der, nun ja, voll mit dem Vogelliebevirus infiziert ist, und wir sehen auf der Suche nach Steinadlern leider "nur" Kolkraben, so muss ich immer wieder an Moritz denken, den intelligenten Raben. Seine Art ist fast weltweit verbreitet und hat es geschafft, sich an alle menschengemachten Widrigkeiten anzupassen. Für die meisten anderen Vogelarten gilt dies nicht. Deshalb ist es gut, wenn wir uns für sie interessieren und ihnen den Platz einräumen, den sie brauchen.

© SZ vom 24.10.2020
Young urban Red fox Vulpes vulpes poking its head up over a wall Bristol UK August PUBLICATION

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