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Insektenschwund:Biologen belegen flächendeckendes Hummelsterben

Eine Hummel der nordamerikanischen Art Bombus impatiens

(Foto: Antoine Morin; Antoine Morin)
  • In einer Langzeitstudie belegen Forscher einen flächendeckenden und massiven Schwund zahlreicher Hummelarten in Europa und Nordamerika.
  • Den Insekten macht vor allem die Zunahme von Hitzewellen und Dürren infolge der Klimakrise zu schaffen.
  • Nur wenige Hummelarten können in kältere Regionen ausweichen. Dies hat auch Folgen für den Menschen, da Hummeln für die Pflanzenbestäubung ähnlich wichtig sind wie Honigbienen.

Sie sind weltweit mit die wichtigsten Helfer in der Landwirtschaft und ohne sie würden ganze Landstriche niemals erblühen. Hummeln gelten als ebenso wichtige Bestäuber wie Honigbienen, für manche Pflanzenarten sogar als noch wichtiger. Wegen ihres pelzigen Fells und ihres friedfertigen Verhaltens gehören die gelb-schwarzen Flieger zu den beliebtesten Insekten. Aber in der Klimakrise geht ihnen die Puste aus, fürchten Wissenschaftler.

In einer Langzeitstudie belegen kanadische und britische Forscher um Peter Soroye von der Universität Ottawa einen flächendeckenden und massiven Rückgang zahlreicher Hummelarten in Europa und Nordamerika. Dieser sei noch größer als bislang bereits angenommen, schreiben sie im Fachjournal Science. Schuld seien häufigere und länger andauernde extreme Wärmeperioden. Das Ausmaß des Hummelschwundes könne als Vorbote einer Aussterbewelle gedeutet werden, warnen die Biologen. "Wenn der Rückgang in diesem Tempo weitergeht, könnten viele dieser Arten innerhalb weniger Jahrzehnte für immer verschwinden", sagt Erstautor Soroye.

Vor allem Hitzewellen und Dürren bringen die Hummeln an den Rand des Aussterbens

Um die Veränderung der Verbreitung und der Artenvielfalt unter Hummeln zu ermitteln, entwarfen die Wissenschaftler eine auf 100 Quadratkilometer genaue Verbreitungskarte für 66 Hummelarten in ganz Europa und Nordamerika. Dazu nutzten sie rund eine halbe Million Datensätze von Beobachtungen aus einem Zeitraum von 1901 bis 2014. Der Abgleich zwischen Verbreitungsgebieten und Klimadaten wie Temperatur und Niederschlag erbrachte ein selbst für die Wissenschaftler überraschend deutliches Ergebnis: Mit voranschreitender Erwärmung und der Zunahme von Hitzewellen und Dürreperioden räumen die Hummeln immer größere Teile ihres einstigen Lebensraums.

"Die Grenze dessen, was die Tiere an zunehmender Hitze tolerieren können, wird immer häufiger überschritten", analysieren die Autoren. "Im Laufe von nur einer Menschengeneration sank die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ort auf beiden Kontinenten von Hummeln besiedelt ist, um durchschnittlich über 30 Prozent." In Nordamerika sei die Besiedlungswahrscheinlichkeit heute sogar um fast 50 Prozent niedriger als früher, in Europa seien es 17 Prozent.

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Doch auch in Europa sei der Hummelschwund drastischer als bislang angenommen. Denn bisherige Bestandsschätzungen beruhten auf Stichproben aus kühleren nördlichen Regionen, die noch verhältnismäßig wenig von Hitzeereignissen betroffen seien. In Regionen, die bislang nicht für die Schätzungen berücksichtigt wurden, verlaufe der Klimawandel aber viel schneller, sagt Soroye. "In der Gesamtschau mit den neuen Erkenntnissen kommen wir zu dem Schluss, dass die Rückgänge leider noch sehr viel stärker sind, als bislang angenommen", sagt er mit Blick auf Europa.

Am stärksten schrumpften die Verbreitungsgebiete in den von extremen Hitzewellen besonders betroffenen südlichen Regionen wie Spanien oder Mexiko. "Wie ein Teppich, der ausgerollt wird, hat sich die Verbreitung mit zunehmender Klimaveränderung im Zeitverlauf vom südlichen Ende nach Norden verschoben", sagt Studien-Co-Autor Jeremy Kerr. Vor allem die Häufung und zunehmende Intensität von Hitzewellen und Dürren sehen die Forscher als treibende Kraft hinter dem Hummelschwund. Diese Faktoren seien bedeutsamer als etwa der Anstieg der Durchschnittstemperatur.

Viele Tierarten weichen Richtung Norden aus. Doch der Klimawandel ist meist schneller

Die Bedeutung der Forschungsergebnisse reicht nach Einschätzung anderer Wissenschaftler über Hummeln oder andere Insekten hinaus. Tempo und Ausmaß der Veränderungen überschritten zunehmend die Grenzen dessen, was auch andere Organismen und sogar ganze Ökosysteme noch mit der ihnen eigenen "ökologischen Widerstandsfähigkeit" auffangen könnten. "Die Studie fügt sich ein in die wachsende Zahl von Belegen für weit verbreitete und alarmierend hohe Verluste der biologischen Vielfalt", schreiben die Biologen Jonathan Bridle und Alexandra van Rensburg von der Universität Bristol ebenfalls in Science. "Mit den zunehmenden Folgen des Klimawandels werden sich Massenverluste, die wir jetzt bei Hummeln beobachten, für immer mehr Organismen an immer mehr Orten zeigen." Studienautor Soroye formuliert es noch drastischer. "Wir befinden uns mitten im sechsten Massenaussterben der Erde, der größten und schnellsten globalen Krise der biologischen Vielfalt, seit ein Meteor das Zeitalter der Dinosaurier beendete."

Viele Tierarten versuchen, sich mit einer Verschiebung ihrer Verbreitungsgebiete nach Norden vor dem Vorrücken der Heißzeit zu schützen oder sogar davon zu profitieren. Bei den Vögeln gilt etwa der farbenfrohe Bienenfresser als Klimagewinner. Die früher nur in Südeuropa verbreitete Art brütet heute selbst an der Nord- und Ostseeküste.

"Der Trend der Nordausbreitung ist in allen Artengruppen vorhanden, aber sehr verschieden ausgeprägt", sagt Josef Settele. Der Insektenexperte hat als Co-Vorsitzender des Weltbiodiversitätsrats die Arbeit am IPBES-Bericht zum globalen Zustand der Ökosysteme und der Artenvielfalt geleitet. "Dort, wo wir bislang gute Daten haben, hinken die Tiere in ihrer Ausbreitung nach Norden der Geschwindigkeit des Klimawandels aber hinterher." Gemeinsam mit Kollegen hat Settele dies in Zahlen gefasst. Gegenüber der Temperaturerhöhung hinken danach Schmetterlinge 135 und Vögel sogar 212 Kilometer mit der Verschiebung ihrer Lebensräume nordwärts hinterher.

Hummeln zu schützen dient auch der Sicherung der Welternährung

Bei Hummeln expandieren hingegen nur wenige Arten aus dem Süden nach Norden. "Weil wir aber auch in nördlichen Regionen Hummelarten haben, die zügig verschwinden, ergibt sich keine Erhöhung der Artenvielfalt, anders als bei anderen Tiergruppen wie Tagfaltern", sagt Settele. Von den etwa 30 Hummelarten, die in Deutschland vorkommen, stehen mehr als die Hälfte auf der Roten Liste der bedrohten Arten.

Auch die kanadischen Forscher haben das Ausweichen der Hummel Richtung Norden in ihren Berechnungen berücksichtigt. Der Klimawandel eröffne den Hummeln zwar Möglichkeiten zur Kolonisierung für sie bislang unwirtlicher Regionen, schreiben sie. In der Summe übertreffe das Ausmaß der Verluste durch Aussterben die Gewinne durch Neubesiedlungen aber bei weitem.

Die Ergebnisse der neuen Studie hält Settele für plausibel. "Sie passen in unser Bild", sagt der Forscher. Der Biodiversitätsrat IPBES hatte schon 2016 gefordert, dass es angesichts des Klimawandels größere Anstrengungen geben müsse, um die Bestäubung zu erhalten. Dies diene der Sicherung der weltweiten Ernährung.

Immerhin werden weltweit fast 90 Prozent aller Blütenpflanzen und drei Viertel aller wichtigen Nutzpflanzen von Insekten bestäubt. Der wirtschaftliche Wert dieser "Ökosystemdienstleistung" wird auf 200 bis 600 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Hummeln sieht Settele als "Top-Bestäuber", die ähnlich wichtig seien wie Honigbienen. Zudem hätten sie auch in natürlichen Ökosystemen eine zentrale Rolle bei der Bestäubung von Wildpflanzen. Auch Soroye betont die Bedeutung seines Forschungsobjekts für Mensch und Umwelt. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir einer Zukunft mit viel weniger Hummeln und viel weniger Vielfalt gegenüberstehen, sowohl im Freien als auch auf unserem Teller."

© SZ vom 10.02.2020/cvei
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