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Haie als Forschungsobjekte:Ben ist auf Sendung

In China gilt eine Suppe aus den Flossen eines Hais als Delikatesse, andernorts gelten die Raubfische als mörderische Bestien. In Florida versuchen Wissenschaftler und Tierschützer die Räuber der Meere zu schützen, indem sie sie fangen, markieren und dann per Satellit verfolgen.

Seit einigen Wochen ist Ben auf Sendung. Immer wenn das fast zwei Meter lange Bullenhai-Männchen auftaucht, schickt eine Kapsel an seiner Rückenflosse ein Signal in den Weltraum. Ein Satellit funkt die GPS-Koordinaten zur Erde zurück, und Neil Hammerschlag von der University of Miami bekommt eine E-Mail. Wenig später zeigt sich auf einer digitalen Weltkarte, in welchem Gewässer Ben gerade jagt. Bisher blieb er vor Key Largo in Südflorida.

Hai als Forschungsobjekt

Forscher der Uni Miami fangen und markieren vor Key Largo Haie. Bei diesem Tier handelt es sich um einen Bullenhai. Vor allem in China gilt eine Suppe aus den Flossen eines Hais als Delikatesse. Weil diese Körperteile mehr Gewinn bringen als der Rest des Fischs, schneiden skrupellose Fischer die Flossen bei lebendigem Leib ab. Bewegungslos geworden, ersticken die Tiere, weil ihre Kiemen nicht mehr von Meerwasser durchströmt werden.

(Foto: Christopher Schrader)

Bens Mitarbeit im Dienste der Forschung war keine freiwillige Sache. Es war dem Hai sogar sichtlich unrecht, an Bord der Coral Princess gezogen und von einem Dutzend Händen festgehalten, betatscht, vermessen, gepikst, beschnippelt und untersucht zu werden. Mit einem Akkuschrauber wurden Löcher in seine knorpelige und wohl schmerzunempfindliche Rückenflosse gebohrt, um den Sender zu befestigen. Widerwillig überstand das Tier die Prozedur - auch weil währenddessen Neil Hammerschlag auf seinem Kopf saß.

Hammerschlag ist Biologieprofessor an der University of Miami und ein großer Freund der Haie. Er ist ein schmächtiger, agiler Mann mit schwarzem Krauskopf und einer Mission: Er will die Haie schützen und gleichzeitig erforschen. "Sie sind die obersten Raubtiere im Meer und halten das Tierreich gesund. Alle Arten profitieren von der Anwesenheit der Haie. Aber die Menschen schlachten sie ab, weil sie nichts von ihnen wissen."

Die grausamste Praxis ist dabei das sogenannte Finning. Den Begriff spricht Hammerschlag voll Ekel aus, denn er bedeutet für die Tiere einen unnötig grausamen Tod. "Kommerzielle Fischer fangen Haie, schneiden die Flossen ab und werfen die Verstümmelten zurück ins Meer, wo sie unter Schmerzen langsam ersticken", sagt Hammerschlag.

Die meisten Haie müssen aktiv Wasser durch ihre Kiemen spülen, indem sie sich vorwärts bewegen. Die abgeschnittenen Flossen sind meist für den chinesischen Markt bestimmt, wo sich eine wachsende Mittelklasse das frühere "Essen der Kaiser" leistet. Das Kilogramm getrocknete Haiflossen erbringt hier einige hundert Euro, ihr Knorpelgewebe verleiht einer traditionellen Suppe ihre Sämigkeit. "Viele Chinesen fürchten, dass sie als geizig gelten, wenn sie bei der Hochzeit ihrer Kinder keine Haifischflossen-Suppe auftischen - die Schüssel zu 100 Dollar", erzählt Matt Rand von der Umweltorganisation Pew Environment Group.

Immerhin ist das Finning in manchen Weltmeeren schon verboten. Die EU zum Beispiel will ihre Bestimmungen weiter verschärfen. Schiffe fremder Herkunft in Europa und europäische Schiffe in aller Welt dürfen dann nicht mehr wie bisher die Flossen in einem anderen Hafen anlanden als den Körper des Hais. Dies macht es Fischern mangels wirksamer Kontrollen bislang einfach, die Bestimmung zu unterlaufen. In Zukunft soll gelten: Wer Flossen verkaufen möchte, muss den Rest des Hais vorweisen können.

So ist es auch in den Gewässern Floridas geregelt, sagt Luke Tripple von der Shark-Free Marina Initiative. Er versucht darüber hinaus die Betreiber von Häfen für Sportfischer zu überreden, dass sie das Anlanden von Haien generell verbieten. Aber er weiß, es wird schwer: "Wenn jemand einen Hai gefangen hat und sich mit dem Tier fotografieren lässt, gilt er als mächtiger Jäger." Und Fabien Cousteau, der Enkel des berühmten französischen Meeresforschers, ergänzt: "Viele Menschen denken immer noch, Haie seien entbehrlich."

Um das zu ändern, bietet Hammerschlag mit seinem Team von Studenten und Captain Curt Slonim von der Coral Princess Touren an, bei denen Laien helfen, Haie zu fangen: Wenn es klappt, werden die Tiere auf das Achterdeck des Boots gezogen, einige Minuten lang untersucht, markiert und dann wieder freigelassen. Jeder der Gäste bekommt eine Aufgabe. (Bilder und Videos einer Tour finden Sie hier.)

Was zu tun ist, erklärt Hammerschlag an einem 60 Zentimeter langen Stofftier, bevor er die Gäste mit Gemeinschaftsgesängen und Rufen aufputscht wie eine Football-Mannschaft. Um zum Beispiel Bullenhaie draußen im Wasser zu beschwören, halten sich alle die ausgestreckten Zeigefinger an die Schläfen wie die Hörner eines Stiers und brüllen aus voller Kehle "Shark".

Moralisch gestärkt, wenn auch etwas verunsichert, machen sich die ersten Freiwilligen bereit: Einer holt die Leine mit dem Köder ein, die anderen warten mit dem Maßband, der Chirurgenschere, dem Biopsie-Stempel, dem Probenröhrchen und der Plastikmarke samt Applikator auf einen Ammen- oder Zitronenhai, einen Schwarzspitzen- oder Tigerhai, einen Hammer- oder Bullenhai.

An diesem Tag müssen sie lange warten. Hammerschlags Team hat zehn Leinen vorbereitet, die mit großen, noch gefrorenen Stücken Barrakuda bestückt rund um ein kleines Riff auf der Atlantikseite vor Key Largo ausgebracht werden. Beißen die Haie, dann schlucken sie einen Spezialhaken, der sich beim Herausziehen nicht in ihre Eingeweide bohrt. Ben der Bullenhai beißt erst, als die Gruppe fast schon die Hoffnung aufgegeben hat.

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