Süddeutsche Zeitung

Haie als Forschungsobjekte:Ben ist auf Sendung

In China gilt eine Suppe aus den Flossen eines Hais als Delikatesse, andernorts gelten die Raubfische als mörderische Bestien. In Florida versuchen Wissenschaftler und Tierschützer die Räuber der Meere zu schützen, indem sie sie fangen, markieren und dann per Satellit verfolgen.

Seit einigen Wochen ist Ben auf Sendung. Immer wenn das fast zwei Meter lange Bullenhai-Männchen auftaucht, schickt eine Kapsel an seiner Rückenflosse ein Signal in den Weltraum. Ein Satellit funkt die GPS-Koordinaten zur Erde zurück, und Neil Hammerschlag von der University of Miami bekommt eine E-Mail. Wenig später zeigt sich auf einer digitalen Weltkarte, in welchem Gewässer Ben gerade jagt. Bisher blieb er vor Key Largo in Südflorida.

Bens Mitarbeit im Dienste der Forschung war keine freiwillige Sache. Es war dem Hai sogar sichtlich unrecht, an Bord der Coral Princess gezogen und von einem Dutzend Händen festgehalten, betatscht, vermessen, gepikst, beschnippelt und untersucht zu werden. Mit einem Akkuschrauber wurden Löcher in seine knorpelige und wohl schmerzunempfindliche Rückenflosse gebohrt, um den Sender zu befestigen. Widerwillig überstand das Tier die Prozedur - auch weil währenddessen Neil Hammerschlag auf seinem Kopf saß.

Hammerschlag ist Biologieprofessor an der University of Miami und ein großer Freund der Haie. Er ist ein schmächtiger, agiler Mann mit schwarzem Krauskopf und einer Mission: Er will die Haie schützen und gleichzeitig erforschen. "Sie sind die obersten Raubtiere im Meer und halten das Tierreich gesund. Alle Arten profitieren von der Anwesenheit der Haie. Aber die Menschen schlachten sie ab, weil sie nichts von ihnen wissen."

Die grausamste Praxis ist dabei das sogenannte Finning. Den Begriff spricht Hammerschlag voll Ekel aus, denn er bedeutet für die Tiere einen unnötig grausamen Tod. "Kommerzielle Fischer fangen Haie, schneiden die Flossen ab und werfen die Verstümmelten zurück ins Meer, wo sie unter Schmerzen langsam ersticken", sagt Hammerschlag.

Die meisten Haie müssen aktiv Wasser durch ihre Kiemen spülen, indem sie sich vorwärts bewegen. Die abgeschnittenen Flossen sind meist für den chinesischen Markt bestimmt, wo sich eine wachsende Mittelklasse das frühere "Essen der Kaiser" leistet. Das Kilogramm getrocknete Haiflossen erbringt hier einige hundert Euro, ihr Knorpelgewebe verleiht einer traditionellen Suppe ihre Sämigkeit. "Viele Chinesen fürchten, dass sie als geizig gelten, wenn sie bei der Hochzeit ihrer Kinder keine Haifischflossen-Suppe auftischen - die Schüssel zu 100 Dollar", erzählt Matt Rand von der Umweltorganisation Pew Environment Group.

Immerhin ist das Finning in manchen Weltmeeren schon verboten. Die EU zum Beispiel will ihre Bestimmungen weiter verschärfen. Schiffe fremder Herkunft in Europa und europäische Schiffe in aller Welt dürfen dann nicht mehr wie bisher die Flossen in einem anderen Hafen anlanden als den Körper des Hais. Dies macht es Fischern mangels wirksamer Kontrollen bislang einfach, die Bestimmung zu unterlaufen. In Zukunft soll gelten: Wer Flossen verkaufen möchte, muss den Rest des Hais vorweisen können.

So ist es auch in den Gewässern Floridas geregelt, sagt Luke Tripple von der Shark-Free Marina Initiative. Er versucht darüber hinaus die Betreiber von Häfen für Sportfischer zu überreden, dass sie das Anlanden von Haien generell verbieten. Aber er weiß, es wird schwer: "Wenn jemand einen Hai gefangen hat und sich mit dem Tier fotografieren lässt, gilt er als mächtiger Jäger." Und Fabien Cousteau, der Enkel des berühmten französischen Meeresforschers, ergänzt: "Viele Menschen denken immer noch, Haie seien entbehrlich."

Um das zu ändern, bietet Hammerschlag mit seinem Team von Studenten und Captain Curt Slonim von der Coral Princess Touren an, bei denen Laien helfen, Haie zu fangen: Wenn es klappt, werden die Tiere auf das Achterdeck des Boots gezogen, einige Minuten lang untersucht, markiert und dann wieder freigelassen. Jeder der Gäste bekommt eine Aufgabe. (Bilder und Videos einer Tour finden Sie hier.)

Was zu tun ist, erklärt Hammerschlag an einem 60 Zentimeter langen Stofftier, bevor er die Gäste mit Gemeinschaftsgesängen und Rufen aufputscht wie eine Football-Mannschaft. Um zum Beispiel Bullenhaie draußen im Wasser zu beschwören, halten sich alle die ausgestreckten Zeigefinger an die Schläfen wie die Hörner eines Stiers und brüllen aus voller Kehle "Shark".

Moralisch gestärkt, wenn auch etwas verunsichert, machen sich die ersten Freiwilligen bereit: Einer holt die Leine mit dem Köder ein, die anderen warten mit dem Maßband, der Chirurgenschere, dem Biopsie-Stempel, dem Probenröhrchen und der Plastikmarke samt Applikator auf einen Ammen- oder Zitronenhai, einen Schwarzspitzen- oder Tigerhai, einen Hammer- oder Bullenhai.

An diesem Tag müssen sie lange warten. Hammerschlags Team hat zehn Leinen vorbereitet, die mit großen, noch gefrorenen Stücken Barrakuda bestückt rund um ein kleines Riff auf der Atlantikseite vor Key Largo ausgebracht werden. Beißen die Haie, dann schlucken sie einen Spezialhaken, der sich beim Herausziehen nicht in ihre Eingeweide bohrt. Ben der Bullenhai beißt erst, als die Gruppe fast schon die Hoffnung aufgegeben hat.

Wichtig für das Ökosystem Riff

"Eigentlich ist Barrakudafleisch der perfekte Haiköder", wundert sich Austin Gallagher, einer von Hammerschlags Mitarbeitern, "der am meisten stinkende Fisch im Ozean." Haie haben einen ausgeprägten Geruchssinn, sie können einen Tropfen Blut in einem Olympia-Schwimmbecken riechen. Und sie können elektrische Felder spüren, die andere Fische mit ihrer Muskelbewegung erzeugen. "Aber sie sind nicht die gehirnlosen Tötungsmachinen, als die sie oft dargestellt werden", ergänzt der Teamleiter.

Tatsächlich fressen Haie vergleichsweise wenig und kontrollieren ein Ökosystem eher durch Furcht. Die potentielle Beute meidet das offene Wasser, bleibt am Riff und frisst dort Algen, unter denen sonst die Korallen ersticken würden.

Auf diese Weise unterstützen Haie Ökosysteme, die auch viele Touristen anziehen. Austin Gallagher hat ausgerechnet, dass ein touristisch genutzter Hai viel mehr einbringt als ein erlegter. "Wer ihn fängt und seine Flossen verkauft, kann damit einmal gut 50 Dollar verdienen.

Aber im Tourismus können Tauchressorts und die umgebenden Geschäfte jeden Tag deutlich mehr pro Hai einnehmen." Über die Lebensdauer gerechnet, sei ein Hai damit 200.000 Dollar wert. Die Bahamas, die Malediven, Palau in der Südsee und Honduras haben aus diesen Gründen bereits das Fangen von Haien komplett verboten. Wenigstens dort können sich die Fische nun erholen, die erst nach vielen Jahren geschlechtsreif werden und bei jedem Wurf nur wenige Junge lebend zur Welt bringen.

Auch Curt Slonim, der Skipper, macht mit dem Ökotourismus Geschäfte. Schließlich bietet er die Haitouren an, den halben Tag auf See zu 750 Dollar. Damit seine heutigen Gäste auch etwas haben von ihrem Geld, suchen Mannschaft und Forscher ihr Heil in der Mystik. Der Captain fragt sich, ob die Bananen, die ignorante Landbewohner in die Lunchpakete gepackt haben, Unglück gebracht haben - ein in der Karibik verbreiteter Aberglaube. Neil Hammerschlag wirft daraufhin eine Frucht im hohen Bogen ins Meer. Die Studenten versuchen dem "bad luck" zu begegnen, indem sie den Wickelkern der Leine, gegen einen andersfarbigen austauschen. Schließlich improvisieren zwei von Hammerschlags Studenten aus reiner Verzweiflung einen Hai-Tanz auf dem Achterdeck.

Kurz danach, als die 30. Leine ausgebracht wird, scheint das Ritual Erfolg zu zeigen. Auf dem Achterdeck steigt die Spannung, denn ein Timer ist ausgelöst und zeigt fünf Minuten an. Rachael Kraemer, die bei Hammerschlag ihren Master in Biologie macht, muss richtig arbeiten, um die Leine einzuholen. Als der Hai an die Oberfläche gezwungen ist, zieht ihm Captain Curt eine Schlaufe unter dem Kopf hindurch; zu dritt hieven sie das sich windende Tier auf das Achterdeck.

Hammerschlag setzt sich auf seinen Kopf und hält das Maul mit den gefährlichen Zähnen zu; nur einen Moment lang lässt er dem Tier mehr Spielraum, damit einer seiner Studenten ein Rohr in das Maul schiebt. Durch einen Schlauch wird nun Meerwasser in den Hai gepumpt, das durch seine Kiemen wieder herausfließt. Als er wieder atmen kann, wird er ruhiger - außerdem sitzen inzwischen zwei Forscher auf seinem Rücken.

Nun drängen weitere Mitfahrer zum Tier. Ein Team versucht die Länge des Hais mit und ohne Schwanzflosse zu messen, und muss dazu das Ende des Maßbands unter dem Schritt eines der Studenten durchschieben, der auf dem Hai sitzt. Jemand spritzt dem Tier Wasser aus einer Plastikspritze ins Auge, ein Test für Reflexe und Stressniveau. Ein Mitfahrer schneidet einen kleinen Zipfel der Rückenflosse ab, ein anderer versucht das Probengefäß dafür durch die drängelnden Leiber zur Schere zu schieben.

Eine Spritze bohrt sich in die Haut des Hais, einer der Studenten zieht etwas Blut aus der Nadel. Ein Biopsie-Stempel wird mit Wucht in die Rückenmuskeln des Hais gestoßen und stanzt ein fünf Millimeter großes Stück Gewebe heraus, eine Hand schmiert danach antibiotische Salbe auf die kleine Wunde. Darüber bohren Mitglieder des Forscherteams mit dem Akkuschrauber zwei Löcher in die Rückenflosse, um den Satellitensender anzubringen.

Keine zehn Minuten dauert all das, dann schieben Hammerschlag und Captain Curt den Hai wieder ins Wasser. Er kippt in den Atlantik und verschwindet sofort unter der azurblauen Oberfläche. Wenig später meldet Austin Gallagher, der einen Teil des Haibluts in ein Testgerät gespritzt hat, dass Ben nicht allzu gestresst gewesen sei: "Seine Hormonwerte waren in Ordnung. Und die niedrigen Laktatwerte zeigen, dass er sich an der Leine nicht verausgabt hat."

Einen Satellitensender bekommen nur die seltenen Bullen-, Hammer- und Tigerhaie, anderen Tieren wird eine Plastikmarke in die Rückenflosse gebohrt, auf der ein möglicher Fänger gebeten wird, die Forscher anzurufen und Daten über Seegebiet und Größe des Tieres durchzugeben. Aber Ben, wie der Bullenhai nun heißt, übermittelt bei jedem Auftauchen seine Koordinaten. 3000 Dollar kostet so ein Sender, einen Teil spenden Firmen oder Privatpersonen.

Mit den Sendern hat der Professor schon wilde Geschichten erlebt. Einmal meldete das Gerät eine Position an Land, und kurz darauf rief ein Fischer an, was Hammerschlag der Sender denn wert sei. Als der sich auf sein Forschungsprojekt berief und sagte, er könne kein Lösegeld bezahlen, da wollte der Finder den Sender mit dem Schrotgewehr beseitigen. Der Sheriff, den Hammerschlag darauf zum Fundort schickte, war machtlos. Nach Seerecht hatte der Professor seinen Besitz aufgegeben, der Finder durfte ihn behalten - und in Stücke schießen.

Mit einem anderen Sender konnte Hammerschlag zum ersten Mal überhaupt einen Hammerhai auf seiner Wanderung verfolgen. Sein Team hatte das Tier im Februar 2010 vor den Florida Keys markiert und 62 Tage lang verfolgt, bevor der Kontakt abriss. Der Hai blieb zunächst etwa einen Monat in der Gegend und verschwand dann für einige Wochen. Mitte April tauchte er 1200 Kilometer weiter nördlich im Atlantik auf, 500 Kilometer vor der Küste von New Jersey. Dass dieser Teil des Ozeans zum Lebensraum der Hammerhaie gehörte, war bis dahin unbekannt.

Inzwischen verfolgt Hammerschlags Webseite 57 Haie in Atlantik, Golf und Pazifik. Der größte ist der Tigerhai Kori mit mehr als vier Meter Länge; ein Bullenhai, Captain Curt genannt, blieb zehn Monate auf Sendung, ein anderer nicht einmal 24 Stunden. Ben liegt derzeit gut im Mittelfeld, er hat seine Position bislang 50-mal durchgegeben. Anfangs meldete er sich dreimal an einem Vormittag.

Den Schock, an Bord der Coral Princess unter Menschen geraten zu sein, hat er offenbar gut überwunden. Ende Oktober jagte er wieder im flachen Wasser vor Key Largo. Zuletzt jedoch blieb Ben 14 Tage lang unter Wasser. Das jedoch, sagen Haiexperten, könne bei den agilen Unterwasser-Räubern durchaus vorkommen.

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Quelle:
SZ vom 17.12.2011/mcs
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