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Gene spiegeln Erlebnisse wider:Fluch der frühen Prägung

Wird ein Baby längere Zeit von der Mutter getrennt, brennt sich diese Erfahrung in sein Erbgut - und kann Jahrzehnte später krank machen. Münchner Forscher konnten dies erstmals aufzeigen.

Katrin Blawat

Jeder Mensch könne ein erfolgreicher Musiker werden, behauptete der Psychologe Frederic Skinner vor 50 Jahren, man müsse nur früh genug ein intensives Training beginnen. Wie viele seiner Zeitgenossen glaubte Skinner fest an die Macht der Umwelt über die Entwicklung des Menschen. Zehn Jahre später kursierte dann die Theorie vom "Verbrecher-Gen" - jetzt sollte es allein das Erbgut sein, das über Verhalten, Charakter und Fähigkeiten eines Menschen entscheidet.

DNA-Modell

Die Epigenetik fragt nach der Veränderlichkeit des Erbguts. Sie stellt schon nach wenigen Forschungsjahren altes Lehrbuchwissen in Frage.

(Foto: Foto: dpa)

Als viel zu einfach sind seit einiger Zeit beide Ansichten entlarvt. Nicht nur die genetische Ausstattung von Mutter und Vater, sondern auch Lebensstil und persönliche Erfahrungen legen fest, wie das Erbgut eines Menschen aussieht. Doch was passiert zum Beispiel mit der DNS eines Neugeborenen, das von seinen Eltern misshandelt wird? Wie kann es sein, dass diese frühe Erfahrung Jahrzehnte später den erwachsenen Menschen krank werden lässt? Die Antwort darauf haben nun Wissenschaftler des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie gefunden.

Erstmals hat das Team um Florian Holsboer und Dietmar Spengler Schritt für Schritt gezeigt, wie sich frühe psychische Erfahrungen im Erbgut widerspiegeln und später beim Erwachsenen zu Krankheiten wie Depressionen führen können. Für ihre Untersuchung nahmen die Forscher neugeborenen Mäusen für kurze Zeit die Mutter weg - das ist für Nager wie für menschliche Babys ein tiefgreifender Schock.

Die traumatisierten Mäuse schnitten ihr Leben lang in Lern- und Stresstests deutlich schlechter ab als unbehelligt aufgewachsene Artgenossen, sie waren antriebslos und verhielten sich gegenüber anderen Mäusen nicht nach sozialen Spielregeln. Auch die molekularen Grundlagen dieser Wesensänderung haben die Forscher bis ins Detail geklärt. Der Schock, ohne die Mutter auskommen zu müssen, bewirkt, dass sich die Aktivität einzelner Gene unwiderruflich ändert. Dies wiederum führt zu einem Ungleichgewicht bestimmter Eiweißstoffe, die darüber entscheiden, wie gut Mensch und Tier mit Stress umgehen können.

Nicht jede Traumatisierung macht krank

Nicht alle Menschen, die irgendwann in ihrem Leben ein Trauma erleiden, zerbrechen daran. Nur wer auch die genetische Veranlagung dazu hat, wird unter Umständen depressiv. "Die molekularen Änderungen im Erbgut sind dann das Sprachrohr, über das Umwelt und Gene miteinander kommunizieren", sagt Holsboer.

Seine Studie ist ein eindrückliches Beispiel für die noch junge Disziplin der sogenannten Epigenetik. Sie stellt schon nach wenigen Forschungsjahren altes Lehrbuchwissen in Frage. Anders als lange gedacht ist das Erbgut des Menschen nicht starr und unveränderlich. Vielmehr entfernt es ständig Bestandteile, aktiviert neue Abschnitte und legt andere lahm. Aus diesem Grund unterscheidet sich die genetische Ausstattung zweier Menschen um viel mehr als um jenes Promille, das Wissenschaftler nach der Entschlüsselung der menschlichen DNS berechnet hatten.

Der Genforscher Craig Venter nennt heute seine damalige Annahme "naiv", allein anhand des Erbgutbauplans zu wissen, was einen Menschen ausmacht. Bestimmt werden die permanenten Umbauten von dem, was einem Menschen widerfährt, und erst die lebenslang auftretenden molekularen Veränderungen der Erbsubstanz machen einen Menschen zum Individuum. Daher haben sogar eineiige Zwillinge oft kein identisches Erbgut. Jeder Jeck ist eben anders - diese Kölner Volksweisheit bestätigt nun auch die Wissenschaft.

© SZ vom 09.11.2009/beu
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