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Gemischte Gefühle: Liebeskummer:Der Kummer kann töten

"Ein kritischer Faktor könnte die Abhängigkeit der Säugetier-Neugeborenen von anderen sein", sagt sie. "Trennung wie einen Schmerz zu empfinden ist sowohl für das Baby als auch für den Betreuer eine starke Motivation, die Nähe wieder herzustellen und sichert so das Überleben der Nachkommen."

Doch vielleicht hat es die Evolution beim Menschen mit dem Liebeskummer-Mechanismus ein wenig übertrieben, spekuliert die Kollegin Brown. Denn ein gebrochenes Herz kann tödlich sein. Beim Syndrom des gebrochenen Herzens reagiert der Körper auf ein emotional belastendes Ereignis wie zum Beispiel die Trennung von einem geliebten Menschen. Plötzlich wird das Herz mit den Stresshormonen Adrenalin und Noradrenalin überschwemmt. Brustschmerzen und Atemnot sind die Folge. Die Patienten - meistens Frauen mittleren Alters - haben jedoch keinerlei verstopfte Arterien oder andere Hinweise, die einen Infarkt erklären könnten.

In einer Studie des Johns Hopkins Medicine Institute zeigte sich, dass die Hormone und ihre Nebenprodukte so plötzlich in großen Mengen auftreten, dass sie den Herzmuskel lahmlegen. Etwa drei Prozent der Patienten sterben daran. Wenn der Patient jedoch das Akutstadium überlebt, trägt das gestresste Herz keine bleibenden Schäden davon. Es kann sich sogar innerhalb von wenigen Tagen wieder vollständig erholen.

Ob es jemals eine Pille gegen Liebeskummer geben wird? Mäuseforscher Bosch winkt ab: "Das wäre ja schlimm, die Trauer ist wichtig als Vorbereitung auf einen neuen Lebensabschnitt." Auch Hirnforscherin Brown hält davon nichts, dafür seien die Vorgänge zu komplex. Sie vergleicht ein gebrochenes Herz eher pragmatisch mit einem gebrochenen Bein: "Das tut anfangs sehr weh, und dann muss man eine ganze Weile zu Hause herumsitzen und warten, bis es wieder verheilt ist. In dieser Zeit kann man darüber nachdenken, warum das passiert ist, und daraus lernen."

Sie empfiehlt in schweren Fällen den kalten Entzug, also keine Treffen, keine Bilder ansehen, nicht in Erinnerungen schwelgen. Stattdessen sollten Liebeskranke vor allem für Ablenkung sorgen und soziale Kontakte pflegen, um Seele und Hormone wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

In Browns Studie zeigte sich, dass auch Entlieben ein Lernprozess des Gehirns ist. Je länger die Trennung bei den College-Studenten zurücklag, desto weniger sprachen die für Paarbindung zuständigen Gehirnregionen auf den Anblick des Ex-Partners an. Offenbar haben die Poeten auch in dieser Hinsicht recht. Die Zeit heilt alle Wunden, auch die der Liebe.

© SZ vom 19.08.2010/cosa/beu

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