Erneuerbare Energie Umweltschützer beklagen Kahlschlag von Wäldern für die Stromproduktion

Etwa die Hälfte der in die EU importierten Holzpellets kommt aus den USA. Vor allem in den südöstlichen Bundesstaaten eröffneten in den vergangenen Jahren viele Pellet-Fabriken. Dort regt sich unter Wissenschaftlern und Umweltschützern inzwischen Widerstand gegen das Verheizen amerikanischen Holzes in Europas Kraftwerken. Reporter und Aktivisten berichten, dass eben nicht nur Abfälle in den Fabriken landen, sondern auch ganze Bäume, teilweise aus Kahlschlägen. "Jeden Morgen gehen Holzfäller-Teams entlang des Roanoke River in dicht bewaldetes Schwemmland, sie schlagen jeden Baum und jeden Strauch. Dutzende Lastwagen fahren täglich frisch geschnittene Eichen und Pappeln zu einer nahe gelegenen Fabrik, wo das Holz in kleine Pellets umgewandelt wird, um als Brennstoff in europäischen Kraftwerken eingesetzt zu werden", schreibt die Washington Post. Die Zeitung veröffentlichte Fotos, auf denen zu sehen ist, wie Holzlaster auf ein Fabrikgelände von Enviva einbiegen. Enviva ist der weltweit größte Hersteller von Holzpellets; der Konzern beliefert unter anderem das Kraftwerk im englischen Drax. Auch die Umweltaktivistin Sini Eräjää von der Organisation Birdlife sagt, sie hätte auf einer Reise in die USA mit eigenen Augen gesehen, wie ganze Baumstämme in einer Enviva-Fabrik gelandet seien.

Industrie und Politik verweisen darauf, dass die Waldfläche in den USA in den vergangenen Jahren sogar gewachsen sei. Enviva sagt, das Unternehmen betreibe nachhaltige Forstwirtschaft. Das sei zertifiziert, externe Gutachter würden die komplette Verarbeitungskette mindestens einmal jährlich untersuchen. Ganze Bäume verarbeite man nur, wenn es für diese keine andere Verwendung gäbe, etwa weil sie zu krumm gewachsen seien; oder sie ohnehin gefällt werden müssten, um anderen Bäumen Platz zu geben. Tatsächlich kommen mehrere Studien zu dem Ergebnis, dass eine höhere Nachfrage nach Holz zu einer Zunahme der Waldfläche führt. Die Nachfrage führe zu steigenden Preisen, wodurch mehr Bäume gepflanzt und weniger Wälder beispielsweise in Acker umgewandelt würden. Kritiker wenden ein, dass es sich bei den zusätzlichen Flächen häufig um schnell wachsende Plantagen mit wenig Artenvielfalt handle.

Holz verursacht sogar mehr Treibhausgas. Doch wenn es nachwächst, dreht sich die Bilanz

Unterm Strich ist eine ökologische Bewertung der Holz-Energie schwierig und von sehr vielen Faktoren abhängig: Woher kommt das Holz? Werden Reststoffe verarbeitet oder ganze Bäume? Schnellwachsende Plantagen oder wertvoller Urwaldbestand? Welche Holzsorten landen in der Presse? Wie werden die Pellets hergestellt und gelagert?

Die Europäische Union macht es sich bei ihrem Urteil bisher ziemlich einfach, zumindest was den Klimaschutz angeht. In den EU-Statistiken gilt Strom aus Biomasse immer als CO₂-neutral. Dabei verursacht Holz im Brennkessel zunächst sogar mehr Treibhausgase als Kohle. Nur wenn man einkalkuliert, dass die Bäume nachwachsen und dabei wieder Kohlendioxid aus der Atmosphäre binden, dreht sich die Bilanz.

"Biomasse pauschal als CO₂-neutral einzustufen, ist falsch", sagt der Forstingenieur Sebastian Rüter vom Thünen-Institut für Holzforschung. "Das trifft nur zu, wenn der Wald nachhaltig bewirtschaftet wird." Es müsse also nachgewiesen werden, dass den bewirtschafteten Wäldern nur maximal so viel Holz entnommen wird, wie im gleichen Zeitraum nachwächst. So ein Nachweis sei in der EU nicht erforderlich.

Ohne Subventionen lohnt sich die Holzverstromung jedenfalls nicht. In den USA selbst spielt sie deshalb kaum eine Rolle. Im US-Kongress gibt es zwar Bestrebungen, Holzpellets als CO₂-neutral einzustufen. Doch in einem Brief an Abgeordnete haben 65 amerikanische Wissenschaftler gefordert, von dem Vorhaben abzusehen. Das Weiße Haus hat sich in einer Stellungnahme gegen die Gesetzesänderung ausgesprochen.

Einige EU-Länder setzen dagegen stark auf Biomasse, um ihre Klimaziele zu erreichen. Allein das britische Drax-Kraftwerk erhielt 2015 laut Financial Times 540 Millionen Euro an öffentlichen Zuschüssen. "Aus meiner Sicht ist das höchst fragwürdig", sagt Michael Beckmann, Professor für Energieverfahrenstechnik an der TU Dresden. "Holz ist in erster Linie ein Rohstoff, darüber hinaus ein minderwertiger Brennstoff, Pellets haben etwa den halben Heizwert von Steinkohle. Energiewirtschaftlich ist das nicht der klügste Weg."

Inzwischen kommen auch den Europäern Zweifel an ihrer Bioenergiepolitik. Das geht aus einer Studie im Auftrag der EU-Kommission hervor, die im August erschienen ist. Darin steht, man müsse davon ausgehen, dass die steigende Nachfrage nach Holzpellets dazu führt, dass im Südosten der USA Wälder in Plantagen umgewandelt werden. Ob und wie die EU-Politik deshalb geändert werden sollte, sagt der Bericht allerdings nicht.

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