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Ernährungskrise:Bio für die ganze Welt?

Kann der ökologische Landbau die ganze Welt ernähren? Die Antwort hängt vor allem davon ab, was wir in Zukunft essen werden.

Silvia Liebrich

Das mit dem Essen ist eine komplizierte Sache. Immer mehr Menschen wollen sich nicht nur gesund, sondern auch umweltbewusst ernähren. Der Lebensmitteleinkauf wird zur Herausforderung. Durchschnittlich elf Tonnen Treibhausgase verursacht jeder Bundesbürger pro Jahr, immerhin ein Fünftel davon entfällt auf die Nahrung. Diesen Wert will die Bundesregierung langfristig um mehr als die Hälfte reduzieren. Wie das erreicht werden kann, darüber wird heftig debattiert. Unstrittig ist dabei, dass eine ökologische Landwirtschaft weniger Treibhausgase verursacht als die Massenproduktion. Doch lässt sich mit Bio auch die Welt ernähren?

Die Antwort ist nicht einfach. Unzählige Studien liegen zu diesem Thema vor, die zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen kommen. "Es gibt genügend Untersuchungen die belegen, dass mit Öko-Landbau genug Nahrungsmittel für alle produziert werden können", betont etwa Alexander Gerber, Geschäftsführer beim Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Dem halten große Agrarkonzerne wie Syngenta entgegen, dass man Ackerland von der doppelten Größe Indiens zusätzlich urbar machen müsste, um mit Bioanbau auf die gleichen Erträge zu kommen.

Die Wahrheit dürfte irgendwo zwischen den Extrempositionen liegen. Denn eine Turbolandwirtschaft, die allein auf Ertragssteigerungen ausgerichtet ist, belastet auf Dauer die Umwelt zu stark, darin sind sich die Experten weitgehend einig. Pestizide verschmutzen das Grundwasser, Böden werden ausgelaugt und müssten immer stärker gedüngt werden, um gleichbleibende Erträge zu erzielen.

Viele Kleinbauern in der Dritten Welt können sich diese teuren Hilfsmittel ohnehin nicht leisten. Sie könnten vom Bioanbau profitieren. Wissenschaftler der Universität Cardiff stellten jüngst in einer Untersuchungen fest, dass sich in unterentwickelten Ländern mit modernen Methoden des ökologischen Landbaus Ertragssteigerungen von 20 bis 30 Prozent erzielen lassen.

Damit wäre jedoch noch nicht die Frage beantwortet, ob mit Bio die Welternährung sichergestellt werden kann. "Die Antwort darauf hängt entscheidend davon ab, wie der Speiseplan der Menschheit aussieht", sagt Gerber vom BÖLW. Denn je mehr Fleisch und Milchprodukte verzehrt werden, um so höher ist der Bedarf an Ackerfläche. Um ein Kilogramm Rindfleisch zu erzeugen, sind im Schnitt mindestens zehn Kilogramm Getreide notwendig. Vor allem in den bevölkerungsreichsten Ländern dieser Erde, in China und Indien, haben sich die Ernährungsgewohnheiten durch den steigenden Wohlstand in den vergangenen Jahren verändert. Weil auch dort immer häufiger Fleisch auf den Teller kommt, ist die weltweite Nachfrage nach Getreide, das zum Großteil als Viehfutter genutzt wird, stark gestiegen.

Noch reicht die weltweit produzierte Menge an Nahrungsmitteln theoretisch aus, um die Menschheit zu ernähren. Dass trotzdem mehr als eine Milliarde Menschen hungern, ist derzeit vor allem ein Verteilungsproblem. Irgendwann in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren wird nach Einschätzung von Wissenschaftlern jedoch eine kritische Schwelle erreicht sein: Dann entscheiden die Ernährungsgewohnheiten, ob genügend Nahrung für alle vorhanden ist.

© SZ vom 18.01.2010/beu
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