Drogenanalyse Über Drogentrends erzählt das Abwasser mehr als jede Umfrage

Im Westen und Süden nehmen die Menschen mehr Kokain als anderswo. Zentren sind Zürich, Barcelona, Antwerpen und Amsterdam. Ecstasy wird überall genommen, Amphetamin, in der Szene auch Speed genannt, eher im Norden. Methamphetamin, bekannter als Crystal Meth, dominiert in Osteuropa. Große Mengen des Stoffs werden in Tschechien produziert, nahe der Grenze zu Deutschland. Als Christoph Ort einmal bei dem Betreiber einer Kläranlage in Dresden anfragte, ob er Proben bekommen würde, meinte dieser, hier würde man viel Methamphetamin finden - "das haben wir auch", sagt Ort. 180 Milligramm pro 1000 Einwohner wurden im vergangenen Jahr in Dresden gemessen, in Chemnitz, ebenfalls nahe der deutsch-tschechischen Grenze gelegen, waren die Werte sogar noch höher (240). In München, Berlin und den anderen Großstädten dagegen: so gut wie nichts.

"Das Abwasser ist ein ganzheitlicher Ansatz", sagt Matias. Weil die Analyse vergleichsweise einfach ist, zeichnen sich neue Trends früh in den Ergebnissen der Abwasseruntersuchung ab. Zum Beispiel 2016, als der Kokainkonsum aufgrund der gesteigerten Produktion in Südamerika zugenommen hatte. Oder im Jahr zuvor, als es Ecstasy-Pillen mit hoher Reinheit auf den Markt gespült hatte. Die Abwasseranalyse macht die großen Linien des Bildes sichtbar, die Umfragen liefern die feinen Details. "Wir brauchen beide Methoden", findet Matias: "Sie ergänzen sich, weil sie die Schwächen des anderen ausgleichen." Zumindest tun sie das im Moment noch.

Denn Ort und seine Kollegen arbeiten mehr oder weniger auf freiwilliger Basis. Inzwischen betrachten sie ihre Mission als weitestgehend erfüllt. Sie haben ein standardisiertes Verfahren entwickelt, das sich beliebig skalieren lässt. Und damit bewiesen, dass die Idee des Mailänder Pharmakologen Ettore Zuccato, eines Pioniers der Abwasseranalyse, auch im großen Stil funktioniert. Der Italiener und sein Team untersuchten 2005 das Wasser des Flusses Po auf Drogen - und fanden Erstaunliches: Der größte Fluss Italiens, schrieben sie, "transportiert jeden Tag das Äquivalent zu vier Kilo Kokain".

Dieses Prinzip hat die Score-Gruppe auf die Kläranlagen Europas übertragen, die, je nach technischem Stand, einen Großteil der meisten Substanzen abbauen und dafür sorgen, dass nur ein Bruchteil zurück in die Umwelt gerät. An vielen Standorten habe die Analyse des Abwassers "Routinecharakter", sagt Ort. Routinen mögen Wissenschaftler allerdings nicht, denn sie lässt sich nicht publizieren. Nun liegt es aus ihrer Sicht an der Politik und den Behörden, ob sie einen Nutzen in den Untersuchungen erkennen - und investieren wollen.

In Australien interessieren sich zurzeit die Kriminalbehörden für die Methode. Die Australian Crime Intelligence Commission untersucht das Abwasser von 12,7 Millionen Menschen, also über der Hälfte der australischen Bevölkerung. Zum Vergleich: Die Score-Gruppe deckt zwar 36 Millionen Menschen ab, das ist allerdings nur der Bruchteil aller Europäer. Die Schätzungen bleiben auf Städte begrenzt. Die Australier hingegen können errechnen, welche Rauschmittel das ganze Land konsumiert: knapp 8400 Kilogramm Methamphetamin, gut 3000 Kilo Kokain, 765 Kilo Heroin - jährlich. Gleichzeitig zeigt sich, wie schwer sich Drogensümpfe trockenlegen lassen. Nur 40 Prozent des Crystal Meth, das die Australier nehmen, konnten die Ermittler beschlagnahmen. Beim Heroin war es sogar nur ein Viertel. Für die Fahnder sind das ernüchternde Zahlen, aber immerhin: Sie wissen, womit sie es zu tun haben.

In Südafrika wird bereits am nächsten Projekt gearbeitet. Ein Frühwarnsystem für Seuchen

In Deutschland und Europa hingegen "tappt man bei der Marktanalyse völlig im Dunkeln", sagt Ludwig Kraus vom Münchner IFT Institut für Therapieforschung. Da die Produktion von Kokain, Crystal oder Ecstasy illegal ist, weiß keiner wie viel produziert wird und was im Umlauf ist, anders als etwa bei Zigaretten. Die einzige bekannte Größe "ist die Menge, die Zoll und Polizei beschlagnahmen. Aber das sagt nichts über den Markt aus". Für einen besseren Eindruck, schätzt Kraus, müsste man das Abwasser der 25 größten deutschen Städte untersuchen: "Das wäre für die Marktforschung sinnvoll." Zumindest dieses Kapitel hat das Abwasser noch nicht zu Ende erzählt.

Einige Forscher würden allerdings gern eine neue Geschichte hören. Sie glauben, dass ihnen das Abwasser nicht nur den Drogenkonsum einer Stadt verraten kann, sondern auch wie gesund die Bewohner leben, wie viele Zigaretten sie rauchen, wie fett sie sich ernähren, welchen Substanzen sie ausgesetzt sind, welche Krankheitserreger sie bedrohen. Im vergangenen Jahr fand zum Beispiel eine spanische Forschergruppe mittels Abwasseranalyse in der nordspanischen Küstenregion heraus, dass die Bewohner einer höheren Konzentration von Plastikweichmachern ausgesetzt waren, als von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit empfohlen. Eine andere Studie entdeckte im Abwasser eine starke Korrelation zwischen oxidativem Stress und dem Tabakkonsum einer Stadt.

In der Stadt Stellenbosch in Südafrika gibt es derzeit das wohl ambitionierteste Projekt: Forscher wollen das Abwasser nutzen, um eine Art Frühwarnsystem zu entwickeln. Dafür werden mehr als 200 Biomarker identifiziert, Moleküle, die der Körper bei Krankheit produziert und ausscheidet. Wenn alles gut geht, lässt sich der öffentliche Gesundheitsstatus in Echtzeit ermitteln. Ausbrechende Seuchen könnten erkannt werden, bevor Menschen sterben. Vor allem ärmliche urbane Regionen, in denen viele Menschen eng beisammenleben, könnten davon profitieren. Der Leiterin des Projekts, Barbara Kasprzyk-Hordern, schwebt ein "nationales und schlussendlich globales Kontrollsystem" vor.

Dennoch scheinen sich Forscher bisher nicht allzu sehr für Krankheitserreger im Abwasser zu interessieren. Es gibt wenige Arbeitsgruppen und noch weniger öffentliches Interesse als damals bei den Drogen. "Vielleicht glauben wir, vieles schon zu wissen", sagt Christoph Ort. Es wird schließlich präzise dokumentiert, wie viel Alkohol verkauft wird oder wie viele Süßigkeiten erworben werden. Auch über Krankheiten gibt es genügend Statistiken. Bei Drogen ist das anders, hier führt keiner umfassend Buch. Dieses Geheimnis kennt nur das Abwasser. Und um es zu lüften, braucht es nicht mehr als ein paar Tropfen einer trüben, stinkenden Brühe.

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