bedeckt München 28°

Deutschland nach dem Atomausstieg:Eine Frage des Preises

Ähnlich äußern sich die Nationale Akademie der Wissenschaften, die Wirtschaftsberater von Prognos im Auftrag der Bayerischen Wirtschaft, Wolfgang Mauch von der Forschungsstelle Energiewirtschaft der Universität München, das Ökoinstitut und Greenpeace sowieso: Niemand bezweifelt, dass sogar ein um etliche Jahre früherer Atomausstieg als der jetzt beschlossene ohne Gefahren für die Versorgungssicherheit möglich wäre. Risiken werden eigentlich nur von B-Promis wie Wolfgang Clement (Ex-SPD) beschworen, der seit Ende seiner Ministerkarriere Aufsichtsrat der Kraftwerkstochter des Energiekonzerns RWE ist.

Der Ausstieg ist allerdings eine Frage des Preises: Die Kosten für den Verbrauch von elektrischer Energie dürften etwas stärker steigen, als ohnehin für die kommenden 20 Jahre erwartet wurde. Für einen Vier-Personen-Haushalt, kalkuliert das Wirtschaftsministerium, liefe das auf einen Aufschlag von 30 bis 40 Euro pro Jahr hinaus. Die Stuttgarter Energieforscher rechnen mit Mehrkosten von etwa einem Cent pro Kilowattstunde, die der Ausstieg bis 2022 verursacht. Das Umweltbundesamt nennt Aufschläge von 0,6 bis 0,8 Cent, die Prognos-Analysten kommen auf etwas niedrigere Werte von 0,3 bis 0,6 Cent pro Kilowattstunde. Für Privatverbraucher würde sich der Strompreis bis 2020 demnach um 17 statt um 15 Prozent verteuern; die energieintensive Industrie müsste bei deutlich niedrigeren Strompreisen Mehrkosten von 27 statt 17 Prozent verkraften.

Mehr Kohle- oder Gasstrom statt erneuerbarer Energien

Interessant an diesen Berechnungen ist die Vergleichsbasis: Die Fachleute legen die mögliche Entwicklung der Strompreise zugrunde, die die von der Regierung im vergangenen Herbst beschlossene Laufzeitverlängerung hätte bewirken können. Zwar weiß kein Mensch, ob die Stromkonzerne ihre höheren Profite aus den abgeschriebenen Reaktoren in Form moderater Preise an ihre Kunden weitergegeben hätten; für die Diskussion über die Strompreise nach dem Atomausstieg wird das Potential zur Kostenreduktion jedoch als bereits verbuchter Besitzstand betrachtet. Im Vergleich zum Szenario auf Basis des rot-grünen Ausstiegsbeschlusses ändert sich an den erwarteten Strompreisen übrigens viel weniger.

Ohne Zweifel wird der Kraftwerkspark Deutschlands mehr Treibhausgase ausstoßen, wenn die Kernkraftwerke früher als 2010 geplant abgeschaltet werden. Erneuerbare Energieformen können die Lücke allenfalls langsam füllen, stattdessen wird mehr Kohle- oder Gasstrom durch das Netz fließen. Einen Widerspruch zum notwendigen Klimaschutz erkennen Energiefachleute im Aussstiegsbeschluss trotzdem nicht. "EU-weit entstehen durch den Emissionshandel keine höheren Treibhausgas-Emissionen", heißt es beim Umweltbundesamt. Alle Kraftwerke zusammen dürfen nur eine bestimmte Menge CO2 ausstoßen, und jeder Betreiber muss dafür Zertifikate erwerben. Die Deutschen müssen darum nun mehr dieser Berechtigungsscheine kaufen. Das dürfte deren Preis ansteigen lassen - die Stuttgarter Experten schätzen um bis zu 12 Euro pro Tonne Kohlendioxid, das wäre eine Steigerung der aktuellen Werte um 70 Prozent. Der Theorie des Marktes zufolge würden dann andere Teilnehmer auf ihren Ausstoß verzichten, weil der Erlös der Zertifikate ihnen ein besseres Geschäft verspricht.

Erst langsam rückt zudem ein Aspekt ins Bewusstsein, der Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit erheblich verbessern könnte. Es wäre der erste Industriestaat, der umfassende Lösungen für eine umweltfreundliche und kernkraftfreie Energieversorgung entwickelt - die später zum Exportschlager werden könnten. "Es gibt Tausende Optionen, wie wir die Umstellung gestalten können, darunter sind etliche, wo wir unsere Vorteile ausspielen können", sagt der Münchner Experte Wolfgang Mauch. Wirtschaftsminister Rösler bestätigte das am Donnerstag vor dem Bundestag: Andere Staaten würden "Produkte, Instrumente und Ideen für die Nutzung erneuerbarer Energien benötigen. Genau an dieser Stelle wird Deutschland dann federführend sein. Das bedeutet für unsere deutsche Wirtschaft kein Risiko, sondern eine Chance."

© SZ vom 11.06.2011
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB