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Das Zeitalter der Kunststoffe:Verpackungen und Wegwerfartikel

Rund 250 Millionen Tonnen Kunststoffprodukte werden jährlich weltweit produziert, vor 30 Jahren war es nur ein Viertel davon. Allein in Deutschland setzt die Kunststoffindustrie jährlich 40 Milliarden Euro um. 240.000 Beschäftigte arbeiten in der Branche. Ein Drittel aller verarbeiteten Kunststoffe werden für Verpackungen und Wegwerfartikel verwendet. 2,7 Millionen Tonnen Plastikverpackungen entstehen jedes Jahr in Deutschland. Die meisten davon schneidet man einmal auf und wirft sie weg.

Wer Plastikprodukte kauft, fragt kaum, wo diese enden. Die schmutzige Seite der florierenden Kunststoffwirtschaft wird allenfalls beim Badeurlaub oder auf der Fernreise sichtbar. An den Küsten von Nord- und Ostsee und noch mehr am Mittelmeer werden unvorstellbare Mengen Plastikmüll angetrieben. In reicheren Gefilden wie den Balearen werden Strände und Küstengewässer gesäubert. Wo die Natur frei waltet, zum Beispiel in Albanien, kann man das Meer vielerorts nur erreichen, indem man erschreckende Müllberge am Ufer überwindet. In Schwellen- und Entwicklungsländern sehen die Straßenränder oft aus wie Plastikmüllkippen.

Das ist die Kehrseite des Kunststoff-Zeitalters. Die Stoffe werden besser, je nach Bedarf mal härter und mal weicher, in jedem Fall haltbarer. Doch genau diese Innovationen schaffen am Ende ein ungelöstes und zunehmendes Umweltproblem. Theoretisch lassen sich viele Kunststoffe wiederverwerten oder - wie in Deutschland - in Müllverbrennungsanlagen entsorgen. Aber in den meisten Ländern der Erde ist das nicht der Fall. Ein beträchtlicher Teil des weltweit produzierten Kunststoffs gerät unkontrolliert in die Umwelt, 80 Prozent des Abfalls enden im Meer, besagen Schätzungen.

Dabei stehen manche Grundsubstanzen moderner Kunststoffe, zum Beispiel das vielzitierte, in Millionen Produkten enthaltene Bisphenol A, im Verdacht, hormonell zu wirken und Nervenleiden zu fördern. Hinzu kommt, dass die Kunststoffindustrie pausenlos mit neuen Verbindungen und Zusatzstoffen experimentiert. Viele davon sind Weichmacher, Farbstoffe und Flammschutzmittel.

Gemäß der EU-Chemikalienverordnung Reach müssen Hersteller neuer Stoffe Daten über deren Sicherheit liefern. 30.000 Stoffe sind mittlerweile in einer EU-Datenbank erfasst. Das weckt einerseits Vertrauen. Andererseits zeigt es, wie unüberschaubar die Zahl industrieller Chemikalien inzwischen ist. Zumal Reach nur verlangt, die Sicherheit der einzelnen Stoffe nachzuweisen, aber nicht, wie mehrere Substanzen in Kombination wirken.

© SZ vom 14.05.2011/mcs

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