bedeckt München 22°
vgwortpixel

Endlager in Finnland:Bei der Bevölkerung ist die Freude über die Atomindustrie groß

August 17 2017 Olkiluoto Finland Posiva geologist Tuomas Pere l white helmet Head of Commu

Versorgungsleitungen für Luft und Strom erschließen die Schächte.

(Foto: imago)

"In der Auswahl des Lagers", widerspricht Posiva, "haben wir die seismischen Risiken des Areals untersucht wie auch die möglichen Folgen einer zukünftigen Eiszeit, in der eine Eisschicht von zwei Kilometer Dicke ganz Finnland bedecken könnte. Unseren Untersuchungen zufolge wird die Vergletscherung nicht bis zur Tiefe von Onkalo durchdringen. Es war notwendig, ein stabiles Areal zu finden, eine Gesteinsplatte, die bei seismischen Bewegungen nicht bricht: Die Insel von Olkiluoto ist dahingehend ideal." Auch die finnische Strahlenschutzbehörde Stuk hat Onkalon nie infrage gestellt, obwohl einige ihrer Experten Zweifel an der Abdichtung der Müllbehälter formuliert hatten.

Vielleicht gab den Ausschlag für diesen Standort aber auch die lokale Bevölkerung, die sich in einer Abstimmung zu dem Projekt bekannte. Das ist vor allem ein Verdienst der TVO, die mit dem Kraftwerk den größten Arbeitgeber der Region stellt und mit ihren Steuerzahlungen der Gemeinde fast ein Drittel des jährlichen Budgets von 60 Millionen Euro einbringt. "Das Atomzentrum ist die Grundlage unserer regionalen Wirtschaft, es ist hier seit 40 Jahren und hat sich immer als absolut sicher erwiesen. Ich bin sicher, dass das Gleiche für das Lager von Onkalo gilt", sagt Vesa Lakaniemi, Bürgermeister von Eurajoki: "Posiva und TVO investieren außerdem viele Mittel, um ein Kommunikationsprojekt weiterzuentwickeln, das die Lokalbevölkerung konstant und ausreichend informiert. Auf diese Weise sind alle beruhigt, die Menschen haben Vertrauen, und das Projekt bleibt unter Kontrolle."

Olkiluoto Onkalo

Häufig kommen die Bauarbeiter nur mit Sprengstoff weiter.

(Foto: Emmi Korhonen/dpa)

Die parlamentarische Abstimmung, die im Mai 2001 endgültig freie Fahrt für die Einrichtung des Lagers gab und im Ergebnis 159 Stimmen dafür und drei dagegen hatte, wurde von Posiva immer als eindeutiges Zeugnis dafür angebracht, dass das 3,5 Milliarden Euro teure Vorhaben von der Gesellschaft gewünscht wird.

Zunächst müssen die Brennstäbe bis zu 20 Jahre lang abkühlen

So ist es nun recht wahrscheinlich, dass in sieben Jahren der erste hoch radioaktive Müll in Onkalo eingelagert wird, die letzte Einlagerung soll voraussichtlich im Jahr 2100 erfolgen: Müll aus den drei örtlichen Reaktoren und einem weiteren Kraftwerk der Gesellschaft Fortum an der südöstlichen Küste des Landes. Insgesamt soll Onkalo 6500 Tonnen Atommüll aufnehmen.

Die abgebrannten Brennstäbe werden allerdings erstmals zehn bis 20 Jahre in Abklingbecken abgekühlt, dann in 25 Tonnen schweren Transportbehältern aus Gusseisen oder Eisen gebündelt. Diese Behälter sind mit Kupfer ummantelt und werden in Kammern gelagert, die mit Bentonit aufgefüllt sind, einem tonhaltigen Material, das in Vulkanböden als Verwitterungsprodukt der Asche entsteht. Es handelt sich um eine Art geologische Katzenstreu: Das Betonit absorbiert eindringendes Wasser und verklumpt. Zusätzlich werden die Kammern mit Zementblöcken versiegelt. Mindestens 3000 Transportbehälter sollen hier lagern, jeder von ihnen mit fünf Meter Länge und einem Fassungsvermögen von ungefähr zwei Tonnen nuklearem Brennmaterial.

In den letzten zwei Milliarden Jahren hat sich in dem Granit relativ wenig getan

"Theoretisch reichen 1000 Jahre, um die Radioaktivität in bedeutendem Maße zu reduzieren. Wir haben allerdings beschlossen, eine Lösung zu finden, mit der die Problematik endgültig aus dem Weg geschaffen wird", sagt Pressesprecher Tuohimaa: "Der Granitstein hat in einem Zeitraum von zwei Milliarden Jahren nur sehr wenige Veränderungen gezeigt. Ausgehend von Simulationen können wir also davon ausgehen, dass - auch im Falle eines Erdbebens - der Anteil an Radioaktivität, der aus dieser Tiefe an die Oberfläche tritt, nur geringfügig sein wird."

Und außerdem: Keiner der Kritiker hat bislang eine alternative Lösung zur Endlagerung vorgestellt. Und so beabsichtigt Posiva seine in Onkalo erworbenen Kompetenzen in Zukunft auch in anderen Ländern anzubieten. Schließlich hat bis heute keine Nation eine andere Idee für die langfristige Entsorgung von Atommüll gefunden. Auch Deutschland wird bis 2080, wenn die letzten Kernkraftwerk vom Netz gehen, Platz finden müssen für rund 28 100 Kubikmeter hochradioaktiven Atommüll.

Momentan wird der Müll in temporären Strukturen in der Nähe der sieben noch aktiven Kraftwerke gelagert. Mit 1365 Megawatt ist Essenbach in Bayern das leistungsstärkste des Landes, es soll im Dezember 2022 abgeschaltet werden. Außerdem lagert Müll auf den Deponien von Ahaus (NRW), Gorleben (Niedersachsen) und Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern). Zusätzlich muss Deutschland bis 2080 weitere 60 000 Kubikmeter mittel- oder schwachradioaktiven Müll entsorgen. So sieht es aus, das radioaktive Erbe einer Epoche, die nachwirken wird: Es ist Müll für die Ewigkeit.

© SZ vom 03.11.2018
Stilllegungsphase im Atommüllendlager Morsleben dauert an

Atommüll
:Müllkippen für die Ewigkeit

Weltweit haben sich gigantische Mengen Atommüll aufgetürmt - doch niemand will sie haben. Anders in Schweden: Dort konkurrierten zwei Städte darum, zur Endlagerstätte zu werden.

Von Christoph Behrens

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite