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Atommüll:Müllkippen für die Ewigkeit

Stilllegungsphase im Atommüllendlager Morsleben dauert an

In rund 500 Metern Tiefe lagern im Endlager für schwach und mittelradioaktiven Atommüll in Morsleben in Sachsen-Anhalt Fässer mit Atommüll.

(Foto: picture alliance / dpa)

Weltweit haben sich gigantische Mengen Atommüll aufgetürmt - doch niemand will sie haben. Anders in Schweden: Dort konkurrierten zwei Städte darum, zur Endlagerstätte zu werden.

"Was den Atommüll betrifft", erklärte der Physiker Werner Heisenberg 1955, "so genügt es, ihn in einer Tiefe von drei Metern zu vergraben, um ihn vollkommen unschädlich zu machen." Wie Nobelpreisträger doch irren können.

Das ukrainische Pripjat im Jahr 2016: In der Nähe des Reaktors 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl errichten Tausende Arbeiter eine fast 300 Meter breite und mehr als 100 Meter hohe Struktur - eine neue, rund zwei Milliarden Euro teure Schutzhülle für den Unglücksreaktor, in dem es vor 30 Jahren zum bislang schwersten atomaren Unfall kam. Der Käfig ist Zeugnis, dass dieses Unglück längst nicht vorbei ist: Nur ein Bruchteil des radioaktiven Materials entwich in den Tagen nach der Kernschmelze, etwa 95 Prozent des ursprünglichen Brennstoffs befinden sich noch im Inneren des Reaktorblocks. Als heiße, verklumpte Masse strahlen die mehr etwa 200 Tonnen Atommüll weiter vor sich hin ( hier mehr zur aktuellen Situation vor Ort) - der neue Sarkophag soll die strahlenden Überreste die kommenden 100 Jahre abschotten.

230 Tonnen radioaktiver Müll, ein Jahrhundert aufbewahrt - was mächtig klingt, ist in der Welt des Atommülls recht wenig. Mehr als 65 Millionen Tonnen Atommüll warten laut Schätzungen der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) auf ihre Entsorgung, davon 2,7 Millionen Tonnen hochradioaktives Material, das Hunderttausende Jahre sicher verwahrt werden muss. Genaue Zahlen sind kaum zu ermitteln, die Mitgliedsstaaten der IAEO melden ihre Abfallmengen oft unregelmäßig oder überhaupt nicht an die Organisation.

Jedenfalls braucht es keine Unglücke wie jene von Tschernobyl oder Fukushima I, um viele Generationen vor ein Rätsel zu stellen, wie mit dem strahlenden Erbe umzugehen ist. Denn für diesen "High-Level-Waste" (HLW) genannten Abfall existiert auch 60 Jahre nach Beginn des Atomzeitalters und 30 Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl auf der ganzen Welt kein einziges funktionstüchtiges Endlager.

Der mit einer Betonhülle umschlossene Unglücksreaktor von Tschernobyl

Im Inneren des Unglücksreaktors von Tschernobyl (Aufnahme von 1986) werden noch immer 230 Tonnen hochradioaktiver Atommüll vermutet.

(Foto: V.Repik/REUTERS)

Der hochradioaktive Teil macht zwar weniger als fünf Prozent des gesamten Atommülls aus, enthält aber etwa 99 Prozent der Radioaktivität. Die Strahlung geht von Elementen wie Plutonium aus, das bei der nuklearen Energiegewinnung entsteht und von dem bereits einige Mikrogramm genügen, um einen Menschen umzubringen. Eine Million Jahre müssen die hochradioaktiven Stoffe daher von der Umwelt abgeschirmt werden, bevor sie harmlos sind. "Das heißt, es dürfen keine Radionuklide - oder nur sehr wenige - in die Biosphäre gelangen", sagt John Kettler vom Institut für Nukleare Entsorgung und Techniktransfer der RWTH Aachen. Denn die radioaktiven Teilchen könnten im Erbgut von Tieren, Pflanzen oder Menschen schwere Schäden hervorrufen. Beim Zerfall erzeugen die hochradioaktiven Stoffe sehr viel Hitze, die ebenfalls abgeleitet werden muss.

Gorleben: "Jahrzehnte gebraucht, nur um die Entscheidung zu rechtfertigen"

Als Aufbewahrungsort kommen daher nur Orte infrage, die tief unter der Erde liegen, umgeben von Hunderte Meter dickem Fels. "Das wird als einzig sicherer Weg gesehen, diese langlebigen Abfälle zu entsorgen", sagt der Physiker Charles McCombie. Tief im Untergrund sei der Müll geschützt vor "disruptiven Ereignissen" wie Erdbeben, Überschwemmungen, Vulkanausbrüchen. Da sind sich die Fachleute einig. Nur beim Finden dieser Orte wird es schwierig. McCombie sucht seit etwa 35 Jahren im Auftrag von Regierungen nach potenziellen Standorten für Atommüll-Endlager - einen Erfolg, also eine tatsächliche Entscheidung für einen Standort, konnte der gebürtige Schotte noch nicht verbuchen.

Der Physiker fasst die Situation so zusammen: Zunächst seien viele Staaten nach dem Prinzip DAD vorgegangen - "Decide, Announce, Defend". Politiker legen im stillen Kämmerchen einen Ort fest, der den Atommüll bekommen soll, sie verkünden die Entscheidung, verteidigen sie. So lief es im Salzstock Gorleben, den die deutsche Politik 1979 zum Standort eines Endlagers bestimmte. Die Folge: jahrzehntelange Proteste von Anwohnern, Rechtsstreitigkeiten durch alle Instanzen, Blockaden von Atomkraftgegnern. "Gorleben tauchte aus dem Nichts auf, und man brauchte Jahrzehnte, nur um die Entscheidung zu rechtfertigen", sagt McCombie.

Zwischenlager für Atommüll in Deutschland - SZ-Grafik: Hanna Eiden; Quelle: Bundesamt für Strahlenschutz (Stand: Ende 2014)

Seit 2013 ist die Suche nach einem Endlager in Deutschland wieder offen, die dafür eingesetzte Endlager-Kommission des Bundestags beginnt bei der "weißen Landkarte", also bei null. Ähnlich lief es in vielen anderen Ländern, etwa den USA und der Schweiz. Die Atom-Lobby habe eine "historische Inkompetenz" im Umgang mit der Zivilgesellschaft, glaubt McCombie. "Das ist eine Branche, die ursprünglich mit der allerhöchsten Geheimhaltung gearbeitet hat, geleitet von Vollblut-Wissenschaftlern", sagt der Physiker. "Die haben nicht viel Zeit dafür aufgewendet, sich mit der Gesellschaft zu beschäftigen." Dabei seien die größten Herausforderungen bei der Endlager-Suche nicht technischer, sondern gesellschaftlicher Natur. Angesichts des Scheiterns erweiterten Fachleute das DAD-Prinzip - nicht ganz ernst gemeint - zu DADA - der letzte Buchstabe steht für "Abandon", aufgeben.