Atomkraft vs. erneuerbare Energien:Gretchenfrage des 21. Jahrhunderts

Wasserkraft? Zu hohe Investitionskosten. Solarenergie? Geringe Ausbeute. Windkraft? Mehr Manufaktur als reife Technologie. Zwei neue Bücher zur Energiewende werfen die Frage auf, ob es auf Dauer tatsächlich ohne Atomkraft geht - und liefern Munition für die Skeptiker der alternativen Energien.

Peter Becker

Bücher zur Energiewende haben Konjunktur. Man braucht eine Wünschelrute, um sich zurechtzufinden. Aktuell liegen zwei Bücher auf dem Tisch, die beide etwas defätistisch daherkommen. Eines von dem Journalisten Johannes Winterhagen, das andere von dem amerikanischen Physiker Robert B. Laughlin.

Was kommt nach der Kohle?

Die Generationen nach uns werden die Zeit erleben, da die fossilen Brennstoffe endgültig zur Neige gehen. Was kann sie ersetzen?

(Foto: dpa)

Winterhagens Buch verschreibt sich der Information. Der Autor "besucht Offshore-Windparks, Geo- und Solarthermiewerke und trifft Forscher, die an der Speicherung von Kohlendioxid, dem Elektroauto, der Kernfusion arbeiten". In der Tat: Er stellt uns die Eckdaten der verschiedenen erneuerbaren Technologien vor, erklärt aber auch ihre Physik und Chemie und macht das so verständlich und interessant, als wollte er es seinen vier Kindern erklären, denen er das Buch gewidmet hat.

Zum Beispiel die Wasserkraft: Das neue Kraftwerk in Rheinfelden überspannt den ganzen Rhein. Es erzeugt 600 Megawattstunden im Jahr. Die Investitionskosten belaufen sich auf 3800 Euro pro installiertem Kilowatt (mit der in einer Kilowattstunde gesammelten Energie kann man etwa einen Kilometer weit Auto fahren). Zum Vergleich: Ein Gaskraftwerk soll 900 Euro je installiertem Kilowatt kosten, ein Kernkraftwerk etwa 2000 Euro. Die Baukosten des derzeit modernsten Gaskraftwerks der Welt, Block 5 des E.ON-Kraftwerks Irsching, betrugen sogar nur 465 Euro pro Kilowatt. Große Wasserkraftwerke sind in Deutschland nicht im Bau, kleine haben allerdings Renaissance. Derzeit wird vor allem auf Gezeitenkraftwerke gesetzt - allerdings nicht in Deutschland.

Die Photovoltaik, das "Statussymbol des guten Bürgers mit Umweltbewusstsein" (Winterhagen), feiert in Deutschland zwar erstaunliche Erfolge, wird aber wegen der hohen Umlage auf die Stromkosten erbittert bekämpft. Leider ist die Auslastung der Solarkraftanlagen weit niedriger als bei konventionellen Kraftwerken. Selbst Windkraftwerke im Meer kommen auf den drei- bis vierfachen Ausbeutefaktor. Immerhin gibt es einen Hoffnungsschimmer: Die Preise für Solarmodule sinken, bis 2020 sollen sie nur noch die Hälfte des heute üblichen betragen.

Begeisterung für die Sonnenenergie weht einen aus Winterhagens Darstellung nicht an. Der "Solarpapst" ist bei ihm denn auch nicht der verstorbene, in dieser Frage hochengagierte Hermann Scheer, der "Vater des Energieeinspeisungsgesetzes". Winterhagen hält es vielmehr mit Eike Weber vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg.

Ähnlich nüchtern betrachtet er die Windenergie, in die etwa Siemens riesige Summen investiert. Es handelt sich dabei, wie Winterhagen zu Recht schreibt, keineswegs um eine "reife Technologie". Vielmehr befindet sich "die gesamte Windbranche noch im Stadium einer Manufaktur". In der Tat liegen die Kosten je installiertem Kilowatt bei rund 6000 Euro; angepeilt wird eine Marke von 3500 Euro.

Munition für Skeptiker der Alternativen Energien

Derzeit wird vor allem auf Anlagen im Meer gesetzt. Allein in der Nordsee ist ein Zubau von 28 Gigawatt geplant; da macht die Verbindung zu den Speicherkapazitäten in Norwegen Sinn. Onshore sind in Deutschland Windkraftwerke installiert, die 2011 neun Prozent des deutschen Stromverbrauchs gedeckt haben. Mit dem Offshore-Zubau könnte sich der Strom aus Windkraft bis 2020 verdoppeln. Das lässt das Energiekonzept der Bundesregierung realistisch aussehen, das vorsieht, 35 Prozent des benötigten Stroms aus erneuerbaren Energien zu beziehen.

Winterhagen selbst schreibt das nicht, er blickt diesbezüglich nicht in die Zukunft; er erörtert weder das Energiekonzept der Bundesregierung noch die Untersuchung des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung von 2010, auf der das Energiekonzept basiert.

Das Fazit: Winterhagen legt ein gut geschriebenes Buch zum Durcharbeiten vor. Man möchte es Politikern empfehlen, die, bevor sie im Bundestag auftreten, erst einmal Grundwissen tanken wollen. Munition liefert es aber eher jenen, die die erneuerbaren Energien mit Skepsis betrachten.

Robert B. Laughlins Buch ist anders gestrickt. Der Autor stellt sich als Naturliebhaber vor, der Mammutbäume pflanzt, "wann immer meine Frau mir das durchgehen lässt", aber auch als "Professorentyp, der die Dinge einfach und klar erläutert und den anderen dabei in die Lage versetzt, selbst gute Entscheidungen zu treffen". Das Buch lebt von dieser sympathischen amerikanischen Schreibweise, die den Wissenschaftler nur ab und an durchscheinen lässt - zum Ausgleich wird der Leser mit einem Anmerkungsapparat von 160 Seiten beglückt.

Das Buch ist aus einer Science-Fiction-Perspektive verfasst: Die Welt in zweihundert Jahren. Warum Laughlin allerdings schon im zweiten Kapitel "geologische Zeitskalen" ausbreitet, mit der Mitteilung, dass die seit dem Aussterben der Dinosaurier gefallene Regenmenge alle Ozeane zwanzigtausend Mal füllen könnte, erschließt sich nicht.

Ähnlich behandelt er das CO2-Problem: Die Erde habe vor, den größten Teil des Kohlendioxids innerhalb etwa eines Jahrtausends in ihren Ozeanen zu lösen. Da spiele doch der Anstieg der Durchschnittstemperatur auf der Erde um mehrere Grad nur eine geringe Rolle. - Die Jahrmillionen alte Geschichte der Erde gibt in der Tat Stoff für viele interessante Erkenntnisse. Aber welchen Bezug diese zur Energiekrise oder gar zum Titel der deutschen Ausgabe "Der Letzte macht das Licht aus" haben, erschließt sich nicht.

Künftige Möglichkeiten der Kernenergie

In dem Kapitel "Inspiration für Mammuts" setzt sich Laughlin mit der Atomkraft auseinander. Dieses heikle Thema müsse absolut objektiv betrachtet werden, schreibt er. Die Kernenergie werde ein entscheidender Faktor bei den Ereignissen sein, die sich ein paar Generationen nach uns abspielen werden, wenn die fossilen Treibstoffe endgültig erschöpft sein werden. Die Menschen würden dann auf billige Atomkraft angewiesen sein. Die unmittelbaren Gefahren für die Gesundheit seien beängstigend, aber zu beherrschen. Wenn die Kohle zu Ende gehe, werde die Welt die nutzbare Lebensdauer der nuklearen Brennstoffvorräte wahrscheinlich auf ungefähr 20 000 Jahre verlängert haben - durch den Einsatz von Brutverfahren. Möglicherweise könne sogar die Gewinnung von Uran aus Meerwasser profitabel sein. Und dazu komme die Kernfusion. Letztere bietet in der Tat erstaunliche Perspektiven, allerdings bisher nur in der Theorie.

Das einzige Kapitel, das für Mitteleuropäer interessant ist, befasst sich mit dem aktuellen Einsatz der Photovoltaik in den USA und insbesondere in den Wüsten vor Los Angeles und Las Vegas. Die Sonnenkraft sei im Überfluss vorhanden. An einem heißen, sonnigen Tag schicke die Sonne mittags ungefähr ein Kilowatt (die Leistung eines Toasters) auf jeden Quadratmeter Boden. Orientiert an der Parabolrinnentechnik des spanischen Sonnenkraftwerks Andasol habe in der Mojave-Wüste kürzlich ein Energieboom eingesetzt. Zur Sonnenenergie komme die Windkraft. Deren Fluktuation könne zwar durch Gaskraftwerke ausgeglichen werden, die sei aber teuer. Deswegen müsse das Speicherproblem gelöst werden. Dazu stellt der Autor interessante Überlegungen an, schließt dann aber: Die Menschen der Zukunft stünden nicht vor der Wahl zwischen Speicherung oder keiner Speicherung, vielmehr müssten sie zwischen Speicherung und Plutoniumwirtschaft wählen.

Schon Laughlins Buch mit dem provokanten Titel "Das Verbrechen der Vernunft. Betrug an der Wissensgesellschaft" (2008) hat in Deutschland eine eher verhaltene Aufnahme gefunden. Seinem neuen Buch könnte dasselbe Schicksal beschieden sein, auch wenn es den Autor im Vorwort sehr interessiert, "was die Menschen mit Technikverstand in diesem Land von meiner Arbeit halten". Laughlins Buch enthält viele interessante Beobachtungen, aber ein Beitrag zur Bewältigung der Energiekrise ist es nicht.

Die fehlenden Visionen liefert ein anderer US-amerikanischer Wissenschaftler: Vor einem Jahr erschien Jeremy Rifkins "Die dritte industrielle Revolution". Rifkin zeigt die Zusammenhänge auf zwischen der "zweiten industriellen Revolution" Ende des 19. Jahrhunderts und der Energiewirtschaft, die mit ihr entstand. Heute neigt sich diese zweite industrielle Revolution, die im Westen begann, dem Ende entgegen. Die USA und Europa versinken in einer Wirtschafts- und Finanzkrise.

Die Chance der Alten Welt, so Rifkin, liege in der in ihr wachsenden "dritten industriellen Revolution", der Verbindung von erneuerbaren Energien und Internet. Dabei komme dem Staat eine entscheidende Rolle zu: "Der Aufbau einer neuen Kommunikations- und Energieinfrastruktur war immer eine gemeinsame Anstrengung von Industrie und Staat." Wie das funktionieren könnte, zeigt Rifkin anhand einer Vielzahl von Beispielen - und das mit dem Optimismus, den der Chronist eines solchen Umschwungs braucht.

Peter Becker ist Rechtsanwalt, Gründer der deutschen Energierechtskanzlei BBH und Autor des Buchs "Aufstieg und Krise der deutschen Stromkonzerne. Zugleich ein Beitrag zur Entwicklung des Energierechts" (2011).

Johannes Winterhagen: Abgeschaltet. Was mit der Energiewende auf uns zukommt. Hanser, München 2012. 251 Seiten, 17, 90 Euro.

Robert B. Laughlin: Der letzte macht das Licht aus. Die Zukunft der Energie. Was überwiegt, Informationen, Visionen - oder Apokalypse? Aus dem Amerikanischen von Helmut Reuter. Piper Verlag, München 2012. 400 Seiten, 22,90 Euro.

© SZ vom 14.08.2012/beu
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