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Erbgut und Archäologie:Viele Forscher fürchten völkische Interpretationen der DNA-Funde

Das Wissenschaftsjournal Nature ist erst im vergangenen März mit einem Leitartikel auf diesen Clash der Kulturen eingegangen. Anlass war eine Studie, die als "Bell Beaker Bombshell", als Glockenbecherbombe, für Aufsehen sorgte und kurz zuvor in der Zeitschrift erschienen war. In der Studie von David Reich ging es unter anderem um eine Kultur, die glockenförmige Tonwaren herstellte. In Großbritannien waren solche Gefäße nördlich von Stonehenge in der Steinzeit an einem nicht mehr genutzten Grabhügel abgelegt worden, obwohl die Ursprünge der Glockenbecherkultur auf dem europäischen Kontinent lagen.

Viele Archäologen und Anthropologen deuteten die Funde als kulturelle Übergänge innerhalb einer sich stetig weiter entwickelnden, stabilen Bevölkerung Großbritanniens zwischen 3600 und 2000 vor Christi Geburt. Doch die paläogenetischen Daten von insgesamt 400 Europäern jener Zeit zeichneten ein völlig anderes Bild. Demnach waren die jungsteinzeitlichen Inselbewohner, die ihre Toten an dem Grabhügel beerdigt hatten, bis 2000 vor Christus längst vollständig verschwunden. Fast die gesamte damalige Bevölkerung der Insel wurde demnach durch Einwanderer vom europäischen Kontinent ersetzt, die ihre Glockenbecherkultur mitbrachten - und die Vorfahren der heutigen Briten wurden.

Es gibt noch immer Archäologen, die dieser Interpretation nicht folgen wollen, für sie passen die genetischen Resultate schlicht nicht zu den archäologischen Funden. Und nicht zuletzt fürchten nicht wenige Forscher, darunter auch Paläogenetiker, völkische Interpretationen, wie es sie schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegeben hat - und das nicht nur, aber vor allem im nationalsozialistischen Deutschland. Auch das Editorial in Nature wirbt deshalb für Verständigung zwischen den Disziplinen und eine überlegte Kommunikation möglicher Schlussfolgerungen, insbesondere was Migration und Ethnizität betrifft. Bis die Paläogenetik sich in die Vergangenheitsforschung des Menschen vollständig eingefügt hat, wird es aber noch einige Zeit dauern.

In Südafrika hat man Quaggas zurückgezüchtet. Aber sind es genau dieselben Tiere?

Für die Tiere, deren alte DNA längst erhellende Einblicke in die Evolution erlaubt, gilt das natürlich nicht. Und so hat Wilsons Quaggastudie bereits 1984 etwas offengelegt, das ohne den Blick ins Erbgut des Tieres nie und nimmer erkannt worden wäre. Der Vergleich mit modernen Vertretern der Gattung Pferd zeigte nämlich, dass das Quagga sehr wahrscheinlich keine eigene Art, sondern lediglich eine Subspezies des heutigen Steppenzebras war, die sich durch räumliche Isolation gebildet hatte. Schon 1987 gründete der deutsche Forscher Reinhold Rau in Südafrika das Quaggaprojekt. Das einst so verbreitete Tier sollte durch Rückzüchtung moderner Zebras wieder zum Leben erweckt werden.

Das erste Fohlen kam 1988 zur Welt, mittlerweile gibt es unter 116 Tieren sechs, die dem ausgestorbenen Quagga tatsächlich zum Verwechseln ähnlich sehen mit ihrem braunen Fell und den auf die vordere Körperhälfte beschränkten Streifen. Ob diese Tiere auch genetisch der ursprünglichen Unterart gleichen, wird man aber wohl nicht mehr feststellen können. Trotz der relativ jungen Skelette aus dem 19. Jahrhundert gelang es nicht, nach der mitochondrialen alten DNA auch altes Erbgut aus dem Zellkern der ausgestorbenen Zebras zu gewinnen. Vielleicht sollte man allerdings besser sagen: noch nicht.

© SZ vom 15.12.2018/cvei
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