Verhaltensforschung:Auch Affen können soziale Etikette

Portrait of family of a Chimpanzee bonobo ( Pan paniscus). Democratic Republic of Congo. Africa (SURZ)

Berührungen, Köpfe zusammenstecken: Höflichkeit nach Art der Bonobos.

(Foto: SURZ via www.imago-images.de/imago images/SURZ)

Bisher galt soziale Etikette als etwas rein Menschliches. Jetzt haben Forscher beobachtet, dass auch Schimpansen und Bonobos höflich sind - sie begrüßen und verabschieden sich.

Von Charlotte Geißler

Menschen ist Höflichkeit wichtig, sie möchten gegrüßt werden, nicht übersehen. Das ist bei Affen anscheinend genauso, insbesondere das Verhalten von Bonobos ähnelt der sozialen Etikette des Homo sapiens, wie eine Studie in iScience zeigt. Das Team um Raphaela Heesen von der Durham University in England hat untersucht, wie Schimpansen und Bonobos miteinander in soziale Interaktion treten. Bei der Auswertung von mehr als 1200 Interaktionen konnten sie beobachten, dass die Affen sich absichtlich Signale geben, bevor sie eine gemeinsame Handlung beginnen. Wie Menschen gehen sie gegenseitige soziale Verpflichtungen ein.

Ob man sich mit der Freundin verabredet oder dem Kellner eine Bestellung aufgibt, menschliche Interaktion hängt davon ab, dass beide Seiten gemeinschaftlich entscheiden, daran teilzunehmen. Man muss dem Kellner winken, und er muss den Gast sehen. Erst dann klappt es mit der Bestellung. Und auch um die Interaktion zu beenden, sind Zeichen notwendig. Passiert das nicht, wirkt ein Gegenüber unhöflich, werden Ziele verfehlt oder ein Treffen mit der Freundin scheitert. Wie genau Menschen einander begrüßen und verabschieden, was höflich ist, hängt von der Beziehung zur anderen Person ab. Ein guter Freund, die Chefin oder ein Fremder wird auf jeweils andere Weise begrüßt.

Schimpansen sind prinzipiell formeller als Bonobos

Bisher galt die Ansicht, dass sich nur Menschen vor und nach einer gemeinsamen Handlung grüßen. Nun konnten die Forscher diese Verhaltensweise erstmals auch bei den nächsten Verwandten des Menschen beobachten. Die Menschenaffen berühren sich, halten Händchen, pressen die Köpfe aneinander und schauen sich lange in die Augen, bevor sie miteinander spielen oder sich gegenseitig das Fell putzen. Vor einer Interaktion begrüßten sich Bonobos in 90, Schimpansen in 69 Prozent der Fälle. Eine Verabschiedung ist ihnen sogar noch wichtiger, hier gaben sich 92 Prozent der Bonobos ein Zeichen und 86 Prozent der von den Forschern beobachteten Schimpansen.

Die soziale Etikette der beiden Primatenarten unterscheidet sich voneinander. Schimpansen sind prinzipiell formeller, selbst wenn sie dem anderen Affen nahestehen, werden Begrüßung und Verabschiedung in aller Länge ausgeführt. Bonobos ähneln hingegen Menschen: Unter Freunden fallen Hallo und Tschüss sogar mal ganz weg. Das liegt an den Unterschieden in der Sozialstruktur der Affenarten. Schimpansen leben in eher despotischen, stark hierarchisch organisierten Gesellschaften. Bonobos sind hingegen eher egalitär veranlagt, enge Freundschaften und Mutter-Sohn-Beziehungen sind ihnen wichtig. Bonobo-Gesellschaften schätzen soziale Verbindungen mehr und gelten als offener und toleranter.

Dass das Verhalten der sozialen Bonobos der menschlichen Höflichkeit ähnelt, ist für die Forscher besonders spannend. Sie wollen mit anderen Primaten- und Tierarten weiter die Entwicklung sozialer Etikette erforschen.

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