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70 Jahre Hiroshima und Nagasaki:"Die Überlebenden waren eine geächtete Kaste"

Überlebende nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima am 6. August 1945: Die "Hibakushas" wurden jahrzehntelang diskriminiert

(Foto: AP)

Wer die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki überlebte, hatte in Japan wenig Mitgefühl zu erwarten. Nuklearmediziner Christoph Reiners über die medizinischen Folgen der Bomben, und die Diskriminierung der Strahlenopfer.

Prof. Christoph Reiners ist Ärztlicher Direktor des Würzburger Uniklinikums und leitet das nationale Kollaborationszentrum der WHO für Strahlenunfallmanagement. Seit 1992 arbeitet er mit der Universität Nagasaki zusammen, um die Wirkungen der Radioaktivität auf den Körper zu untersuchen. Für seinen Einsatz für Strahlenopfer ist Reiners 2010 mit dem Dr. Takashi Nagai Peace Memorial Price ausgezeichnet worden.

SZ.de: Herr Reiners, welche Schäden haben die Atombomben in Japan beim Abwurf vor 70 Jahren angerichtet?

Reiners: In Hiroshima und Nagasaki hielten sich damals 610 000 Menschen auf, die von der Strahlenbelastung und der Druckwelle der Explosion unmittelbar betroffen waren. Bis Ende 1945 sind 210 000 von ihnen gestorben, an schwersten Verletzungen, Verbrennungen und wegen des akuten Strahlungssyndroms: Bei sehr hoher Strahlenbelastung wie in einem Umkreis von weniger als 800 Meter um das Hypozentrum schädigte die Radioaktivität die Funktionen aller wichtigen Organe im Körper: Gehirn, Lunge, Herz, Nieren und besonders den Darm.

Wie war die medizinische Situation in den Wochen danach?

Das Rote Kreuz brachte damals sehr schnell Ärzte in die Region, sie behandelten dann viele Menschen, die mit Medikamenten kaum beherrschbare Beschwerden hatten. Die Überlebenden kämpften mit extremen Kopfschmerzen und Durchfällen, hervorgerufen vom akuten Strahlensyndrom. Das äußert sich in einer Art Multiorganversagen. Die Neutronen- und Gammastrahlung tötet in hoher Dosis sich rasch teilende Zellen von Organen wie dem Darm. Die Funktionen dieser Organe kommen zum Erliegen.

Dennoch überlebten 400 000 Menschen das Unglück. Was schützte sie?

Die Rahmenbedingungen waren sehr unterschiedlich. Im Buch "Die Glocken von Nagasaki" schildert der japanische Arzt Paul Takashi Nagai, wie er sich hinter einer Mauer schützte. Dadurch befand er sich im Strahlungsschatten und war vor der Druckwelle und dem Feuer geschützt, als die Bombe fiel. Anschließend konnte er schnell anderen helfen. Es gab auch Menschen, die weniger als 800 Meter vom Hypozentrum entfernt überlebt haben, weil sie in Häusern oder Kellern waren. Die Chancen dafür waren aber sehr gering. Man muss sich die Atombombenexplosion vorstellen wie eine Feuerwalze, die über die ganze Region niedergegangen ist. Jenseits einer Entfernung von zweieinhalb Kilometern war man aber relativ sicher.

6. August 1945 "Little Boy" fällt auf Hiroshima

Die Überlebenden wurden über Jahrzehnte hinweg weiter untersucht. Wie lief diese Forschung ab?

Die japanische Forschungseinrichtung "Radiation Effects Research Foundation" (RERF) hat 120 000 Japaner in ein extrem engmaschiges Nachsorgesystem aufgenommen und sie ihr Leben lang medizinisch begleitet. Die USA unterstützen das noch heute finanziell, wohl aus anhaltend schlechtem Gewissen. Die Forschungen laufen bereits mit der Tochtergeneration der Überlebenden weiter und sind äußerst interessant im Hinblick auf Krebs, Leukämie und mögliche vererbbare Effekte von Strahlung.

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Wie lassen sich solche Erkrankungen denn eindeutig auf Strahlung zurückführen?

Von den 120 000 Probanden waren rund 90 000 vor Ort, also von der Strahlung betroffen. Die restlichen 30 000 bildeten die Kontrollgruppe. Erst der Vergleich zwischen beiden Gruppen ermöglicht eine Aussage, ob das Krebsrisiko bei Strahlungsopfern höher ist. So kommt man zu dem unglaublich überraschenden Ergebnis, dass von den 400 000 exponierten Menschen bis zum Jahr 2012 ungefähr 10 700 an Krebs gestorben sind, aber nur 515 dieser Fälle auf Strahlung zurückzuführen sind. Zu diesen kommen noch 330 Leukämie-Fälle aufgrund von Radioaktivität; diese Krebsart wird besonders häufig durch Strahlung verursacht.

Angesichts der vielen verstrahlten Menschen ein recht geringer Wert. Ist Radioaktivität doch weniger schädlich als gedacht?

Man muss diese Ergebnisse sehr vorsichtig interpretieren. Menschen, die eine hohe Strahlendosis von einem Sievert und mehr abbekommen haben, hatten wie gesagt kaum eine Überlebenschance. Jemand, der sich ein bis zwei Kilometer vom Hypozentrum entfernt aufgehalten hat, hatte mit einer um zehn Prozent erhöhten Krebsmortalität während seines Lebens zu rechnen. Das Risiko für Krebs ist dann das restliche Leben lang erhöht, aber die Krankheit kann sehr lange auf sich warten lassen, bis zu 50 Jahre. Eine Krebszelle kann über Jahre schlummern, bevor sie aktiv wird.

Seit Kurzem wissen wir auch, dass manche "Alltagskrankheiten" ebenfalls von der Strahlung ausgelöst werden können. Bei den in der Langzeitstudie begleiteten Überlebenden gab es etwa 350 zusätzliche Fälle von Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Magen-Darm-Krankheiten, die zwar sehr unspezifisch sind, bei denen man aber einen Zusammenhang mit der Strahlung vermutet.

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Weiß man, warum die Strahlung diese Alltagskrankheiten auslöst?

Nein, das ist eine offene Frage, die nicht einfach zu klären ist. Ich vermute, dass es mit den Blutgefäßen zu tun hat, bei denen - je nach genetischer Veranlagung - eine unterschiedliche Strahlensensibilität vorliegen kann. Bei Strahlenexposition könnten die Blutgefäße brüchig werden und durchlässig für Krankheitserreger. So ließen sich diese Alltagskrankheiten womöglich erklären. Aber das ist bislang Spekulation.

Können die Schäden auch vererbt werden, wie Sie angedeutet haben?

Bis heute haben die Nachsorgeuntersuchungen der Söhne und Töchter der Überlebenden zum Glück kein erhöhtes Krebsrisiko ergeben. Das ist überraschend, aus Tierversuchen ist bekannt, dass Krebsrisiko bei Mäusen durchaus vererbt werden kann. Genau das ist bei den Überlebenden nicht statistisch nachzuweisen. Für die Überlebenden der Katastrophe ist es sehr wichtig, das zu wissen. Jahrzehntelang waren sie eine Art geächtete Kaste in Japan.

Inwiefern?

In der japanischen Gesellschaft bezeichnete man die Überlebenden der Abwürfe als Hibakushas, "Explosionsopfer". Sie haben sich organisiert, weil sie lange diskriminiert wurden. Man konnte ihnen ja häufig die Verbrennungen und die Strahlenschäden ansehen. Viele Japaner hatten Angst, dass die Hibakushas ansteckend sind, und dass auch ihre Kinder Schäden vererbt bekommen. Deshalb wurden sie gemieden und litten entsprechend darunter.

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Hält sich diese Vorstellung bis heute?

Ein ähnlicher Effekt hat sich leider nach Fukushima gezeigt: In der Bevölkerung gab es große Vorbehalte gegenüber den Betroffenen aus den evakuierten Gebieten. Sie wurden nicht mit der gebührenden Hilfsbereitschaft aufgenommen, es gab eine echte Flüchtlingsproblematik. Dabei ist Japan wegen der Erdbeben und Tsunamis eigentlich Großkatastrophen gewöhnt, man hilft sich gegenseitig. Doch hier kamen die Vorurteile völlig unreflektiert wieder zum Vorschein. Für ein aufgeklärtes Land ist das erstaunlich.

Was bedeutete das für den Hilfseinsatz?

Zum Glück hatte man nach Fukushima keine Strahlenerkrankten, es wurde rechtzeitg evakuiert und kontaminierte Nahrung wurde aus dem Verkehr gezogen. Die Hauptfolgen des Reaktorunglücks waren schwerste psychische Traumata. Nach dem Reaktorunglück wurden deshalb sinnvollerweise keine Strahlenkliniken, sondern mehrere neue psychiatrische Kliniken gebaut, um den Menschen bei der Bewältigung zu helfen.

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