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70 Jahre Hiroshima und Nagasaki:Der blinde Fleck der amerikanischen Geschichte

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Die Crew des US-Bombers Enola Gray warf am 6. August 1945 die erste Atombombe auf Hiroshima.

(Foto: US Air Force/AFP)

Kriegsverbrechen? Die Mehrheit der Amerikaner hält den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki für gerechtfertigt. Von einer Schuld wollen sie nichts wissen.

Um herauszufinden, wie die amerikanische Bevölkerung über die Bombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki vor 70 Jahren denkt, genüge eine Frage, sagt Peter Kuznick, Professor an der American University in Washington. Seitdem er vor 20 Jahren das Institut für Nukleargeschichte gegründet hat, stelle er sie seinen Studenten, den Zuhörern bei Vorträgen. Und die Antworten deckten sich: "Die Jungen sagen Nein, und die Alten sagen Ja." Die Frage lautet: War der Abwurf gerechtfertigt?

Was den Zweiten Weltkrieg betrifft, gebe es zwei Mythen in den USA, so Kuznick: "Viele glauben, dass die Nationalsozialisten und deren Verbündete nur dank amerikanischer Truppen geschlagen werden konnten. Deshalb ist es ein guter Krieg." Er habe erst neulich eine Umfrage dazu geleitet, ob die Befragten wissen, wie viele amerikanische und russische Opfer der Krieg gefordert hat. Die meisten Teilnehmer gingen von jeweils rund 100 000 aus. "Dass 27 Millionen Sowjets starben, weiß hier niemand."

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Bilder
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Im August 1945 reißen die amerikanischen Atombomben "Little Boy" und "Fat Man" 200 000 Menschen in Hiroshima und Nagasaki in den Tod. Bilder einer Tragödie.

Unsinn, der in der Schule erzählt wird

Der zweite Mythos halte sich ebenso hartnäckig, weil in den Schulen Unsinn erzählt werde: Die Atombombe habe den Pazifikkrieg beendet, ohne Abwurf wäre es zu einer Invasion gekommen, in der eine halbe Million amerikanischer Soldaten gestorben wäre. Dieser Darstellung widersprechen Historiker heute. Sie werde aber, sagt Kuznick, von der Öffentlichkeit geteilt: "Eine jüngste Studie zeigt, dass 58 Prozent heute noch genauso denken." Immerhin könne man von einem Lernprozess sprechen. Vor 70 Jahren waren noch 85 Prozent dieser Meinung. Doch für eine neue Geschichtsschreibung brauche es wohl noch Generationen.

Damit kennt sich Kuznick aus. Er hat mit Regisseur Oliver Stone die zehnteilige Dokumentation "Untold History" herausgegeben, eine alternative Geschichte der USA. Sie versucht viele Mythen aus dem Weg zu räumen, nicht nur des Zweiten Weltkriegs. Doch das Verblüffende an den Atombomben sei, findet Kuznick, dass zumindest die Hälfte der Amerikaner jede moralische Schuld von sich weise. "Wir sind nicht wie die Deutschen, die ihre Geschichte minutiös aufarbeiten. Zeige ich die Bilder der zerstörten Städte, die Trümmer, die Leichenberge, schauen viele weg und antworten: Die Japaner hätten es nicht anders verdient."

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Um diese "Glorifizierung des Zweiten Weltkrieges" zu erleben, muss man keine Umfragen durchführen. Es reicht, durch die Hallen des National Air und Space Museums in Washington zu spazieren, an der Enola G ay vorbei, der Boeing B-29, die am 6. August 1945 mit der Bombe an Bord über Hiroshima flog. Es ist in diesem Hangar viel von technischen Errungenschaften die Rede, überall hängen amerikanische Flaggen, Kinder lachen, Väter knipsen umständlich Selfies von sich und dem Flugzeug. Nur von den Schrecken fehlt jede Spur, und dass ein Kriegsverbrechen begangen wurde, wird verschwiegen. Als der Rumpf der Enola G ay 1995 zum 50. Jahrestag in Washingtons Innenstadt in einer Ausstellung zu sehen war, die viel kritischer mit der Geschichte umging, kam es zu heftigen Diskussionen, jemand bewarf ihn mit Asche, ein Demonstrant kippte Blut vor den Eingang, ein Museumsdirektor musste zurücktreten, die Ausstellung wurde geschlossen.

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Zappt man dieser Tage durch die Fernsehsender, sucht in Zeitungen und Webseiten nach Berichten über Hiroshima und Nagasaki, begegnet man der "historischen Amnesie", von der Peter Kuznick spricht. Die Amerikaner sind mit ihrem Atom-Deal beschäftigt, der verhindern soll, dass Iran eine Bombe bauen kann. Über den Einsatz der eigenen Bomben vor 70 Jahren und deren Folgen bis heute wollen sie kaum etwas wissen.

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