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Wirtschafts- und Währungsunion:Mark und Markt

DDR, Berlin - Waehrungsunion zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland, Buerger der DDR mit den ersten ausgegebenen DM-Scheinen am Alexanderplatz

Als die West-Mark am 1. Juli 1990 im Osten ankam, herrschte noch Euphorie. Die Probleme wurden den meisten erst später klar.

(Foto: Ullstein Bild)

Vor 25 Jahren bekam die DDR die D-Mark und den Kapitalismus. Fast nirgendwo in Deutschland haben sich Wirtschaft und Leben so radikal verändert wie in und um Bitterfeld.

Peter Lind will nicht weg. Nicht aus Wolfen-Nord, der Plattenbausiedlung aus DDR-Zeiten, nicht aus dieser Gegend, die einst verschrien war als die schmutzigste und giftigste in ganz Europa. Er ist hier zu Hause. Und doch könnte es bald Zeit sein, zu gehen. Denn im September verliert Peter Lind, Anfang 50, seinen Job. Das ist beschlossen.

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Peter Lind heißt eigentlich anders. Seinen richtigen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Der Mann hat Angst. Angst davor, dass er Ärger mit seinem Noch-Arbeitgeber, dem Solar-Unternehmen Hanwha-Q-Cells, bekommen könnte. Oder dass er einen neuen Job nicht bekommt, wenn er denn überhaupt einen findet. "Gutes Geld, gutes Klima, gute Jahre", sagt Lind über die Vergangenheit. "Ich hatte eine schöne Zeit dort und habe fest daran geglaubt, dass ich bis zur Rente bei Q-Cells bleiben werde."

Heute ist Lind ein Verlierer, morgen könnte das schon wieder anders sein. Diese Region, das Mitteldeutsche Chemiedreieck zwischen Halle, Merseburg und Bitterfeld-Wolfen, ist ständig im Umbruch - seit 25 Jahren, seit am 1. Juli 1990 die D-Mark in ein Land kam, das damals noch DDR hieß, und mit ihr der Kapitalismus. Nirgendwo sonst zeigen sich Segen und Fluch dieses Systemwechsels deutlicher.

Stinkende Abwässer, giftige Schlämme

Einst war das Dreieck für die DDR so etwas wie das Ruhrgebiet für den Westen: Etwa 15 Prozent des gesamten Außenhandels erwirtschafteten die mehr als 30 000 Beschäftigten der beiden volkseigenen Großunternehmen im heutigen Bitterfeld-Wolfen, dem Chemiekombinat und der Filmfabrik Orwo.

Den Preis zahlten Natur und Menschen. Stinkende Abwässer, giftige Schlämme, Abfälle, alles einfach auf Halden und in Tagebaurestlöchern entsorgt. Gleich neben der Filmfabrik entstand der legendäre "Silbersee" mit seiner bis zu zwölf Meter dicken, von Schwermetallen verseuchten Schlammschicht. Und über der gesamten Region der Dreck der Braunkohle, giftige Rauchschwaden. "Bitterfeld, Bitterfeld, wo der Dreck vom Himmel fällt", spottete der Volksmund.

Davon ist fast nichts übrig. Das meiste Gift, der Dreck, sie sind beseitigt. Die Umwelt gilt als weitgehend saniert. Aus den Mondlandschaften der Braunkohle-Tagebaue wurden große Seen geformt und die Natur rundherum blüht auf. Die großen Dreckschleudern gibt es nicht mehr - und auch nicht die Jobs, die sie einst boten.

Die Stadt schrumpft

Das ist die Kehrseite des Großreinemachens: Bitterfeld-Wolfen hat sich zwar gehäutet, die Fassaden haben frische Farben bekommen, neue Häuser wurden gebaut. Den Exodus gestoppt hat das aber nicht. Denn mit der Ankunft der D-Mark brachen nicht nur die Kombinate zusammen, auch viele Menschen stürzten nach der ersten Euphorie in eine große Depression. Auf der Suche nach Arbeit verließen sie deshalb ihre Heimat und tun es bis heute. So schrumpfte Bitterfeld-Wolfen, seit 2007 eine gemeinsame Stadt, in den vergangenen 25 Jahren von gut 76 000 auf heute nicht ganz 42 000 Einwohner. Und treffen die Prognosen zu, werden es in zehn Jahren höchstens noch 36 000 sein.

In Wolfen-Nord, bei Peter Lind, sind die meisten schon weg. Heute leben nicht einmal mehr 10 000 Leute hier, zu DDR-Zeiten war die Neubausiedlung noch Heimat für dreimal so viele Menschen. Gewachsen ist hier seitdem nur eines: das Durchschnittsalter. Und "saniert" wurden die meisten Wohnblöcke nur mit der Abrissbirne. Als die Kaufland-Kette hier in den 90er-Jahren einen riesigen Markt errichtete, stand das Gebäude noch im Zentrum der Siedlung. Heute ist die Umgebung eine grüne Wiese - und Kaufland plant den Umzug, auf ein anderes Areal in Wolfen-Nord, dorthin wo noch jemand wohnt.

"Wir sind attraktiv auch für junge Leute", sagt Bitterfeld-Wolfens Oberbürgermeisterin Petra Wust dennoch, trotzig, mantraartig. Nur: Die Bitterfelder Gymnasiasten und Berufsschüler wissen das offenbar nicht. Laut einer Umfrage wollen mehr als 90 Prozent von ihnen weg von hier. Weg aus einem der alten Industriezentren Deutschlands, das schon seit dem 19. Jahrhundert Chemie-Standort ist. Der erste Röntgenfilm, der erste Farbfilm, die erste Chemiefaser stammten von hier. "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit", hieß es im DDR-Volksmund.