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Finanzdienstleister:Wirecard meldet Insolvenz an

FILE PHOTO: The headquarters of Wirecard AG is seen in Aschheim near Munich

Wirecard-Zentrale in Aschheim bei München.

(Foto: Michael Dalder/REUTERS)

Nach dem Bilanzskandal steht der Zahlungsdienstleister offenbar vor dem Aus. Die zuständigen Wirtschaftsprüfer sprechen von Hinweisen auf einen "umfassenden Betrug".

Wirecard steht vor der Pleite. Der Vorstand habe am Dienstagmorgen entschieden, beim Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens zu stellen, erklärte der Dax-Konzern. Es werde geprüft, ob man auch für Tochtergesellschaften Insolvenzanträge stellen müsse. Wenige Tage nach Bekanntwerden des größten Bilanzskandals der deutschen Geschichte droht dem als Tech-Konzern gefeierten Unternehmen damit das endgültige Aus.

Wirecards weltweit verzweigtes Firmengeflecht von mehr als 50 Tochter- und zahlreichen Partnerfirmen mit einem Schwerpunkt in Asien verbleibt weitgehend substanzlos. Die Aktie wurde nach Bekanntwerden der Nachricht zwischenzeitlich vom Handel ausgesetzt. Inzwischen ist der Handel wieder gestartet und die Wirecard-Aktie stürzte um weitere 80 Prozent auf 2,50 Euro. Seit voriger Woche verloren sie damit inzwischen fast 98 Prozent.

Nachdem die Wirtschaftsprüfer von EY dem Konzern vor einer Woche ihre Unterschrift unter dem Jahresabschluss verweigerten, wurde mit Beginn dieser Woche deutlich: Der Aufstieg Wirecards, die vom Einzug in den deutschen Aktienindex Dax gekrönte Erfolgsgeschichte des Unternehmens basierte weitgehend auf Lügen und war mutmaßlich ein gigantischer Betrug. Am Donnerstag teilte EY mit: "Es gibt deutliche Hinweise, dass es sich um einen umfassenden Betrug handelt, an dem mehrere Parteien rund um die Welt und in verschiedenen Institutionen mit gezielter Täuschungsabsicht beteiligt waren." Solche Hadlungen gingen häufig großen Anstrengungen einher, "systematisch und in großem Stil Unterlagen zu fälschen".

Ausgangspunkt waren gefälschte Nachweise über einen angeblichen Betrag von 1,9 Milliarden Euro bei zwei philippinischen Banken. Das Geld hat nie existiert; ein guter Teil des Umsatzes und fast der gesamte ausgewiesene Profit des Konzerns waren womöglich erfunden. Über mögliche Bilanzmanipulationen bei Wirecard hatte schon vor mehr als einem Jahr die britische Financial Times berichtet. Im vergangenen Oktober hatte die Zeitung dann berichtet, dass ein beträchtlicher Teil der Wirecard-Umsätze mit Drittfirmen in Asien womöglich auf Scheingeschäften beruhe.

Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt gegen den früheren Konzernchef Markus Braun wegen Bilanzfälschung, Marktmanipulation und einer Reihe möglicher weiterer Delikte. Er zahlte in dieser Woche fünf Millionen Euro Kaution, damit ein Haftbefehl gegen ihn ausgesetzt wird. Braun ist Österreicher und hat unter anderem einen Wohnsitz in Wien. Er muss sich jeden Mittwoch bei der Polizei in München melden sowie allen Vorladungen von Justiz und Ermittlern Folge leisten. Auch den für das Asiengeschäft zuständigen Ex-Vorstand Jan Marsalek sucht die Staatsanwaltschaft per Haftbefehl. Er soll noch Anfang der Woche auf den Philippinen eingereist sein und sich von dort gemeldet haben. Kreisen von Kennern des Münchener Verfahrens zufolge will er sich den Behörden in Deutschland stellen. Sein derzeitiger Aufenthaltsort ist nicht bekannt.

In der Nacht zu Montag hatte der Konzernvorstand erklärt, dass die 1,9 Milliarden Euro "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen" und hatte die Werthaltigkeit des sogenannten Drittpartnergeschäfts infrage gestellt. Wirecard hatte zuvor stets erklärt, dort Partnerfirmen zur Zahlungsabwicklung einzubinden, wo der Konzern keine eigene Lizenz dazu hat. Das betraf insbesondere Schwellenländer. Drei dubiose Partnerfirmen waren laut internen Unterlagen in den zurückliegenden Jahren für einen Großteil des Konzerngewinns verantwortlich. Damit konfrontiert, hatte sich Wirecard von Oktober 2019 an im immer größere Widersprüche verstrickt. Eine Sonderprüfung durch Experten von KPMG fand Ende April für mehrere relevante Teile des Geschäfts keine zweifelsfreien Belege.

Zwei Monate später ist Wirecard mit dem Insolvenzantrag implodiert. Teil des Konzerns ist auch die Wirecard Bank, bei der Tausende Privatkunden zuletzt mehr als 1,7 Milliarden Euro an Einlagen hielten. Die Finanzaufsicht Bafin will die Bank davor schützen, in die Pleite der Muttergesellschaft hineingezogen zu werden. "Die Wirecard Bank AG ist nicht Teil des Insolvenzverfahrens der Wirecard AG", teilte der Aschheimer Zahlungsverkehrs-Dienstleister am Donnerstagnachmittag mit. Die Bafin habe für die Bank bereits einen Sonderbeauftragten eingesetzt. Der Wirecard-Vorstand hat damit dort nichts mehr zu sagen: "Die Freigabeprozesse für alle Zahlungen der Bank werden zukünftig ausschließlich innerhalb der Bank und nicht mehr auf Gruppenebene liegen." Die AG unterliegt anders als die Bank-Tochter nicht der Bankenaufsicht. Die Aufsicht prüft jetzt, inwieweit das Institut überleben kann. Fällt dieses Urteil negativ aus, droht die Abwicklung. Einlagen von Privatkunden sind sowohl gesetzlich bis 100.000 Euro als auch darüber hinaus durch den Einlagensicherungsfonds des Bankenverbands geschützt.

Bereits in den vergangenen Tagen hatte die Finanzaufsicht Bafin den Sonderbeauftragten in die Bank geschickt, um dort die Abläufe zu überwachen. Auch durfte die Wirecard Bank kein Geld an Wirecard überweisen, ohne dass dahinter ein tatsächliches Geschäft lag. So sollte verhindert werden, dass so die Löcher in der Bilanz bei Wirecard gestopft werden. Und die sind offenbar sehr groß.

© SZ
Wirecard in den Nachrichten auf einem Monitor an der Börse Frankfurt

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:Fünf Lehren aus dem Wirecard-Desaster

Der Fall Wirecard offenbart eine Reihe klassischer Fehler, die gerade Anleger in Deutschland immer wieder machen. Das Gute ist: Sie lassen sich oft vermeiden. Wie man klug in Aktien investiert.

Von Harald Freiberger, München, und Victor Gojdka, Frankfurt am Main

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