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Aktienindex:Warum Wirecard doch jetzt schon aus dem Dax fliegt

Wirecard

Der Schriftzug von Wirecard an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters in Aschbeim bei München.

(Foto: dpa)

Der Skandalkonzern muss den wichtigsten deutschen Aktienindex vorzeitig verlassen. Delivery Hero rückt für ihn nach.

Von Nils Wischmeyer, Köln

Die Situation ist so einzigartig wie skurril: 1,9 Milliarden Euro fehlen in der Bilanzsumme, die es wohl nicht gegeben hat, viele Geschäfte der Firma aus Aschheim waren wohl Luftnummern und mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen viele Manager, einige sitzen sogar in Untersuchungshaft, darunter Ex-Vorstandsvorsitzender Markus Braun.

Es ist einer der größten Bilanzskandale der vergangenen Jahrzehnte, der den Aktienkurs von Wirecard innerhalb kürzester Zeit auf Ramschniveau fallen ließ.

Am 25. Juni bereits musste der Zahlungsdienstleister dann als erster Dax-Konzern überhaupt Insolvenz anmelden, verblieb aber dennoch in eben jenem wichtigen deutschen Leitindex, dem Dax. Dort sind die 30 wertvollsten an der Börse notierten, deutschen Unternehmen gelistet. Zu den Mitgliedern gehören beispielsweise der Sportartikelhersteller Adidas, der Chemiekonzern BASF - und nach wie vor die Skandalfirma Wirecard.

Für die Deutsche Börse war das peinlich. Aus anderen Indizes war Wirecard bereits ausgeschieden, doch für den Dax fehlte eine entsprechende Regelung. Anfangs noch hieß es, man wolle nur für diesen Fall nicht extra die Börsenregeln ändern. Nachdem der Druck von Seiten des Finanzmarktes aber größer wurde, knickte die Deutsche Börse Mitte Juli ein und setzte eine Regeländerung auf.

Diese sieht vor, dass Unternehmen, die Insolvenz anmelden müssen, kurz darauf aus allen Indizes der Deutschen Börse fliegen. Diese Vorschläge legte die Börse dem Markt vor, holte Feedback und wird diese nun bis zum 19. August umsetzen, drei Handelstage später, tritt die neue Regelung in Kraft. Da das ein Freitag ist, wird erstmals am 24. August der Dax in seiner neuen Konstellation handelbar sein.

Wirecard wird dann als erstes Unternehmen überhaupt nach der neuen Regelung ausscheiden. Anders als sonst, steigt Wirecard auch nicht in einen der niedrigeren Indizes ab, beispielsweise den M-Dax. Vielmehr sieht die neue Regelung vor, dass ein Unternehmen, das Insolvenz anmelden muss, aus allen Indizes ausscheidet. Erst wenn es sich berappelt hat und mindestens ein Jahr vergangenen ist, kann ein Konzern dann wieder in einen Index aufsteigen.

Die Deutsche Börse will ihr Regelwerk komplett überdenken

Wer nun in den Deutschen Leitindex nachrückt, entscheiden bei der Deutschen Börse in der Regel zwei Kriterien. Das ist zum einen der Börsenwert der frei handelbaren Aktien eines Unternehmens und zum anderen das Handelsvolumen, sprich, wie oft eine Aktie an der Börse gehandelt wird.

Die Deutsche Börse führt darüber eine Liste, die zuletzt am 31. Juli aktualisiert wurde und als Grundlage für die Entscheidung gilt. Um kurzfristig in den Dax aufzusteigen, muss eine Firma mindestens auf Platz 35 in beiden Kategorien liegen. Das traf zuletzt nur auf Delivery Hero zu, die dann am 24. August erstmals im Dax gelistet sein wird.

Unabhängig von der aktuellen Änderung, will die Deutsche Börse ihr Regelwerk komplett überdenken, und den Marktteilnehmern in den kommenden Monaten größere Reformen vorschlagen. Zu den Inhalten will die Deutsche Börse sich bisher aber nicht äußern.

© SZ vom 14.08.2020

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