Wirecard-Anklage:474 Seiten schwere Vorwürfe gegen Ex-Wirecard-Chef Braun

Wirecard-Anklage: Der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun beschreibt sich selbst als ein Opfer des Betrugsskandals.

Der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun beschreibt sich selbst als ein Opfer des Betrugsskandals.

(Foto: Getty Images)

Die Staatsanwaltschaft München erhebt Anklage gegen drei frühere Manager des Skandalkonzerns. Im Mittelpunkt steht der Ex-Konzernchef, der noch länger im Gefängnis bleiben soll. Er streitet alle Vorwürfe ab.

Von Klaus Ott

Seit bald 20 Monaten schon sitzt Markus Braun in Augsburg-Gablingen, einem der modernsten Gefängnisse in Bayern, in Untersuchungshaft. Und hinter hohen Mauern soll der frühere Vorstandschef des Skandalkonzerns Wirecard nach dem Willen der Staatsanwaltschaft München I noch länger bleiben. Die Strafverfolgungsbehörde hat nach Ermittlungen rund um die halbe Welt beim Landgericht München I jetzt Anklage gegen Braun und zwei weitere Ex-Manager erhoben.

Einer der beiden, Oliver B., hat ausgepackt, gestanden und Braun schwer belastet. Er ist der Kronzeuge der Staatsanwaltschaft. Außerdem soll ein früherer Finanzmanager vor Gericht kommen. Dieser frühere Finanzmanager weist alle Vorwürfe zurück, ebenso wie Braun. Sollte die vierte Strafkammer des Landgerichts München I die Anklage zulassen und einen Prozess ansetzen, dann ist daher von einem jahrelangen Verfahren auszugehen.

Auf 474 Seiten listet die Ermittlungsbehörde auf, was sie Braun als einstigem "Mr. Wirecard" und den beiden anderen Angeschuldigten alles vorwirft. Die umfangreiche Anklageschrift ist ein eindeutiges Signal: Die Staatsanwaltschaft will gegen Braun, den sie als einen der Hauptverantwortlichen für einen der größten Wirtschaftsskandale in Deutschland betrachtet, eine Freiheitsstrafe erwirken. Herauskommen könnten mehr als zehn Jahre Haft.

Wirecard hat viele Menschen ins Unglück gestürzt. Zehntausende, wenn nicht gar noch mehr Aktionäre und Aktionärinnen haben mehr als 20 Milliarden Euro verloren. Darunter ein Mitarbeiter von Braun, der als Zeuge bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt hat. Der Mitarbeiter erzählte, er und seine Frau hätten wiederholt Wirecard-Aktien gekauft, um für das Alter vorzusorgen. Mit Rentenbeginn hätten sie die Papiere dann wieder verkaufen wollen. Jetzt aber seien sie mit 250 000 Euro verschuldet und seiner Frau gehe es gesundheitlich sehr schlecht, klagte der ehemalige Wirecard-Beschäftigte der Staatsanwaltschaft sein Leid.

In ihren besten Zeiten war die Wirecard-Aktie fast 200 Euro wert

Als Mitte Juni 2020 plötzlich fast zwei Milliarden Euro bei Wirecard fehlten und sich das Ende abzeichnete, soll Braun intern noch gesagt haben, alles werde gut. Ende des Jahres werde der Aktienkurs von Wirecard bei 250 Euro liegen. So steht es in den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft. Ende Juni 2020 brachte eine Wirecard-Aktie, die in besten Zeiten fast 200 Euro wert gewesen war, nur noch ein paar Euro. Inzwischen sind die Wirecard-Aktien Schrottpapiere; sie werden für weniger als fünf Cent das Stück gehandelt.

Schuld sein an diesem Desaster soll neben dem untergetauchten Wirecard-Vorstand Jan Marsalek, der in Russland vermutet und nach dem weiter gefahndet wird, vor allem Ex-Konzernchef Braun. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft wiegen schwer. Braun und die beiden anderen Angeschuldigten sollen den Aktienkurs von Wirecard jahrelang manipuliert haben, und das gleich in 26 Fällen. Davon 25 Mal gewerbs- und bandenmäßig. Die vielen Menschen, die Wirecard-Aktien kauften, sollen also systematisch in die Irre geführt worden sein.

Wirecard-Anklage: Befindet sich Jan Marsalek wirklich in Moskau? Ein Fahndungsaufruf nach dem Ex-Vertriebsvorstands des Dax-Konzerns Wirecard in Hamburg.

Befindet sich Jan Marsalek wirklich in Moskau? Ein Fahndungsaufruf nach dem Ex-Vertriebsvorstands des Dax-Konzerns Wirecard in Hamburg.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

Mit "erheblich geschönten Zahlen" habe man den Eindruck erwecken wollen, die Wirecard AG sei ein geschäftlich erfolgreiches und zahlungskräftiges Unternehmen, schreibt die Staatsanwaltschaft. Braun und den beiden anderen Angeschuldigten sei aber spätestens ab Ende 2015 klar gewesen, dass der Zahlungsdienstleister nur Verluste gemacht habe, "was letztlich in eine Insolvenz münden würde". Wäre die wahre Finanzlage veröffentlicht worden, wäre es "zu erheblichen Kurseinbrüchen gekommen", erklärt die Staatsanwaltschaft. Zur Insolvenz und zum Kurssturz kam es dann erst 2020.

Die Staatsanwaltschaft bezichtigt Braun unter anderem des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs

Der nächste Vorwurf lautet, die Konzernbilanzen von 2015 bis 2018 seien falsch gewesen. Braun habe das gewusst, und trotzdem als Vorstandschef die jeweiligen Jahresabschlüsse unterzeichnet. Die beiden anderen Angeschuldigten hätten ihn dabei unterstützt. Die Bilanz für das Jahr 2019, die Mitte 2020 veröffentlicht werden sollte, kam nicht mehr zustande. Weil der mutmaßliche Betrug dann aufflog.

Die Staatsanwaltschaft bezichtigt Braun und die beiden anderen Angeschuldigten außerdem des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs an den Hausbanken und Investoren von Wirecard, die mehr als drei Milliarden Euro verloren hätten. Auch die Kreditinstitute, darunter die Landesbank Baden-Württemberg und die Commerzbank, und Investoren seien getäuscht worden.

Der letzte schwere Vorwurf gegen Braun lautet: Veruntreuung von Konzernvermögen in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro. Wirecard hat hohe Kredite an zwei Firmen in Singapur ausgereicht. Bei einer der beiden Firmen handelte es sich um die Gesellschaft Ocap, die Wirecard angeblich bei der Abwicklung von Kreditkartenzahlungen helfen sollte. Ocap habe sich aber ursprünglich um die Finanzierung von Öltransporten gekümmert und nichts mit Kreditkartenzahlungen zu tun gehabt, schreibt die Staatsanwaltschaft. Kontrolliert worden sei Ocap von einem Mitglied der kriminellen Bande bei Wirecard.

Wirecard-Anklage: Der ehemalige Hauptsitz der Wirecard AG in Aschheim bei München.

Der ehemalige Hauptsitz der Wirecard AG in Aschheim bei München.

(Foto: imago images/Lackovic)

Einen Teil der Wirecard-Kredite für Ocap, nämlich 140 Millionen Euro, fordert Insolvenzverwalter Michael Jaffé per Schadensersatzklage von Braun und anderen früheren Wirecard-Verantwortlichen zurück. In der Klageschrift steht: "Es war erkennbar, dass die Kredite an Ocap einzig dazu dienten, Vermögen aus Wirecard heraus zu schleusen."

Nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hat sich der Chef der konzerneigenen Wirecard-Bank in einem Fall im November 2018 zunächst geweigert, Ocap einen Kredit über 100 Millionen Euro zu gewähren. Der Bankchef sei dann von Braun ausdrücklich angewiesen worden, den Betrag "ohne jeden Aufschub zu überweisen".

Der ehemalige Wirecard-Konzernchef weist alle Vorwürfe zurück

Der ehemalige Konzernchef weist aber nicht nur die Vorwürfe zurück, sondern attackiert seinerseits die Staatsanwaltschaft. Diese gehe von einem "falschen Tatbild" aus, die Anklage leide unter "gravierenden Mängeln".

Ein Sprecher Brauns erklärt, im weiteren Verfahren werde sich erweisen, dass der ehemalige Konzernchef "nie Teil einer Bande war, die Millionensummen hinter seinem Rücken veruntreut hat". Und dass Braun nichts von den Machenschaften dieser Bande gewusst und schon gar nicht von diesen Machenschaften profitiert habe. Braun gibt sich über seinen Sprecher sogar "fassungslos", weil die Staatsanwaltschaft angeblich nichts unternommen habe, "um nach dem veruntreuten Geld der Aktionäre zu suchen".

Wirecard-Anklage: Er will nie Teil einer Bande gewesen sein: Der frühere Wirecard-Chef Markus Braun (hier im Jahr 2018).

Er will nie Teil einer Bande gewesen sein: Der frühere Wirecard-Chef Markus Braun (hier im Jahr 2018).

(Foto: Christof Stache/AFP)

Der Ex-Konzernchef erweckt über seinen Sprecher in einer Pressemitteilung den Eindruck, die Staatsanwaltschaft sei voreingenommen gewesen und habe schlampig gearbeitet. "Die schweren Versäumnisse und Defizite in der Sachverhaltsaufklärung werden das Verfahren sehr prägen und auch belasten." Die Verteidigung sei fest entschlossen, sich "Punkt für Punkt mit allen Vorhaltungen auseinanderzusetzen". Man werde beharrlich darauf drängen, dass "der Verbleib der veruntreuten Milliardenbeträge im Interesse der Aktionäre vollständig" aufgeklärt werde.

Braun habe als Anteilseigner von Wirecard mit dem Zusammenbruch des Zahlungsdienstleisters wie so viele Aktionäre viel Geld verloren, "faktisch sein gesamtes Eigentum". Er bleibt also bei seiner Linie, die sich schon durch das ganze Ermittlungsverfahren durchgezogen hat. Der langjährige Konzernchef wäre demnach nicht Täter, sondern Opfer gewesen.

Der Kern von Brauns Botschaft lautet, das angeblich weitgehend erfundene Geschäft von Wirecard mit Drittpartnern in Asien habe es wirklich gegeben. Der Konzern hatte hier fast zwei Milliarden Euro Vermögen ausgewiesen, das auf Treuhandkonten in Asien liegen sollte. Die Konten erwiesen sich dann allerdings als leer. Aber nicht, so Brauns These, weil es dieses Drittpartnergeschäft nicht gegeben habe. Sondern weil hinter seinem Rücken die Erlöse daraus veruntreut worden seien.

Dieser These war aber das Oberlandesgericht München bei der jüngsten Haftprüfung von Braun Ende 2021 nicht gefolgt.

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