Anklage gegen Ex-VW-Chef Vier Kronzeugen belasten Winterkorn

Im Visier der Anklage: Der frühere VW-Chef Martin Winterkorn (Archivbild) bestreitet bis heute, frühzeitig von den Abgasmanipulationen gewusst zu haben.

(Foto: dpa; Bearbeitung SZ)
  • Vier Kronzeugen, die bereits gegen Martin Winterkorn ausgesagt haben, sollen nun vor Gericht bezeugen, dass der ehemalige VW-Manager schon von den Abgasmanipulationen wusste, bevor die US-Behörden sie enthüllten.
  • Den Vorwürfen zufolge hat Winterkorn sich gegen eine Offenlegung des Betrugs entschieden und gehofft, die Gesetzesverstöße verschleiern zu können.
  • In der Zwischenzeit habe VW weiterhin schmutzige Dieselautos verkauft.
  • Die Kronzeugen sind teilweise langjährige VW-Mitarbeiter, die selbst beschuldigt werden.
Von Georg Mascolo und Klaus Ott

Seine Jobs bei Volkswagen ist der frühere Konzernchef Martin Winterkorn schon lange los. Nicht einmal der Aufsichtsratssitz bei Bayern München ist ihm geblieben. Deutschland verlassen kann er nicht, weil die US-Justiz hinter ihm her ist. Und jetzt das: Eine 692-seitige Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Braunschweig erhebt viele schwere Vorwürfe.

Gleich vier Kronzeugen bietet die Staatsanwaltschaft nach Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR auf, um den 71 Jahre alten Ex-Manager des Betrugs an Autokäufern und weiterer Delikte zu überführen. Die Kronzeugen sind zum Teil langjährige VW-Leute, die selbst auf der Liste der Beschuldigten stehen. Sie haben gegen "Wiko" ausgesagt, wie Winterkorn intern bei VW genannt wurde. Dies sollen sie nun vor Gericht wiederholen und bezeugen, dass der Konzernchef nicht erst von den Manipulationen erfahren hat, als die US-Behörden am 18. September 2015 den Abgas-Skandal enthüllten.

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Trotzdem seien weiterhin schmutzige Diesel-Fahrzeuge als sauber verkauft worden. Denn Winterkorn habe sich gegen eine Offenlegung des Betrugs entschieden und gehofft, die Gesetzesverstöße weiter verschleiern zu können. So lautet einer der zentralen Vorwürfe der Anklage. Es geht vor allem um den 27. Juli 2015. An diesem Tag sollen drei VW-Leute unabhängig voneinander Winterkorn über die Manipulationen informiert haben, so ihre Aussage. Zuerst Bernd Gottweis, der sich als Chef des Ausschusses für Produktsicherheit (APS) bei VW lange Zeit um nahezu alles gekümmert hatte, was Deutschlands größtem Autokonzern Probleme bereitete. Gottweis will Winterkorn am Telefon gesagt haben, dass VW in den USA "beschissen" habe.

Später soll ein Konzernjurist zu Wiko ins Büro zitiert worden sein und mit ihm über eine verbotene Software in Diesel-Fahrzeugen gesprochen haben. Der Jurist will Winterkorn den Rat gegeben haben, es nicht darauf anzulegen, von den US-Behörden überführt zu werden, sondern selbst die Initiative zur Aufklärung zu ergreifen.

Und dann war an diesem 27. Juli 2015 noch der "Schadenstisch", an dem bei VW Probleme besprochen werden. Ein in die Manipulationen verwickelter Techniker will Winterkorn am Rande des Schadenstisches über Details informiert und vor möglichen Schadenersatz- und Strafzahlungen in den USA gewarnt haben. 500 000 Fahrzeuge könnten jeweils bis zu 55 000 Dollar teuer werden. Macht zusammen 27,5 Milliarden Dollar. Fast so schlimm kam es dann später für VW in den USA, was die Braunschweiger Staatsanwaltschaft teilweise auch Winterkorn anlastet.

Der vierte Kronzeuge, auf den sich die Ermittler berufen, ist ein führender VW-Techniker. Er will schon im Mai 2015 dabei gewesen sein, als Motorenentwickler Winterkorn in dessen Büro gesagt hätten, was Sache sei: VW manipuliere bei Dieselfahrzeugen in den USA den Abgasausstoß.

Winterkorn behauptet bis heute, er habe nichts von Manipulationen und Betrügereien gewusst. Und natürlich gilt es zu bedenken, dass Beschuldigte in solchen Affären gerne die Oberen belasten, um sich selbst zu entlasten. Doch der 27. Juli dürfte in einem Prozess gegen Winterkorn und die vier mitangeklagten VW-Leute zum größten Problem für den Ex-Konzernchef werden. Anders dürfte es um den Versuch der Anklage stehen, ihm nachzuweisen, dass er schon im Mai 2014 von den Manipulationen wusste - was nichts mit den Aussagen der Kronzeugen zu tun hat. Eine Notiz von Gottweis, dem betriebsinternen Feuerwehrmann, soll das belegen. Doch ist in dem Vermerk nur davon die Rede, dass die US-Behörden einem Verdacht nachgehen könnten. Zudem will Winterkorn die Notiz gar nicht gelesen haben. Schließlich will Gottweis selbst Mitte 2015 von dem Betrug erfahren haben. Wie hätte er Winterkorn schon 2014 informieren können?

Jetzt hängt es von den Kronzeugen ab

Trotz aufwendiger Ermittlungen haben die Staatsanwälte außer dieser Notiz keine bedeutende Papierspur gefunden. Auch die Vorstandsunterlagen enthielten keine eindeutigen Hinweise. Das schwächt den Vorwurf ab, Winterkorn und ein weiterer damaliger VW-Manager hätten im November 2014 ein weitgehend wirkungsloses Software-Update gutgeheißen. Die Kosten für das Update in Höhe von 23 Millionen Euro hätten für VW keinen Nutzen gehabt. Insofern hätten Winterkorn und der Manager Firmengelder veruntreut.

Vieles, wenn nicht gar alles, hängt nun an den Kronzeugen, mit denen die Staatsanwaltschaft Winterkorn überführen will. Einer von ihnen soll mit auf der Anklagebank sitzen, in einer womöglich jahrelangen Hauptverhandlung. Unter den fünf VW-Leuten, denen der Prozess gemacht werden soll, sind zwei geständige Techniker. Die Idee, sie gemeinsam mit Winterkorn und einer weiteren früheren Konzerngröße anzuklagen, stammt offenbar von der Staatsanwaltschaft München II. Die hat genau das bei der geplanten Anklage gegen Rupert Stadler vor, den Ex-Chef der VW-Tochter Audi. Auch er streitet alles ab.

Manche Verfahrensbeteiligte empfinden dieses Vorgehen als Zumutung für die geständigen Ingenieure, andere verweisen auf die Raffinesse des Vorgehens. Geständige und reuige Techniker im Gerichtssaal zu haben, werde das Klima des Prozesses verändern. Zudem seien diese Ingenieure jederzeit in der Lage, komplizierte technische Vorgänge zu erklären - wie ständig präsente Sachverständige.

Längst nicht alles, was die Staatsanwaltschaft gegen Winterkorn vorträgt, ist frei von Widersprüchen, vielleicht vom 27. Juli 2015 abgesehen. Manches wirkt so, als hätten die Ermittler einseitig aufgeschrieben, was gegen den Ex-Chef spricht - und ausgeblendet, was nicht in diese Version passt. Zum Beispiel, dass unklar ist, ob der vierte Kronzeuge wirklich schon im Mai 2015 bei Winterkorn gewesen sein kann, als angeblich über Manipulationen gesprochen worden sei. Nur eines halten die Strafverfolger Wiko zugute, nämlich dass er frühzeitig niedrige Abgaswerte gefordert habe.

Über viele Widersprüche in den Ermittlungsergebnissen ist die Staatsanwaltschaft nach dem Eindruck von Verfahrensbeteiligten zu leicht hinweggegangen. Im Gerichtssaal könnte das zu einem zentralen Streitpunkt werden. "Das Ganze wird kein Selbstgänger", sagt ein am Verfahren beteiligter Jurist.

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