Energiepolitik Es werden kaum noch Windräder gebaut

Manchmal wird der Bau von Windrädern untersagt, um Vögel zu schützen.

(Foto: dpa)
  • In den ersten Quartalen der vergangenen drei Jahre wurden jeweils mehr als 300 Windräder in Betrieb genommen, im ersten Quartal 2019 waren es nur 41.
  • Flächen für neue Windparks werden knapp, und wo es Flächen gibt, ziehen sich die Genehmigungsverfahren in die Länge.
  • Die Gegner der Windenergie haben mittlerweile Erfahrung gesammelt, wie sich neue Windräder vor Gericht vereiteln lassen.
Von Michael Bauchmüller, Berlin

Die Wieskirche in Oberbayern ist ein Rokoko-Idyll, aber für 80 Bauern wurde sie zum Verhängnis. Elf Kilometer von der Kirche entfernt hatten sie drei Windräder bauen wollen; Platz war da, die Gemeinden waren einverstanden. "Dann kam die Unesco", sagt Robert Sing, dessen Ingenieurbüro den Windpark geplant hatte. Die Regierung von Oberbayern hatte sie auf den Plan gerufen, denn die Wieskirche gilt als Weltkulturerbe. Gutachten um Gutachten reichten die Landwirte nach, das Projekt wurde immer teurer. Am Ende scheiterte es. Zurück bleiben Bürger und Bauern, die in die Energiewende investieren wollten, aber alles verloren.

So läuft es derzeit überall im Land: Flächen für neue Windparks werden knapp, und wo es Flächen gibt, ziehen sich die Genehmigungsverfahren in die Länge, immer neue Hürden tauchen auf. "Das raucht gerade richtig ab", sagt Jürgen Quentin, der für die Fachagentur Windenergie an Land die Ausbauzahlen in Deutschland erhebt. So wurden in den ersten Quartalen der Jahre 2016, 2017 und 2018 jeweils mehr als 300 Windräder in Betrieb genommen, immer kamen so etwa 1000 Megawatt neue Leistung dazu. Im ersten Quartal 2019 gab es 41 neue Windräder, mit zusammen gut 130 Megawatt Leistung. "Das mit Abstand ausbauschwächste Quartal in diesem Jahrtausend", befand die Fachagentur. In Ländern wie Bayern, Hessen, Sachsen, Baden-Württemberg, Thüringen oder dem Saarland kam kein einziges Windrad hinzu. Schleswig-Holstein verlängerte just am Freitag seinen Ausbaustopp bis 2020. Die Energiewende gerät ins Stocken.

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Das spiegelt sich auch in den jüngsten Ausschreibungsrunden. Seit 2017 erhalten Windräder keine gesetzlich fixierte Vergütung mehr für jede Kilowattstunde Strom. Sie müssen sich an Ausschreibungen beteiligen, in denen die günstigsten Windparks zum Zuge kommen. Den Zuschlag erhält, wer mit der geringsten Förderung auskommt. So die Theorie. Doch als die Bundesnetzagentur jüngst die Förderung für 650 Megawatt neue Windenergie ausschrieb, fanden sich nur 41 Bewerber - für eine Gesamtleistung von 295 Megawatt. Die Ausschreibung war um 55 Prozent unterzeichnet. "Das Wettbewerbsniveau", stellte die Bundesnetzagentur ernüchtert fest, erreiche "eine neue besorgniserregende Dimension". Schon vorherige Runden waren unterzeichnet.

Das liegt auch an Fehlern in der Vergangenheit. 2017 etwa sollte eine Sonderregel sogenannte Bürger-Windparks begünstigen - diese konnten sich an den Ausschreibungen beteiligen, ohne eine Genehmigung vorzuweisen. 90 Prozent aller Zuschläge gingen an solche Projekte, aber hinter denen standen in den meisten Fällen nicht Bürger, sondern gewitzte Projektfirmen. Nur ein Bruchteil davon ist bis heute genehmigt, geschweige denn gebaut. Die Projekte, so teilt etwa die sächsische Uka-Gruppe mit, "befinden sich aktuell noch in der Entwicklung". Man sei "weiterhin optimistisch", sie auch zu realisieren. Alles sei komplizierter geworden.

Dabei soll der Ausbau der erneuerbaren Energien die Lücke füllen, die durch den Ausstieg aus Kohle- und Atomstrom entsteht. Bis 2030 soll der Ökostrom-Anteil von derzeit knapp 40 Prozent auf 65 Prozent anwachsen. Ohne zusätzliche neue Windparks wird das nicht gehen. "Unsere Befürchtung ist, dass wir in ein paar Jahren statt Zubau einen Rückgang erleben", heißt es beim Regensburger Projektierer Ostwind. Denn in den nächsten Jahren fallen zunehmend Windräder der ersten Generationen aus der Förderung - jene, die älter als 20 Jahre sind. Einige davon können auch ohne Förderung weiterlaufen, weil sie über Direktverträge Firmen aus der Nachbarschaft mit Strom beliefern. Andere fallen heraus, und der Ersatz wird zunehmend schwierig.

"Wollen wir Klimaschutz oder den Schutz jedes einzelnen Greifvogels"

Das liegt auch daran, dass immer mehr Projekte vor Gericht landen: Gegner der Windenergie haben mittlerweile Erfahrung gesammelt, wie sich neue Windräder vereiteln lassen. Die Fachagentur Windenergie zählt derzeit mindestens 200 Anlagen, die beklagt werden. Die Klagen richten sich dabei regelmäßig gegen behördliche Entscheidungen. "Dadurch wächst die Zurückhaltung bei den Behörden", heißt es beim Branchenverband BWE. "Mit dem Ergebnis, dass alles doppelt und dreifach geprüft wird." Tatsächlich gibt es mittlerweile Fälle wie jenen in Hessen, bei dem für einen kleinen Windpark mehr als 20 Gutachten nötig waren, vom Artenschutz bis zur Denkmalpflege.

"Die Leute vor Ort müssen besser mitgenommen werden", sagt Hartmut Brösamle, Vorstand beim Bremer Projektentwickler WPD. Nötig sei etwa eine neue Kommunalabgabe, erhoben bei Windparks. "Die Kommunen müssen etwas davon haben, wenn ein Windpark in ihrer Nähe entsteht", sagt Brösamle. Auch beim Naturschutz fordert er Änderungen. Da betreibe Deutschland, anders als viele EU-Länder, eher Individuen- als Artenschutz. "Wir müssen uns entscheiden - wollen wir Klimaschutz oder den Schutz jedes einzelnen Greifvogels", sagt Brösamle. WPD ist mittlerweile im Ausland aktiver als im Inland: in Chile etwa, in Finnland, Schweden, Spanien. So habe sich das Loch füllen lassen.

Windparks mit insgesamt 11 000 Megawatt Leistung sind in der Genehmigungspipeline. "So viel wie noch nie", heißt es beim Branchenverband BWE.

Auch Ingenieur Sing will sich durch das Wieskirchen-Fiasko nicht entmutigen lassen. "Wir kämpfen weiter", sagt er.

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