Volkswagen in Brasilien VW erforscht seine dunkle Vergangenheit

1953 ging's los: Da startete Volkswagen seine Produktion in Brasilien. Vor dem Werk in Ipiranga parken fünf VW-Käfer und ein Bully.

(Foto: Volkswagen/dpa)
  • In Brasilien werden Vorwürfe gegen Konzerne aus aller Welt laut.
  • Es geht um Bespitzelung und Folter während der Militärdiktatur in den Sechziger- und Siebzigerjahren.
  • Gegen Volkswagen wurde nun eine Sammelanzeige eingereicht.
Report von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

In den nächsten Tagen reist Manfred Grieger wieder nach Brasilien. Von Wolfsburg nach São Paulo, der Chef-Historiker der Volkswagen AG ist auf Krisenmission. Ausnahmsweise geht es mal nicht um manipulierte Abgaswerte, sondern um: ja was eigentlich? "Schwer zu sagen, ich gucke mir das erst einmal einen Moment lang an", sagt Grieger.

Es geht, soweit die Faktenlage, um eine vor zwei Wochen eingereichte Anzeige bei der Bundesstaatsanwaltschaft in São Paulo - gegen Volkswagen. Sie beruht auf einen Bericht der brasilianischen Wahrheitskommission vom vergangenen Jahr. Grieger fasst den Sachverhalt so zusammen: "Wie bewertet man das Verhalten von Unternehmen in autoritären Staaten?" Im Kommissionsbericht steht es etwas deutlicher. Demnach haben über 80 Konzerne aus aller Welt in den Sechziger- und Siebzigerjahren mehr oder weniger mit der brasilianischen Militärdiktatur kooperiert. Darunter auch VW do Brasil - mutmaßlich eher mehr als weniger.

Noch konkreter wird es, wenn man mit Lúcio Bellentani, 71, spricht. Er arbeitete von 1964 bis 1972 als Werkzeugmacher im VW-Werk von São Bernardo do Campo bei São Paulo. Er war Gewerkschaftsmitglied, trat für Arbeitnehmerrechte ein, verteilte Flugblätter auf dem Firmengelände und organisierte Diskussionsveranstaltungen. Das wurde ihm offenbar zum Verhängnis. Bellentani erzählt, dass er im Juni 1972 während einer Nachtschicht verhaftet wurde, bedroht mit einem Maschinengewehr. Er erinnert sich auch noch, dass dies unter Aufsicht des damaligen Sicherheitschefs geschah. Der Mann arbeitete noch bis in die Neunziger Jahre bei VW do Brasil. Bellentani sagt: "Sie haben noch auf dem Firmengelände begonnen, mich zu schlagen und zu foltern, dann ging es zur Dops." Zur Geheimpolizei des Militärregimes. Dort wurde Lúcio Bellentani nach eigene Angaben 47 Tage lang erniedrigt und gefoltert, unter anderem mit Elektroschocks. Er hatte in dieser Zeit keinen Kontakt zur Außenwelt, seine Frau nahm an, er sei tot. Später wurde Bellentani zu zwei Jahren Haft verurteilt. Erst 1975 kam er frei.

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Es sind unter anderem solche Zeitzeugenberichte, auf die sich die Sammelanzeige gegen die VW-Tochter in Brasilien stützt. Eingereicht wurde sie vom Arbeiterforum für Wahrheit, Gerechtigkeit und Reparation. Es gibt aber auch als vertraulich eingestufte Dokumente, die den Konzern belasten und der SZ vorliegen. Sie erwecken zumindest den Verdacht, dass VW do Brasil das Militärregime mit schwarzen Listen versorgte. In einem internen Schreiben vom 9. September 1974 werden etwa sechs Angestellte aufgeführt, die es wegen subversiver Tätigkeiten offenbar mit dem Obersten Militärtribunal zu tun bekamen.

Was das Mitte der Siebziger in Brasilien bedeutete, legt die Aussage von Lúcio Bellentani nahe. Der ehemalige Werkzeugmacher behauptet: "Sie haben uns nicht nur bei der Arbeit bespitzelt, die Firma hat auch mit den Folterknechten der Diktatur kooperiert." Ein harter Vorwurf, den der VW-Historiker Grieger nicht einfach so im Raum stehen lassen will. Er möchte aber auch nicht ausschließen, dass Bellentani zumindest teilweise recht hat.