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Mindestlohn in der Nahrungsmittelindustrie:Preis des Fleisches

Fleischunternehmen Tönnies

Arbeiter im Schlachthaus: Die Fleischindustrie will die 8,50 Euro Mindestlohn in Ostdeutschland erst 2017 einführen

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie gelten als besonders miserabel. Auch wenn die Arbeitgeber die von der neuen Regierung angekündigten 8,50 Euro Mindestlohn akzeptieren müssen, verhandelt die Branche heute über die Lohnuntergrenze. Es gibt noch viel zu klären.

Von Detlef Esslinger

Im Grunde ist das die Frage, auf die alles hinausläuft. Silke Erdmann-Nitsch führt den Wursthersteller "Halberstädter", es gibt ihn seit 1883; es handelt sich um den Betrieb, in dem einst die Wurstkonserve erfunden wurde. Halberstädter gehört zu den teureren Marken, was zum Beispiel daran liegt, dass die Würste noch in einem Kamin geräuchert werden, und nicht in einer Kammer aus Edelstahl. Die 250-Gramm-Dose kostet 3,69 Euro, manche Konkurrenten sind einen Euro billiger.

Und jetzt noch der Mindestlohn? Silke Erdmann-Nitsch also fragt: "Meinen Sie, dass dem Verbraucher bewusst ist, dass er wegen des Mindestlohns nachher für fast alle Produkte und Dienstleistungen wird mehr zahlen müssen?"

Der Kalender hat es so gefügt: Ausgerechnet an diesem Dienstag, an dem die neue Koalition ihre Arbeit aufnimmt, verhandelt diejenige Branche über einen Mindestlohn, deren Arbeitsbedingungen als besonders unwürdig verschrien sind. Die Zustände in der Fleischindustrie waren sozusagen das letzte Argument, einen Mindestlohn einzuführen; flächendeckend in Höhe von 8,50 Euro. In Hannover treffen sich Vertreter des Verbandes der Ernährungswirtschaft und der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG).

Mindestlohn zieht alle Löhne hoch

Man mag die Frage stellen, was es da noch groß zu verhandeln gibt? Der Haustarifvertrag von Halberstädter zum Beispiel enthält für die beiden unteren von insgesamt vier Lohngruppen folgende Tarife: 7,19 Euro und 8,18 Euro. Warum wartet die Gewerkschaft nicht in aller Gelassenheit, bis am 1. Januar 2015 bundesweit die 8,50 Euro gelten? Und warum legen sich umgekehrt die Arbeitgeber so quer? Warum erklärt ihr Verhandlungsführer, entweder werde es an diesem Dienstag eine Einigung geben, oder eben gar nicht mehr? Kommt es ihm auf 32 Cent an?

Die letzte Frage ist am einfachsten zu beantworten. Jetzt, da um den Mindestlohn keine abstrakten ökonomischen Diskussionen mehr geführt werden, sondern da er konkret wird, zeigt sich, dass die Anhebung der unteren Lohngruppen auf 8,50 Euro nur der eine Teil der Umsetzung sein wird. "Sie haben ja nicht nur die unteren Lohngruppen, sondern auch die oberen", sagt Silke Erdmann-Nitsch von Halberstädter.

"Facharbeiter werden sich nicht damit zufriedengeben, künftig nur noch genauso viel wie Angelernte zu verdienen." Für ihre Firma bedeutet das: Auch in den beiden oberen Lohngruppen von 8,55 und 9,27 Euro dürften die Löhne ungefähr so steigen, dass die alten Abstände zwischen den Gruppen bleiben.

Der Osten soll langsam nachziehen

Die Arbeitgeber wären bereit, die 8,50 Euro zu zahlen - aber nur im Westen. Für den Osten streben sie einen Stufenplan bis 2017 an, ähnlich, wie es ihn bei den Friseuren bereits gibt und wie ihn der Koalitionsvertrag auch ermöglicht. Aber ist das realistisch?

Ihr Verhandlungsführer E. Michael Andritzky setzt darauf, dass die NGG ein Interesse hat, für 80.000 Beschäftigte zum ersten Mal einen Tarifvertrag abzuschließen; zumal es sich um die größte Branche handele, für die die Gewerkschaft zuständig sei. "Das wäre politisch bedeutsam für sie", sagt er.

Sein Kontrahent Claus-Harald Güster von der NGG wiederum hofft, dass die Arbeitgeber von ihrem Schmuddel-Image loskommen wollen. "Skandalbranche", so hat er es eben wieder in einer Zeitung gelesen. Und eins sei klar, sagt er: "Ich brauche meinen Leuten mit nichts zu kommen, das unter 8,50 Euro liegt."

© SZ vom 17.12.2013/resi

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