US-Finanzpolitik: Kritik an Bernanke:"Trostlos und schlecht"

Die Bundesregierung kritisiert ungewöhnlich heftig die 600-Milliarden-Dollar-Entscheidung von US-Notenbankchef Ben Bernanke. Europas Zentralbank bleibt reserviert. Die Anleger hingegen jubeln.

Catherine Hoffmann und Helga Einecke

Die US-Notenbank öffnet ihre Geldschleusen und spült bis Juni kommenden Jahres 600 Milliarden Dollar in den Markt. Damit will Fed-Chef Ben Bernanke Staatsanleihen kaufen und die Wirtschaft stützen. Anleger weltweit nehmen das zum Anlass, sich mit Aktien einzudecken. In Frankfurt freuten sich Anleger ebenso über Gewinne wie in Paris, London, Tokio und New York. Ihre Hoffnung: Einer Rally zum Jahresende steht nun nichts mehr im Weg.

Bernanke

Auch Finanzminister Wolfgang Schäuble kritisiert US-Notenbankchef Ben Bernanke (im Bild).

(Foto: dpa)

Mit ungewöhnlich heftigen Worten kritisierte freilich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) den Schritt. Die USA hätten bereits "unendlich viel Geld in die Wirtschaft gepumpt", sagte er am Donnerstagabend im ZDF. Die Ergebnisse seien hingegen "trostlos". So habe sich die Lage am US-Arbeitsmarkt nicht verbessert, die Wirtschaftslage in den USA sei weiterhin "schlecht". Er glaube daher nicht, dass die USA mit neuen Geldspritzen ihre Probleme lösen könnten. Dieser Ansatz "tauge" nicht mehr, betonte der Minister. "Wir werden das auch in bilateralen Gesprächen, aber natürlich auch beim G20-Gipfel in der kommenden Woche in Südkorea mit unseren amerikanischen Freunden kritisch ansprechen", kündigte der Minister an.

Die Kurse steigen, obwohl die britische Notenbank ihr Pulver trocken hält und die Europäische Zentralbank mit Geldgeschenken an die Unternehmen geizt. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet verspricht den Verbrauchern, wachsam zu bleiben und die Inflationsängste ernst zu nehmen. Außerdem erteilt er den Regierungen in Europa gute Ratschläge, wie sie den Euro wetterfest machen und sich Krisen wie im Mai diesen Jahres nicht wiederholen. Akuten Bedarf für eine Stärkung des Euro gebe es nicht. Zwar glaubt Trichet nach eigenem Bekunden nach wie vor an einen starken Dollar. Aber die Anleger steigen aus dem Greenback aus und treiben so die Kurse.

Also Start frei zur Jahresendrallye? "Der Dax hat es geschafft", sagt Caspar von Zitzewitz, Partner der Trendconcept Vermögensverwaltung. Im Vergleich zu SDax und MDax, die kleinere und mittelgroße Werte vereinen, hätten die 30 größten deutschen Konzerne noch einiges nachzuholen. SDax und MDax sind in diesem Jahr mit 34 und 26 Prozent vorne weggelaufen, der Dax verbuchte einen Zuwachs von 13 Prozent. Viele Analysten, die sich am Kursverlauf von Aktienindizes orientieren, sind optimistisch für den Dax, der wochenlang um die 6600 Punkte herum gependelt war und nun darüber geklettert ist.

Strategen wie der Kölner Vermögensverwalter Bert Flossbach und der Analyst der Landesbank Bremen, Folker Hellmeyer, können sich im kommenden Jahr neue Höchststände für Deutschlands populärstes Aktienbarometer vorstellen. Von 8000 oder sogar 10000 Punkten ist die Rede. Schwaches, aber immerhin vorhandenes Wachstum in den Industrieländern, ein Mangel an akuten Inflationsgefahren und die uneingeschränkte Bereitschaft der US-Notenbank Geld zu drucken bilden demnach das Rückgrat für den Aktienmarkt. Hinzu kommt ein Argument, das im Fachchinesisch der Geldverwalter "Anlagenotstand" heißt. Dahinter steckt die Hoffnung, dass mehr und mehr Anleger, die unzufrieden sind mit nur 2,5 Prozent Rendite für zehnjährige Staatsanleihen, sich ein Herz fassen und Aktien kaufen.

Ein Ja und ein Aber

Das zielt vor allem auf Versicherer ab, die Unternehmensbeteiligungen bislang scheuen, weil sie die Kursschwankungen viel Eigenkapital kosten. Allerdings sind auch Anleihen kein sicheres Investment. "Anleger können mit Anleihen so viel Geld verlieren wie mit Aktien", sagt Zitzewitz. Aber das sei in Vergessenheit geraten, nachdem die Kurse von Zinspapieren seit beinahe 30 Jahren steigen, genauer gesagt: seit 1982, als die Fed erfolgreich gegen die damals zweistelligen Inflationsraten kämpfte. Wenn es nicht wie in Japan kommt und die Rendite weiter fallen, sollten Investoren besser zur Alternative greifen und auf Aktien vertrauen.

Allerdings versäumt es kaum ein Geldmanager, seinem "ja" zu Unternehmensbeteiligungen, ein "aber" hinterherzuschicken, und das hat mit der Geldpolitik zu tun. Die Unternehmen brauchten die viele neu geschöpfte Liquidität gar nicht, weil die Kreditkonditionen schon das ganze Jahr 2010 über sehr vorteilhaft seien. Trotzdem hätten die Konzerne vor allem in den USA bisher nur zaghaft davon Gebrauch gemacht, sagt Vermögensverwalter Alexander Seibold und erklärt auch, warum: "US-Unternehmen weisen in ihren Bilanzen Bargeldreserven von mehr als 1000 Milliarden Dollar auf." Genug Geld. Der Konjunktur würden noch mehr billige Dollar nicht helfen.

Die Frage ist, wohin das Geld fließt. Christian Stocker, Aktienstratege bei Unicredit, macht zwei Ziele aus. "Wenn Unternehmen das Kapital nicht in Maschinen und Fabriken investieren wollen, werden sie es in Form von Dividenden ausschütten." Anleger seien deshalb gut beraten, auf Branchen mit hoher Dividendenrendite zu setzen wie etwa Telekommunikation, Öl und Gas, Bergbau oder Pharma. Der zweite Profiteur der US-Geldpolitik seien Rohstoffe und Rohstoffaktien. Die seien sehr begehrt als Versicherung gegen einen schwachen Dollar.

© SZ vom 05.11.2010/aum
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