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Vermögensverteilung:Was die niedrigen Zinsen bewirken

Geldscheine

Geldscheine in der Hosentasche. Die Vermögenskonzentration nimmt in Deutschland weiter zu.

(Foto: Robert Michael/dpa)

Notenbanken vergrößern mit ihrer lockeren Geldpolitik die Kluft zwischen Arm und Reich, sagen Kritiker. Stimmt das?

Von Markus Zydra, Frankfurt

In Deutschland sind sehr wenige Menschen sehr reich. Diese Vermögenskonzentration haben Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung vor ein paar Monaten in einer Studie neu vermessen. Demnach vereint das reichste Prozent der Bevölkerung rund 35 Prozent des Vermögens auf sich, die oberen zehn Prozent hierzulande besitzen gut zwei Drittel des gesamten Nettovermögens. Und das wenige, das übrig bliebt, teilt sich der große Rest der Bevölkerung.

Der Fall Deutschland ist exemplarisch für viele Industriestaaten, in denen die Verteilung der Vermögen in den vergangenen Jahren immer ungerechter wurde. Die lockere Geldpolitik der Zentralbanken gilt als eine Ursache für diese Entwicklung. Die Nullzinspolitik ermöglichte die günstige Kreditaufnahme zum Erwerb von Immobilien, gleichzeitig sorgten niedrige Zinsen dafür, dass die Aktienkurse stark angestiegen sind. Privathaushalte mit geringen Einkommen können sich den Kauf von Aktien und Immobilien allerdings kaum leisten. Diese verteilungspolitischen Effekte werfen eine unangenehme Frage auf: Sind die Währungshüter mitverantwortlich für die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich?

Die Notenbanker wissen, dass die niedrigen Leitzinsen und Anleihekaufprogramme den Börsenboom anheizen. "Aber gleichzeitig stabilisieren wir mit unserer Geldpolitik die Arbeitsmärkte. Dadurch bleiben Arbeitsplätze erhalten und neue entstehen", sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Freitag per Video bei einer Konferenz in Florenz. Das stimmt, aber ein Plus an den Aktienmärkten erhöht das Vermögen des Besitzers sofort, die Entstehung von Arbeitsplätzen nach einer Krise verläuft zeitversetzt dazu. Die Geldpolitik wirkt nicht in allen Sektoren gleich schnell. Das belegt auch die aktuelle Situation. Von der Corona-Krise sind vor allem Menschen im Niedriglohnsektor betroffen. Viele haben ihren Job verloren. Darüber hinaus haben junge Menschen durch den Schulausfall Ausbildungslücken. Das Rettungsprogramm der EZB wird bei diesen Gruppen erst Wirkung entfalten, wenn der Lockdown beendet ist - doch die Aktienkurse sind auch während der Pandemie weiter gestiegen, in manchen Ländern auch die Immobilienpreise.

"Die Netto-Verteilungseffekte der Geldpolitik nachzuverfolgen, dürfte vergleichbar sein mit dem Lösen eines Zauberwürfels", sagte Bundesbankpräsident Jens Weidmann vor Kurzem in einer Rede. Denn jede einzelne Aktion setze zugleich auch eine andere Ebene in Bewegung. "Wird eine Ebene isoliert - oder der Versuch unternommen, eine Seite des Würfels zu fixieren -, können andere Transmissionsmechanismen in der Tat übersehen werden."

Die Nullzinsen belasten Verbraucher, aber sie erlauben ihnen auch den günstigen Autokauf auf Pump

Transmission bedeutet: Die Nullzinsen wirken auf die Wirtschaft über viele Kanäle. Sie belasten Sparer, aber sie erlauben Verbrauchern beispielsweise den zinsgünstigen Autokauf auf Pump. Manche Durchschnittsverdiener konnten sich dank der niedrigen Zinsen den Traum vom Eigenheim erfüllen, während andere mit weniger Geld höhere Mieten bezahlen müssen. Gleichzeitig machte in der Corona-Krise deutlich, dass Bildung ein wichtiger Faktor ist. Viele ungelernte Menschen haben in den vergangenen zwölf Monaten ihren Job verloren. Daran konnten zunächst auch die Rettungsprogramme der Notenbanken wenig ändern, während Menschen mit höherer Bildung ihre Jobs meist behielten und im Home-Office weiterarbeiten konnten. Doch bei aller Kritik an der lockeren Geldpolitik, weil sie die Reichen zunächst begünstigen mag: Nichts zu tun wäre auch keine Option, da "die negativen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit und einer volatilen Inflation überwiegend die Ärmsten der Gesellschaft treffen", so der ehemalige Gouverneur der Bank of England, Mark Carney.

Zentralbanker sind daher weitgehend einig. Sie leisten ihren Beitrag zu einer gerechten Gesellschaft, indem sie ihr Mandat erfüllen, nämlich für stabile Preise zu sorgen und die Finanzmärkte zu überwachen. Agustín Carstens, Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der Zentralbank der Zentralbanken, sagt: "Hohe Inflation und Rezessionen können extrem kostspielig sein. Die Inflation zu kontrollieren sorgt für Wachstum, schafft bessere Jobs und sorgt für eine bessere Verteilung der Einkommen." Die Ungleichheit wirklich zu bekämpfen, dafür seien die Regierungen zuständig - etwa durch eine andere Steuerpolitik.

© SZ/kö
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