Türkische Finanzkrise Erdoğan verscheucht das Geld

Wirtschafts- und Finanzpolitik Türkische Finanzkrise

Strafzölle erheben, iPhones boykottieren und böse Reden über die Wirtschaftslage verbieten: Der türkische Präsident Erdoğan tut gerade alles, um die Krise in seinem Land zu verschlimmern.

(Foto: AFP; Montage SZ)

Schwere Währungskrisen sind durchaus lösbar. Doch alles, was der türkische Präsident tut, verschlimmert die Lage noch. Das ist nicht nur für die Türkei brandgefährlich.

Kommentar von Nikolaus Piper

Kann der Sturz der türkischen Lira eine neue Finanzkrise auslösen, so wie die Pleite von Lehman Brothers im Jahr 2008? Sehr wahrscheinlich nicht. Dazu ist die Türkei, global gesehen, zu klein. Was aber sehr wohl droht, ist eine Wiederholung der Asienkrise, die 1997 und 1998 Thailand, Indonesien, die Philippinen, Malaysia und Südkorea erschüttert hat. In den vergangenen Tagen gab es deutliche Anzeichen dafür, dass sich, wie seinerzeit in Asien, andere Länder mit dem türkischen Virus angesteckt haben: Die Währungen Indonesiens, Südafrikas, Indiens, Argentiniens und Russlands stürzten ab, obwohl die meisten mit der Türkei wirtschaftlich kaum etwas zu tun haben. Ihnen ist nur gemein, dass sie ihre Entwicklung zu einem erheblichen Teil mit ausländischem Kapital finanziert haben. Noch ist daraus keine allgemeine Krise der Schwellenländer geworden. Aber die Furcht davor grassiert.

Wie der Türkei heute ging es vor 20 Jahren vielen asiatischen Ländern: Erst reformierten sie ihre Wirtschaft und hatten damit Erfolg, dann lockten sie Kapital aus dem Ausland und finanzierten damit weiteres Wachstum. Es folgten: der Realitätsverlust und schließlich der Absturz. In der Türkei kommt als besonderes Gefahrenpotenzial noch die Hybris des Präsidenten dazu. Recep Tayyip Erdoğan, der 2002 als Reformer begonnen hatte, wandelte sich zum Populisten und Autokraten, der seine früheren Erfolge systematisch zerstört. Den Preis müssen die Türken zahlen. Ähnliche Entwicklungen, wenn auch längst nicht so extrem, gibt es in anderen Ländern mit hoher Auslandsverschuldung. Die Ansteckungsgefahr ist so groß, weil sie unter Generalverdacht stehen. Die Risikoscheu auf den Finanzmärkten steigt, Schwellenländer gelten als gefährlich.

Dabei war die Entwicklung schon lange absehbar. Türkische Bürger und Unternehmen verschuldeten sich massiv in Dollar und Euro, weil das Geld spottbillig war. Zugleich investierten ausländische Anleger im großen Stil in der Türkei, weil sie dort höhere Erträge bekamen als im Westen mit seinen Niedrigzinsen. Es konnte keinen Zweifel daran geben, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein würde. Jetzt steigen die Zinsen im Westen wieder, die Kapitalströme haben sich umgedreht, Geld verlässt die Türkei. Zugleich ist der Dollar teuer geworden und mit ihm der Schuldendienst für die Türkei.

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Und dann gibt es noch den Populismusfaktor: Die Inflationsrate ist zweistellig, weil es die Notenbank in Ankara bisher nicht gewagt hat, gegen die Überhitzung der Wirtschaft die Zinsen zu erhöhen. Und Präsident Erdoğan tut seit Monaten alles, um die Krise noch zu verschärfen: Zinssenkungen verlangen, die Amerikaner und die Kapitalmärkte beschimpfen, Strafzölle erheben, iPhones boykottieren und böse Reden über die Wirtschaftslage verbieten - all das wirkt auf fast komische Weise hilflos, aber ist in Wirklichkeit brandgefährlich, weil Erdoğan so das Kapital aus dem Land treibt und die Rechnung für die Türkei immer mehr verlängert. Dass auch die USA populistisch regiert werden, macht die Sache nicht einfacher.

Der Populismus ist noch in anderer Hinsicht ein Problem. Auch schwere Währungskrisen sind lösbar, wenn es vertrauenswürdige Institutionen gibt, eine unabhängige Notenbank und Bankenaufsicht etwa, oder funktionierende Gewaltenteilung und eine freie Presse, die schonungslos über die Wirtschaftslage berichtet. Das alles ist in der Türkei nicht mehr gewährleistet. Kein Wunder, dass die internationalen Anleger zweifeln, ob die türkische Führung noch willens und in der Lage ist, ihre Verpflichtungen zu erfüllen.

Nach Meinung der meisten internationalen Ökonomen ist in der Türkei eine Rezession unvermeidbar. Die Frage ist nur: Kommt sie schnell und kontrolliert und fällt milde aus? Oder aber versucht Erdoğan, alles auszusitzen - dann kommt sie später und könnte verheerende Ausmaße annehmen. Um die milde Variante zu erreichen, müsste Erdoğan ziemlich genau das Gegenteil von dem tun, was er bisher tat. Er müsste sich aus der Geldpolitik heraushalten und Staatsausgaben kürzen. Er müsste zu den Wirtschaftsreformen zurückkehren, mit denen er anfangs so großen Erfolg hatte. Die Notenbank müsste bereit sein, die Zinsen kräftig zu erhöhen. Außerdem müsste das Land einen Stützungskredit beim Internationalen Währungsfonds beantragen, als vertrauensbildende Maßnahme.

Die türkische Zentralbank hat am Dienstag die Lira erst einmal dadurch stabilisiert, dass sie es erschwerte, auf den weiteren Verfall der Lira zu wetten. Solche Einschränkungen sind in einer Krise legitim und sinnvoll, aber sie kurieren nur das Symptom, nicht die Ursache der Krise und helfen daher nur kurzfristig. Mittelfristig muss die türkische Wirtschaft auf den Boden der Tatsachen zurückkehren,

Viel Zeit hat Erdoğan nicht, um seine Meinung zu ändern. Im kommenden Frühjahr werden viele Dollaranleihen fällig. Sollte es bis dahin keinen Krisenplan geben, könnte die Lage schlimm werden.

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