Tierhaltung Die Angst vor Schwanzbeißern

"Man muss sich das Schwein wie einen Eimer vorstellen", sagt die Wissenschaftlerin Sabine Dippel, die am Bundesforschungsinstitut für Tierschutz und Tierhaltung forscht. "Der Eimer füllt sich, wenn das Tier Schnupfen hat, ihm zu kalt ist, es lange am Futtertrog anstehen muss oder die Buchtennachbarn nerven", sagt Dippel. Sei der Eimer voll, reiche eine Kleinigkeit aus, um das Schwein aus der Balance zu werfen. Binnen weniger Stunden könne in einem Stall ein Blutbad ausbrechen.

Der Schwanz ist in der Einöde die pure Verführung. Er bewegt sich, man kann ihn erkunden, anknabbern, in den Mund stecken. Wenn die Wunde blutet, erlebt das Schwein einen neuen Geruch, einen neuen Geschmack. "Für manche Tiere ist das das Spannendste ihres Lebens", sagt Sabine Dippel. Die Forschung habe bisher noch keine Lösung für das Problem gefunden. Die Praxis zeigt aber, dass Schwanzbeißen in Bioställen seltener auftritt, weil Bioschweine sich nicht langweilen. Sie dürfen im Stroh wühlen.

In engen Ställen aber droht die Gefahr, dass sich die Tiere an den Schwänzen beißen. Deshalb werden sie gekürzt.

(Foto: Ulrich Baumgarten/picture alliance)

In dieser Woche besuchte die EU Kommission Betriebe in Bayern und Niedersachsen, um zu prüfen, woran es scheitert, dass die Richtlinie nicht greift. Aus einem behördlichen Schreiben, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt, geht hervor, dass die EU die Bundesregierung bereits im November darüber informiert haben soll, dass die ergriffenen Schritte nicht ausreichen, um das Amputationsverbot durchzusetzen. Weiter heißt es, die EU behalte sich künftig vor, eigene Maßnahmen zu ergreifen.

Ralf Remmert wirft noch eine Ladung Heu in die Bucht. "Na du", sagt er zu einem seiner Ferkel. Das Tier schüttelt sich das Futter vom Kopf und richtet die Schnauze auf den Boden. Zwei bis drei Mal am Tag ist Wühlzeit. Dann schaut Remmert nach den Tieren und gibt ihnen Heu oder gehackten Mais zusätzlich zum Kraftfutter. "Die Schweine brauchen was zu tun", sagt er und reibt sich das Heu von den Händen. Remmert ist ein ruhiger Typ, der gerne tüftelt. Er ist gelernter Elektroingenieur und hat sich vor mehr als zwanzig Jahren bewusst entschlossen, als Landwirt zu arbeiten. Den Hof in Neudorf übernahm er vor elf Jahren, seither züchtet er Prignitzer Landschweine. 1300 Sauen, 5000 Ferkel, 2500 Schweine in der Mast. Seit zwei Jahren dürfen sie den Ringelschwanz behalten. Bis dahin war es ein weiter Weg. "Auch ich habe schon Schwanzbeißer im Stall gehabt", sagt Remmert. Er musste die Tiere in eine gesonderte Krankenbucht stecken und sie beobachten, um herauszufinden, was ihnen missfiel. Das Stallklima? Der Regen? Das Nachbarschwein? "Vielleicht ist es dem Schwein zu dreckig, zu stinkig, zu langweilig, oder es fühlt sich schlapp", sagt Remmert. Er zieht kurz die Schultern hoch und lässt sie wieder sinken. "Die Lösung braucht Zeit", sagt er und streicht einem braun-rosa gefleckten Ferkel über den Rücken.

Es geht auch anders: Landwirt Ralf Remmert gibt seinen Tieren Heu - und schneidet die Schwänze nicht mehr ab.

(Foto: Katrin Langhans)

Schweine, das zeigt die Forschung, sind zufriedener, wenn sie Heu oder Stroh haben, um darin auf dem Boden zu wühlen. Sie brauchen Platz, um sich zu bewegen und mit ihrer Schnauze die Umgebung zu erkunden. Das wissen Landwirte, das wissen die Behörden. Vor drei Jahren haben die Regierungen in Deutschland, Dänemark, den Niederlanden und Schweden die EU in einer Stellungnahme gebeten, zusätzliche Tierwohlkriterien wie "mehr Platz" in die Richtlinie zu schreiben, um das Leben der Tiere zu verbessern.

Das Landwirtschaftsministerium könnte das nationale Recht auch eigenständig verschärfen, scheut diesen Schritt aber offenbar. Man befürchte, so heißt es in einem internen Schreiben aus den Reihen des Ministeriums, dass Mäster dann Tiere aus Nachbarstaaten importieren und so den Wettbewerb verzerren könnten. Nur: Wenn am Ende alle Länder der EU auf die anderen zeigen, wird sich am tristen Schweineleben nichts ändern. Litauen und Lettland zum Beispiel haben jetzt schon bessere Quoten als Deutschland. Dort darf EU-Schätzungen zufolge mehr als jedes zweite Schwein seinen Ringelschwanz behalten.

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In dem internen Schreiben aus Ministeriumskreisen heißt es weiter, es würden "massive tierschutzwidrige Zustände" in Ställen ausbrechen, sollte man das Verbot durchsetzen ohne die Haltungsbedingungen zu verschärfen. Ähnlich drastisch beschreibt die Landesbehörde in Sachsen-Anhalt den Konflikt: Schwanzbeißen sei ein Problem, dass man derzeit mit einem "tierschutzrechtlich grundsätzlich verbotenen Eingriff" bekämpfe. Um das Problem zu lösen, müsse man die Schweinehaltung "grundlegend" optimieren.

Zu einem ähnlich radikalen Schluss kam vor drei Jahren auch der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung in seinem Gutachten zur Nutztierhaltung. Die Wissenschaftler beklagten Defizite "vor allem im Tierschutz". Der Staat müsse das Tierwohl verbessern, der Verbraucher weniger Fleisch konsumieren. Das zufriedenere Leben fürs Schwein - so das Fazit der Agrarexperten - würde bis zu 23 Prozent mehr kosten, umgerechnet bis zu fünf Milliarden Euro im Jahr. Das Urteil war vernichtend: Die Haltungsbedingungen seien "nicht zukunftsfähig". Einer der Autoren drückte es in einem Interview mit der SZ mal so aus: Um das Tierwohl zu verbessern müsste man hierzulande neun von zehn Ställen abreißen, ein glückliches Schwein sei mehr als ein nicht gequältes.