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Lebensmittel:Erfolg und Fluch liegen in der Ökobranche eng beieinander

Bio-Paprika

Auch der Biomarkt ist längst ein globaler, mit allen negativen Begleiterscheinungen. Dazu gehört, dass immer mehr importiert werden muss.

(Foto: dpa)

Die Ideale der ökologischen Landwirtschaft lassen sich kaum mit Großställen und Monokulturen in Einklang bringen, die auch im Biosektor immer mehr Raum einnehmen.

Wenn das kein Grund zum Feiern ist: Die Biobranche hat beim Jahresumsatz erstmals die 10-Milliarden-Marke geknackt. Das entspricht sechs Prozent Plus - ein Zuwachs, von dem die Lebensmittelbranche insgesamt nur träumen kann. Auch die Verbraucher freut es: Tomaten, Wurst oder Tiefkühlpizza in Bioqualität gibt es inzwischen auch beim Discounter um die Ecke. Weite Wege zum nächsten Naturkosthändler muss dafür heute niemand mehr zurücklegen.

Es könnte also kaum besser laufen für die Ökobranche, so scheint es. Die Käufer kommen inzwischen aus allen Schichten. Viele sind überzeugt, damit nicht nur sich, sondern vor allem ihrer Umwelt etwas Gutes zu tun. Das ist gut so, zeigt dies doch, dass sich im Bewusstsein etwas verändert hat, dass Nahrungsmitteln wieder mehr Wert beigemessen wird. Passé ist allem Anschein nach die Geiz-ist-Geil-Ära der frühen 2000er Jahre. Was einst als Nische für Ökospinner verschrien war, hat sich zu einem Massenphänomen entwickelt.

Betriebe mit 30 000 Legehennen verstoßen ganz klar gegen die Ideale der Ökoszene

Doch Erfolg und Fluch liegen eng beieinander. Die Ideale der ökologischen Landwirtschaft lassen sich kaum mit Großställen und Monokulturen in Einklang bringen, die auch im Biosektor immer mehr Raum einnehmen. Allein in Brandenburg leben 90 Prozent der Bio-Legehennen in Großbetrieben mit 30 000 Tieren und mehr - ein klarer Verstoß gegen die Glaubensbekenntnisse der Ökoszene.

Dass Paprika aus Spanien, Trauben aus Südamerika und Äpfel aus Neuseeland, kommen, ist längst auch bei bio Usus. Reicht die heimische Produktion nicht aus, wird Bioweizen in Rumänien oder der Ukraine geordert, wo Kontrolleure mitunter nicht so genau hinschauen. Kartoffeln kommen aus Ägypten oder von noch weiter her. Nach den Arbeitsbedingungen vor Ort fragt kaum jemand.

Auch der Biomarkt ist längst ein globaler, mit allen negativen Begleiterscheinungen. Dazu gehört, dass immer mehr importiert werden muss. Die Nachfrage nach Bioprodukten ist hierzulande in den vergangenen fünf Jahren im Vergleich zur Produktion um mehr als das doppelte gestiegen. Und die Angebotslücke wächst weiter. Schuld daran trägt zum Teil auch die Politik, die die Förderung für den ökologischen Landbau in den vergangenen Jahren zurückgefahren hat, was so manchen Landwirt an einem Umstieg hindert.

Zugleich ist die Biobranche auf dem Weg, ihre eigenen Ideale über Bord zu werfen. Grenzenloses Wachstum und Massenproduktion, das hatten die Gründer der Ökobewegung vor knapp einhundert Jahren sicher nicht im Sinn. Im Gegenteil, sie wollten schon damals ein deutliches Zeichen gegen die aufkommende industrielle Landwirtschaft setzen. Ihr Ziel war es, gute Nahrungsmittel mit kurzen Lieferwegen anzubieten, ohne Pestizide und Kunstdünger. Verbunden mit einer artgerechten Tierhaltung auf Höfen mit überschaubarer Größe, die eine umweltverträgliche Kreislaufwirtschaft betreiben.

Auf diese Prinzipien verlassen sich noch immer viele Konsumenten. Dass das Vertrauen in Bioprodukte höher ist als in konventionelle, liegt zudem an den gesetzlicher Regeln und Kontrollen. Aber auch diese können nicht verhindern, dass sich die Branche rasant verändert. Angefeuert wird der Wandel durch die großen Handelsketten Aldi, Lidl, Rewe und Edeka, die konventionelle wie Bio-Erzeuger unter großen Preis- und Leistungsdruck setzen.

Auf der Strecke bleiben dabei ausgerechnet diejenigen, die auf Klasse statt auf Masse setzen. Also jene, die für die Ideale des Ökolandbaus stehen. Dazu gehören etwa deutsche Obstbauern, die zu wenig Abnehmer in der Lebensmittelindustrie finden, weil regional erzeugte Ware entgegen aller Lippenbekenntnisse nichts gilt, wenn die Konkurrenz aus dem Ausland billiger anbietet. Die Biobranche begibt sich mit solchen Geschäftspraktiken auf eine gefährliche Gratwanderung.

Für Verbraucher bedeutet das, dass sie bei Bioprodukten genauer hinsehen müssen. Sie haben mit ihrer Kaufentscheidung großen Einfluss darauf, in welche Richtung sich der Biosektor entwickelt. Bioerdbeeren mitten im Winter, die um den halben Erdball transportiert werden, das muss nicht sein.

Wer seine Speisezettel an der Saison ausrichtet, kann Obst und Gemüse kaufen, das in nächster Nähe angebaut wird. Wer im Bioladen kauft, verursacht weniger Plastikmüll, weil dort im Gegensatz zum Supermarkt Bioobst und -gemüse nicht extra verpackt sein muss. Zugleich müssen Handel und Lebensmittelindustrie für mehr Transparenz sorgen, etwa mit genauen Angaben zur Herkunft von Produkten. Es steht viel auf dem Spiel: die Glaubwürdigkeit einer Branche, die sich große Ziele gesetzt hat.

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