Supermarktfusion Tengelmann-Streit: Internes Protokoll widerlegt Aussagen von Rewe-Chef

Sagt, es sei alles klar gewesen. Dabei bezweifelten das selbst seine Mitarbeiter: Rewe-Chef Caparros.

(Foto: Oliver Berg/dpa)
  • Interne Dokumente widerlegen die öffentlichen Aussagen von Rewe-Chef Alain Caparros im Gefeilsche um die Supermarktkette Kaiser's Tengelmann.
  • Caparros behauptet, dass sich alle Parteien am 6. Oktober über eine Aufteilung der Tengelmann-Filialen zwischen Edeka und Rewe geeinigt hätten.
  • Er wirft Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub vor, sich anschließend überraschend zurückgezogen zu haben.
  • Das Protokoll einer Telefonkonferenz zeigt hingegen, dass Caparros' eigene Mitarbeiter nicht von der geplanten Aufteilung überzeugt waren.
Von Michael Kläsgen

Ein internes Protokoll zum Streit um die Supermarktkette Kaiser's Tengelmann widerspricht den öffentlichen Aussagen von Rewe-Chef Alain Caparros. Den Dokumenten zufolge, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen, stimmen die von Caparros in Interviews getätigten Statements nicht mit dem überein, was tatsächlich auf Arbeitsebene zwischen den zerstrittenen Parteien gesagt wurde. Zuletzt äußerte sich Caparros in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In dem Interview zeigte sich Caparros überaus wütend darüber, in dem Gefeilsche um Kaiser's nun als Buhmann dazustehen. Also als derjenige, der verantwortlich für den drohenden Verlust von bis zu 8000 Arbeitsplätzen sein soll.

Caparros' sagte in dem Interview: "Am 6. Oktober erst saßen wir alle zusammen und hatten eine Einigung erzielt." An dem Tag fand das erste Krisentreffen zwischen den Chefs der Supermärkte von Edeka, Kaiser's Tengelmann, Rewe und der Gewerkschaft Verdi statt. Die Einigung sah nach Caparros' Worten vor, dass die Märkte in Berlin und NRW an Rewe gehen, die im Raum München an Edeka. "Und zwar unter Einhaltung der Auflagen aus der Ministererlaubnis", fügt Caparros hinzu. Das heißt, unter Sicherung aller offiziell 16 000 Arbeitsplätze mittels Tarifverträgen, die über fünf Jahre laufen. Dass tatsächlich über diese Aufteilung diskutiert wurde, bestreitet keiner der anderen Teilnehmer.

Doch dann ergänzt Caparros: "Wir wollten uns sofort dransetzen und die Details aushandeln, aber da kam plötzlich nichts mehr. Und jetzt Donnerstagabend kündigt Herr Haub plötzlich an, am Montag mit der Zerschlagung zu beginnen. Das soll mir mal einer erklären." Er wirft dem Eigentümer von Kaiser's Tengelmann, KarlErivan Haub, damit vor, abrupt, ohne Absprache, willkürlich "wie der Sonnenkönig" über das Ende von Kaiser's entschieden zu haben.

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Caparros eigene Mitarbeiter warnten vor kartellrechtlichen Problemen

In Wahrheit haben seine eigenen Leute von Beginn an daran gezweifelt, dass sich die angedachte Aufteilung der Märkte realisieren lässt. Ein Protokoll der Telefonkonferenz vom vergangenen Mittwoch, dem 12. Oktober, bestätigt das. Darin heißt es: "Von Rewe wurde sodann ausgeführt, dass sich an der Einschätzung zu den kartellrechtlichen Problemen seit dem Treffen am Montag nichts verändert hat. Es ist weiterhin sehr fraglich, ob eine Weitergabe (insbesondere) der beiden Regionen Berlin und Nordrhein von Edeka an Rewe nach Vollzug des Kaufvertrages zwischen Edeka und Tengelmann sich noch im Rahmen der Ministererlaubnis bewegt." Caparros widerspricht insofern mit seiner Aussage, es sei alles klar gewesen, der Einschätzung seiner eigenen Mitarbeiter diametral.

Vielmehr hatten diese bereits am Montag, also bei der ersten Zusammenkunft der Kontrahenten auf Arbeitsebene nach dem Krisentreffen der Unternehmenschefs, ihre Zweifel an der Umsetzbarkeit einer Aufteilung angemeldet.

Caparros sucht anscheinend nach einem neuen Buhmann

Die Verwunderung von Caparros über Haubs Ankündigung ist umso überraschender, als er am Dienstag, 11. Oktober, selber per Mail seine Teilnahme an einer "Elefantenrunde", die für Samstag geplant war, absagte. Stattdessen schlug er nach Haubs Ankündigung zur Zerschlagung vor, einen Schlichter einzuschalten. Der solle "Kompetenz sowie Autorität" haben und "neutral" sein. "Am besten wäre es, wenn Herr Gabriel es selbst macht." Das wirkte wie ein Witz. Bis dahin hatte der Rewe-Chef sehr deutlich durchblicken lassen, dass er vom Bundeswirtschaftsminister nur sehr wenig hält. In einem Spiegel-Interview warf er ihm Befangenheit und Inkompetenz vor. An der Schlichterfrage hing am Sonntag das nächste Chef-Treffen. Es sollte eigentlich an diesem Montag stattfinden. Aber niemand will offenbar von Caparros die Buhmann-Rolle zugeschoben bekommen.

Derweil beginnt Haub an diesem Montag mit der Zerschlagung. 30 bis 40 der 105 Filialen in NRW hält er für unverkäuflich. Edeka soll bei dem Einzelverkauf als Erster zum Zuge kommen. Bis der erste Supermarkt verkauft ist, werden aber ein paar Wochen vergehen. Bis dahin könnte Caparros noch einlenken.