Studie zu Zwangsarbeit von Häftlingen:100 Millionen Strumpfhosen

Aus der Haftanstalt Cottbus wurden der Studie zufolge in der Ära Honecker insgesamt 200.000 Fotoapparate und aus dem Frauengefängnis Hoheneck 100 Millionen Damenstrumpfhosen in den Westen exportiert. Die Strumpfhosen wurden von Aldi, Karstadt, Hertie, Horten, Kaufhof, Kaufhalle und Woolworth verkauft. Gefangene waren außerdem an der Produktion von Fernsehern, Motorrädern und Farbfilmen (für Neckermann), Küchenherden (für Quelle) sowie Kerzen (für Schlecker) beteiligt.

Auch Werkzeugkästen und Schreibmaschinen wurden teils in Gefängnissen gefertigt und dann in den Westen geliefert. Häftlingsarbeiter produzierten außerdem zusammen mit freien Arbeitern Kupferdraht, Elektromotoren, Mähdrescher, Gussteile, Schuhe, Glasseide, Spindeln, Schaltelemente, Autoscheinwerfer sowie Motorradteile für den Westexport.

Von Januar 1982 an mussten zunächst 20, später 130 Gefangene aus Gräfentonna für den VEB Fahrzeugelektrik Ruhla arbeiten. Zehn Häftlingsarbeiter fertigten Gehäuse für Kfz-Zusatzscheinwerfer. Dieser Betriebsteil Eisenach galt als "exportintensiv" und lieferte Kfz-Scheinwerfer an den Volkswagen-Konzern. Unklar sei, ob es sich um die von Gefangenen hergestellte Produktlinie handelte, heißt es in der Studie.

Volkswagen unterstrich in einer Stellungnahme, dass das Unternehmen "jede Form der Zwangsarbeit und wissentlichen Nutzung von Zwangs- und Pflichtarbeit" ablehne. Man wisse aber nichts darüber, dass möglicherweise Gefangene in DDR-Betrieben für Lieferungen an VW mitgearbeitet hätten. Der Wissenschaftler Wunschik fand weiter heraus, dass in nahezu allen Stahlwerken der DDR Häftlinge eingesetzt wurden. Sie hätten große Konzerne in der Bundesrepublik, Österreich und der Schweiz beliefert, darunter Mannesmann, Bayer und BASF. Die Chemischen Werke Buna, in denen rund 100 Häftlinge arbeiteten, verkaufte laut Studie PVC-Folie an die Firma Otto Wolff.

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, hat Unternehmen aufgefordert, die Aufklärung der Zwangsarbeit von DDR-Häftlingen finanziell zu unterstützen. "Wichtig ist es, den Menschen, die damals als Häftlinge gearbeitet haben, gerecht zu werden", sagte Jahn der Nachrichtenagentur dpa. Wie viele Westfirmen davon profitierten, kann laut Jahn-Behörde nicht exakt gesagt werden. Dazu bedürfe es weiterer Forschung.

Charakteristisch für die Arbeit von politischen Häftlingen in DDR-Gefängnissen war, dass sie zusammen mit Kriminellen arbeiten mussten. Teilweise brachten veraltete Maschinen sie dabei in Lebensgefahr oder ruinierten ihre Gesundheit.

© SZ vom 16.01.2014/fran
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