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Start-ups:Gruppentherapie für Gründer

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Wie sag ich's meinen Teamkollegen? Die Gründer von Start-ups müssen lernen, richtig zu kommunizieren, sonst schwinden die Erfolgschancen.

(Foto: Josep Suria/imago images)

Start-ups können scheitern. Oft liegt das aber nicht am fehlenden Geld oder an einer schlechten Idee. Sondern daran, dass das Team nicht funktioniert. Wie lässt sich das verbessern? Eine Studie von Forschern der TU München gibt Aufschlüsse.

Von Helmut Martin-Jung

Das hatte Nicola Breugst nicht erwartet: Als das Gründerteam am Ende eines durchaus problembewussten Gesprächs vom Coach gefragt wurde, wie es denn so laufe im Team, stellten die Gründer die Lage viel besser dar als sie war. Breugst, Professorin für Entrepreneurship an der TU München, wusste es besser. Sie kannte die Jungunternehmer schließlich genau. In einer auf drei Jahre angelegten Studienreihe begleiteten sie und ihr Team zwölf ausgewählte Start-ups mehr als ein Jahr lang bei deren Gehversuchen.

Breugst und ihr Kollege Holger Patzelt haben auch noch andere Untersuchungen vorgenommen, dank finanzieller Unterstützung der Joachim Herz Stiftung. Ihre wichtigste Erkenntnis: Die psychische Seite von Unternehmensgründungen wird zu wenig beachtet. Das fängt schon am Anfang an.

Deutschland hat ja ein Problem. Seine Forscherinnen und Forscher gehören zur Weltspitze. Doch wenn es darum geht, Erkenntnisse auch praktisch umzusetzen, sind andere Länder besser. Viel ist schon darüber geschrieben worden, dass es in Deutschland wie überhaupt in Europa weniger Geld für Gründer gibt - was sich allerdings in den vergangenen Jahren stark verbessert hat. Doch es gibt auch andere, weiche Faktoren, die für den Erfolg von Start-ups mindestens ebenso wichtig sind.

Viele Forscher haben nicht gleich den Mut, ein Unternehmen zu gründen. Hier hat sich gezeigt, sagt Studienleiterin Breugst, dass ein spielerisches Herangehen potenziellen Gründern die Angst nehmen kann. Bei sogenannten Makeathons - darin stecken das englische make (machen) und Marathon - kann ohne Erfolgsdruck ausprobiert werden, wie es wäre, aus einer guten Idee ein Unternehmen zu machen.

Jungen, technisch orientierten Gründern fällt es schwer, den Übergang vom wissenschaftlichen Arbeiten zur praktischen Umsetzung zu meistern. Während in der Forschung exakt gearbeitet werden muss, geht es in der Praxis vor allem darum, Kunden zufriedenzustellen.

Gründen kann an die Nieren gehen

Gründen bringt zudem eine hohe psychische Belastung mit sich: "Das ist eine Achterbahnfahrt", sagt Nicola Breugst, "da gibt es Höhenflüge und echte Tiefpunkte". Einmal pro Woche könne es durchaus zu einem Rückschlag kommen, etwa wenn ein Auftrag wegbricht oder das Geld knapp wird. "Das führt dann zu einer Spirale von negativen Emotionen, und man ist dann auch womöglich nicht mehr so leistungsfähig." Man müsse daher auch mal abschalten und eine klare Trennlinie zwischen Job und Privatleben ziehen. Manche seien so belastet, dass sie externe Hilfe bräuchten.

Der wichtigste Faktor für die Erfolgsaussichten eines Start-ups aber ist das Team selbst. Vor allem solche Teams, deren Mitglieder aus verschiedenen Disziplinen stammen, haben bessere Chancen - vorausgesetzt, sie nutzen dies auch. "Studienfächer prägen uns, wie wir die Welt sehen", sagt Forscherin Breugst, "Menschen mit einem technischen Hintergrund etwa bekamen die ganze Zeit eingebläut, dass alles perfekt sein muss." Designer oder Betriebswirtschaftler sähen die Dinge oft ganz anders.

Entscheidend sei nun, so das Ergebnis der Studie, dass das Gründungsteam lerne, aufeinander zu hören und jedes Mitglied wertzuschätzen. "Da kommen Kulturen zusammen, die sich erst zusammenraufen müssen", sagt Breugst. So müsse etwa festgelegt werden, wie man Entscheidungen trifft, wer den Hut aufhat. Das heiße aber nicht, dass Chef oder Chefin alles entscheiden: "Platzhirsch-Gehabe stört hier eher." Helfen können auch Mentoren, die selbst aus der Wissenschaft kommen und die Probleme der Gründer aus eigener Erfahrung kennen.

Mehr Coaches sollen helfen

Eine sehr wichtige Rolle spielen Vertrauenspersonen, die Start-ups begleiten. Die TU will ihre Zahl künftig erhöhen und sie auch für die psychischen Fragen sensibilisieren. Alle Teammitglieder müssten sich an diese Vertrauensperson wenden können, "der Coach muss eine Bezugsperson sein".

Aber wie findet man überhaupt Mitglieder für ein Team? "Mit drei Freunden sprechen, einer sagt dann schon ja" - das sei die häufigste Methode, sagt Breugst. Oft seien sich die Teammitglieder dann aber zu ähnlich. Sie hält es für vorteilhaft, wenn sich Gründer Leute in ihr Team holen, mit denen sie schon einmal gearbeitet haben. Auch die Mentoren versuchten, Talente zusammenzubringen. Doch bloß nach den Fähigkeiten könne man nicht gehen, "man muss sich auch sympathisch sein".

Und was passiert, wenn sich das ändert, wenn ein Teammitglied partout nicht mehr ins Team passt? "Da gibt es keinen Kompromiss", sagt Breugst. Wenn der Erfolg des Unternehmens auf dem Spiel stehe, müsse ein Mitglied auch mal gehen. Man sollte sich dafür aber Hilfe holen, rät sie, "die Trennung sollte mit einer positiven Geschichte enden".

Nichts brodeln lassen

Damit es keine Überraschungen gibt, ist ein Gesellschaftervertrag sehr ratsam, auch die Investoren sollten solche Entscheidungen begleiten. Vor allem, wenn Start-ups älter werden, komme es häufig vor, dass Gründer das Unternehmen verlassen müssen. Brodeln lassen sollte man Unstimmigkeiten im Team jedenfalls nicht, "die schlechten Gefühle gehen nicht von selbst weg", sagt Breugst.

Um Gründungen von Wissenschaftlern zu fördern, raten die Studienautoren, Entrepreneurship an den Universitäten zu verankern, gute Gründungsberatung zu organisieren, Räume anzubieten und Vorbilder zu schaffen und zu zeigen. Die Teams sollten interdisziplinär sein, die Coaches möglichst in räumlicher Nähe angesiedelt. Diese sollten auch an Gesprächen mit Investoren, Partnern oder Kunden teilnehmen.

An der TU München sollen Erkenntnisse aus der Studie nun in die Praxis umgesetzt werden, so soll es etwa mehr Coaches geben. Der spielerische Ansatz, mit Makeathons zum Gründen zu animieren, habe sich ebenso bewährt und soll verstärkt angeboten werden. Auch viele andere Universitäten, sagt Mitautorin Breugst, hätten großes Interesse an den Studienergebnissen.

© SZ
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