Versicherungen:Start-ups beklagen Aufsichts-Aktionismus

Lesezeit: 3 min

Pressebild: Ramin Niroumand, Finleap

Ramin Niroumand, Gründer und Chef des Berliner Inkubators Finleap, wirft der Bafin Aktionismus vor.

(Foto: Finleap/oh)

Die Digitalisierung in der Versicherungsbranche kommt nur langsam voran. Start-ups sehen sich hier vor allem durch die Bafin ausgebremst.

Von Christian Bellmann und Friederike Krieger, Köln

Deutschland droht bei der Digitalisierung im Banken- und Versicherungsbereich ins Hintertreffen zu geraten. Mitverantwortlich ist die Finanzaufsicht Bafin, glaubt Ramin Niroumand, Gründer und Chef des Berliner Firmengründers Finleap, einem sogenannten Inkubator. "Aufgrund von individuellen Fehlern und Versagen in der Vergangenheit wird da gerade ein massiver Aktionismus betrieben, der keinem hilft, und schon gar nicht dem Verbraucher, den es zu schützen gilt", sagte er bei einer Konferenz der SZ. Finleap hat Start-ups wie die Solarisbank, den Versicherer Element und den Versicherungsmakler Clark gegründet.

Gerade solche Unternehmen bekämen die Unsicherheit, die nach dem Wirecard-Debakel und dem Skandal um die Greensill-Bank bei der Finanzaufsicht Bafin vorherrscht, unverdienterweise stark zu spüren, moniert Niroumand. Sie beäuge Fintechs und Insurtechs, also Start-ups im Bank- und Versicherungsbereich, immer skeptischer. "Es ist für uns schon eine Herausforderung, wenn sich eine Aufsicht offiziell dazu bekennt, dass sie digitale Geschäftsmodelle im Versicherungsbereich nicht positiv sieht." So berichten Insurtechs, die eine Versicherungslizenz haben wollen, von langatmigen Antragsprozessen und erhöhten Kapitalanforderungen.

Es sei Unsinn, Greensill als Fintech-Bank darzustellen und die Pleite damit in ein falsches Licht zu rücken, betonte Niroumand. Die in Bremen ansässige deutsche Greensill-Tochter sei ein etabliertes privatwirtschaftliches Finanzinstitut gewesen. "Da haben die ganz normalen Kontrollinstanzen versagt, die wir schon lange haben."

Etwas später als bei den Banken sind in den vergangenen Jahren auch bei den Versicherungen immer mehr Jungunternehmen an den Start gegangen. Inzwischen gibt es eine Reihe von Versicherern mit entsprechender Lizenz. Dazu gehören neben der Finleap-Gründung Element auch Wefox, Getsurance oder Friday. Andere Start-ups in dem Bereich sind inzwischen als Dienstleister für Versicherer unterwegs. Sie bieten an, einzelne Teile des Geschäftsbetriebs wie die Abwicklung von Schadenfällen zu digitalisieren.

"Hier spielt die Musik der Zukunft."

Nina Henschel, Vorstand bei der R+V Krankenversicherung, glaubt, dass die Versicherer bei der Digitalisierung viel erreicht haben. Allerdings: Kunden müssten auch dazu bewegt werden, die Onlineportale und Apps der Versicherer zu nutzen. "Hier gibt es gute Beispiele, aber auch noch viel Potenzial", erklärte sie. Noch nicht viele positive Vorbilder sieht sie bei der Integration der Versicherer in digitale Orte, in denen viele Kunden unterwegs sind. Dazu zählt sie das Online-Banking oder Online-Shopping bei Amazon. "Hier spielt die Musik der Zukunft."

Den Versicherern bleibt dafür nicht ewig Zeit. Die Tatsache, dass viele Insurtechs wieder vom Markt verschwunden sind, von Versicherern aufgekauft wurden oder sich vom Angreifer zum Kooperationspartner gewandelt haben, bedeute nicht, dass sich die etablierten Gesellschaften keine Sorgen mehr vor einer tief greifenden Veränderung durch digitale Angreifer, also die Disruption, machen müssen, glaubt Finleap-Chef Niroumand. "Die Leute messen zu früh."

Jan Meessen, der bei Google Deutschland für die Versicherungsbranche zuständig ist, sieht das ähnlich. Auch die Lebensversicherer, die sich wegen ihrer komplexen und schwer digitalisierbaren Policen in Sicherheit wiegen, seien vor einer Disruption nicht gefeit. "Den Tesla-Moment wird es geben", sagte er.

Sobald es einem großen Anbieter gelinge, die Komplexität aus den Policen herauszunehmen und eine funktionierende Omnikanal-Lösung zu präsentieren, wären die anderen Anbieter gezwungen, mitzuziehen. Er würde sie ähnlich vor sich hertreiben, wie es der Elektroauto-Hersteller Tesla mit der Autoindustrie macht.

Momentan sieht Meessen gerade bei der Altersvorsorge viel Verbesserungsbedarf. "Aktuell gibt es in Deutschland kein Unternehmen, das eine wirkliche Omnikanal-Lösung anbietet", sagte er. Damit ist gemeint, dass ein Versicherer über alle Kanäle gleich gut erreichbar ist, sei es über Call-Center, Internet oder vor Ort. Wer sich für das Thema Vorsorge interessiere, sei auf der Homepage eines Versicherers mit einer Vielzahl unterschiedlicher Angebote konfrontiert - und mit der Frage relativ allein gelassen, welches am besten zu den eigenen Bedürfnissen passe. "Die Verzahnung mit dem Telefon- oder Chatsupport fehlt noch", glaubt Meessen.

Auch in anderen Sparten wie der Sachversicherung scheint die Kommunikation noch verbesserungswürdig. Im Zentrum stünden meist nur der Antrag und der Schadenfall, monierte Anna Bojić, Mitgründerin des Technologie-Anbieters Miss Moneypenny. "Der Kunde ist immer da, nur der Versicherer ist jahrelang abwesend", sagte sie.

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