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Sparen:Die Riester-Rente macht Sparern immer weniger Spaß

Illustration: Stefan Dimitrov

Die Riester-Rente gibt es seit 20 Jahren. Sie muss ersetzt werden, fordern Verbraucherschützer. Ist das Vorsorge-Modell noch zu retten?

Von Herbert Fromme, Köln

Das ist kein schöner Geburtstag der Riester-Rente, die 2001 beschlossen wurde. Gleich drei Verbraucherschutzorganisationen haben sich zusammengetan zur Aktion "Stoppt die Riester-Rente - sonst sehen wir alt aus". Am Dienstag haben sie vor dem Kanzleramt gegen die staatlich geförderte private Altersversorgung protestiert. Klaus Müller, Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband, Gerhard Schick, Vorstand Bürgerbewegung Finanzwende, und Axel Kleinlein, Vorstand beim Bund der Versicherten (BdV), waren vor Ort, haben Interviews gegeben und sich fotografieren lassen.

"Die Aktion soll ein Gegengewicht bilden gegen das, was die Finanzlobby macht", erläutert Schick. Er wirft den Versicherern vor, eine echte Reform der privaten Altersvorsorge zu hintertreiben und darauf zu setzen, Riester mit kleinen Änderungen am Leben zu erhalten.

Dass Schick am Dienstag gegen die Riester-Rente protestiert hat, hat eine besondere Note. Denn er war lange Jahre ein prominenter Finanzpolitiker der Grünen, die in der rot-grünen Koalition 2001 die Riester-Rente mit beschlossen haben. Schick saß von 2005 bis 2018 im Bundestag, bevor er Vorstand der Bürgerbewegung Finanzwende wurde. Er war bei der Einführung also nicht direkt beteiligt. Aber seine Partei, die heute lautstark die Abschaffung von Riester fordert, hat sie mit konzipiert. Auch die SPD, deren Arbeitsminister Walter Riester ungewollt Namensgeber dieser Form der privaten Altersvorsorge wurde, möchte heute am liebsten nichts mehr davon wissen. Dabei gibt es 16,5 Millionen Verträge, allerdings wird nur noch für 10,5 Millionen der staatliche Zuschuss beantragt und gezahlt.

Schick kennt die Rolle seiner Partei in der Riester-Geschichte. "Damals war man davon ausgegangen, dass wegen der Zulagen sehr viele mitmachen und die Kosten niedriger bleiben", sagt er. "Aber die Annahmen sind nicht eingetroffen, die Kosten sind oft viel höher und die Renditen deutlich niedriger als damals erwartet."

Vertriebs- und Verwaltungskosten sind beträchtlich

Die niedrigen Renditen sind ein direktes Ergebnis der seit Jahren niedrigen Zinsen. Das kann niemand den Versicherern oder den Fondsgesellschaften vorwerfen. Aber wie steht es mit den Kosten? Da sind die Einflussmöglichkeiten der Anbieter beträchtlich.

Hier liegt tatsächlich das Problem. Vertriebs- und Verwaltungskosten sind beträchtlich. Der BdV hat Mitteilungen von Versicherungsgesellschaften gesammelt. Beispiel HDI-Riester-Rentenversicherung: Das Kundenguthaben betrug Ende 2018 7960 Euro (die Beträge wurden gerundet). Der Kunde hat im Jahr 2019 insgesamt 645 Euro Beitrag gezahlt. Die staatlichen Zulagen beliefen sich auf 175 Euro, die garantierte Verzinsung auf 190 Euro. Alles gut, könnte man denken. Doch dann finden sich in der jährlichen Standmitteilung des Versicherers die Kostenpositionen: zehn Euro Abschluss- und Vertriebskosten - und 210 Euro "laufende tarifliche Kosten".

Am Ende des Jahres beträgt das Guthaben 8750 Euro. Aus 7960 Euro sind 8750 Euro geworden, 790 Euro mehr. Der Kunde hat aber 645 Euro eingezahlt, der Staat 175 Euro, zusammen 820 Euro. Die Kosten haben von den Einzahlungen 30 Euro aufgefressen, außerdem den gesamten Ertrag aus der Police.

Auch Fondsgesellschaften können zulangen, so die Deutsche-Bank-Tochter DWS: Ende 2018 betrug das Guthaben eines Riester-Vertrages 21 050 Euro. Der Kunde zahlte 2019 insgesamt 1420 Euro ein. Die Zulage betrug 175 Euro - die Abschluss- und Vertriebskosten zehn Euro, die Verwaltungskosten 15 Euro - und die "Verwaltungskosten des Investmentfonds" satte 180 Euro. Die Kosten liegen mit 205 Euro über der staatlichen Zulage. Trotzdem dürfte dieser Kunde sich am Jahresende 2019 gefreut haben - sein Vertrag hat über die Rendite der Fonds 2700 Euro erwirtschaftet.

Der Höchstsatz liegt derzeit bei 0,9 Prozent

Dass die Debatte aktuell hochkocht, liegt an der Absenkung des Höchstrechnungszinses durch die Bundesregierung. Ab Januar 2022 dürfen Lebensversicherer ihren Kunden höchstens 0,25 Prozent Verzinsung pro Jahr garantieren (müssen es aber nicht). Zurzeit beträgt der Höchstsatz 0,9 Prozent.

Mit der neuen Obergrenze haben fast alle Versicherer ein Problem: Sie können dann kaum noch Riester-Policen anbieten. Denn bei Riester müssen sie den Erhalt der eingezahlten Beiträge garantieren, am Ende muss mindestens so viel Geld da sein, wie der Kunde eingezahlt hat - von Rendite ganz zu schweigen.

Weil sie aber nur den Sparanteil der Prämie anlegen, also die Beiträge minus Kosten, und auf diesen Sparanteil eine Rendite von höchstens 0,25 Prozent garantieren dürfen, erreichen sie mit den Verträgen den Erhalt der eingezahlten Beiträge kaum noch, jedenfalls könnten sie ihn nicht garantieren. Die beiden staatlichen Vorgaben Höchstrechnungszins von 0,25 Prozent und Beitragserhalt bei Riester beißen sich.

Herbert Schneidemann hat nachgerechnet. Er ist Vorstandschef des Münchener Versicherers Bayerische und Vorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung, in der sich die Versicherungsmathematiker zusammengeschlossen haben. Beim reduzierten Garantiezins und einem üblichen Durchschnittsbeitrag dürften die Kosten nur bei ein bis zwei Euro im Monat liegen - und damit ließen sich Verwaltung und Vertrieb nicht finanzieren. Schneidemann glaubt, dass viele Versicherer Riester 2022 aufgeben, wenn es nicht noch eine Reform des Systems gibt. Allerdings: Schon vor der aktuellen Entscheidung der Bundesregierung haben viele Gesellschaften kaum noch Riester-Verträge verkauft.

Schneidemann verlangt eine Reduzierung der Beitragserhaltsgarantie auf 80 Prozent. Das heißt, der Kunde kann bis zum Beginn der Rentenzahlung bis zu 20 Prozent des eingezahlten Kapitals verlieren. Dann könnten die Versicherer einen viel größeren Teil der Kundengelder in Aktien und alternativen Investments anlegen und so die Renditechancen erhöhen.

"Das wäre wieder so eine kleine Korrektur des bestehenden Systems."

Aber Schick und seine Mitstreiter wären nicht zufrieden mit einer solchen Änderung. "Das wäre wieder so eine kleine Korrektur des bestehenden Systems", sagt er. "Die gab es schon öfter, und sie haben alle nichts gebracht."

Schick will die bestehenden Riester-Sparer schützen, aber das System für neue Verträge schließen. "Es ist nicht klug, an einem System festzuhalten, das 20 Jahre lang die Erwartungen nicht erfüllt hat."

Schick tritt - wie viele Politiker bei Grünen, CDU/CSU und SPD - für ein öffentliches System ein, das ohne Gewinnabsicht das Sparen für die Bevölkerung betreibt, vor allem über Aktien. "Das muss so organisiert sein, dass man keinen klassischen Vertrieb braucht."

Und was passiert nach der nächsten Aktienkrise? "Wenn man 20 oder 40 Jahre als Anlagehorizont hat, kann man jeden Aktiencrash aussitzen." Es sei nie klug, auf Aktien zu setzen, wenn man das Geld im kommenden Jahr braucht. Beim Sparen für die Altersvorsorge müsse man vor dem Rentenbeginn in den sicheren Hafen anderer Anlagen kommen.

© SZ
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